Rezension zu »Kaltes Licht« von Garry Disher

Kaltes Licht

von


Ein neuer, sympathischer Protagonist in der Krimiwelt des australischen Meisterautors gibt sein Debüt, in dem er sich mit vier Fällen auseinandersetzen muss. Selbstlos und tatkräftig leistet der Menschenfreund der Gerechtigkeit Hilfe.
Thriller · Unionsverlag · · 320 S. · ISBN 9783293005501
Sprache: de · Herkunft: au

Plattenmann, Blaubart, ein toter Farmer und ein Macho

Rezension vom 20.10.2019 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Sergeant Alan Auhl ist der Neue bei Garry Disher, dem austra­lischen Garanten für qualitäts­volle Kriminal­literatur, die den Leser fasziniert, anregt und unterhält. Erneut serviert der vielfach aus­gezeich­nete, vielseitige Autor (der früher auch Sach-, Kinder- und Jugend­bücher verfasst hat) ein virtuos kompo­niertes Meisterwerk, das auf Splatter verzichtet und lieber auf Intelligenz und Stil setzt. Es ist bereits das achte seiner Bücher, das der geniale Peter Torberg für den Zürcher Union-Verlag ins Deutsche übersetzt und damit für einen sprach­lichen Genuss auch hierzu­lande aufbereitet hat.

An seinem Arbeitsplatz ist der fünfzigjährige Inspektor Auhl allerdings keines­wegs neu. Er war nur ein paar Jahre lang weg gewesen. Zehn Jahre bei der Mord­kommis­sion Melbourne, Abteilung für ungelöste Fälle, hatten ihn zermürbt. Viele der Cold Cases gingen ihm nach, er konnte sie nicht einfach wegstecken noch »sich eine harte Schale zulegen«. Um wieder zu sich selbst zu finden, brauchte er fünf Jahre, in denen er reiste, las, sich weiter­bildete, wohltätig arbeitete und allerlei private Verwick­lungen durchlebte. Damit konnte er sein Herz wieder an den rechten Fleck rücken und an seinen früheren Arbeits­platz zurück­kehren.

Einen überschwänglichen Empfang erhält der »runderneuerte Auhl« dort nicht. Die jüngeren Kollegen, die um ihre Beför­derungs­chancen fürchten, lästern über den »alten Sack« und tauschen unüber­hörbar »Rollator­witze« aus. Auhl, in der Tat »langsam, alt« und »nicht auf dem neuesten Stand des technischen und investi­gativen Fort­schritts«, beklagt seinerseits Faulheit, Uner­fahren­heit und taktische Unge­schick­lichkeit der Jungspunde und tritt ihnen gehörig auf die Füße. Mit der Zeit und solider Arbeit an diversen Fällen lernen aber auch die Mitarbeiter ihren sympathi­schen Kollegen langsam zu schätzen.

Eine Giftnatter führt uns in der bedrohlichen Eingangsszene hin zum ersten Cold Case, den das Team bearbeiten muss. Auf der Terrasse eines Familien­heims mit Kleinkind schlängelt sich das Tier, ehe es eingefangen werden kann, blitz­schnell unter die Beton­platten, wo man dann statt einer Schlangen­grube ein mensch­liches Skelett samt verrotteter Kleidung und gefälschter Rolex-Uhr entdeckt. Wer ist der »Plattenmann«, wie ihn die Medien nennen, und wer sein Mörder? Besonnen und stetig folgt Auhl, der erfahrene alte Hase, den verblassten Spuren und pirscht sich auf ver­wickel­ten Pfaden über eine krude, Frauen verachtende Religions­gemein­schaft mit strengen Regeln vor bis zur Lösung.

Ein zweiter ungelöster Fall, vom Autor geschickt in die diversen Handlungs­ebenen eingewoben, verfolgt Alan Auhl bis in die Gegenwart. 2011 wurde ein allein lebender Witwer mit einer Schädel­fraktur tot auf seiner Farm gefunden, ein Täter aber nie ermittelt. In unregel­mäßigen Abständen erkundigen sich seine beiden Töchter, ob es vielleicht neue Erkennt­nisse gebe.

Ein dritter Cold Case gewinnt unerwartete Aktualität, als der damalige Tatver­dächtige jetzt um Polizei­schutz bittet. Nachdem seine ersten beiden Gemahlinnen unter mysteriösen Umständen verstarben, behauptet der mögliche »Blaubart«, seine derzeitige Ehefrau (Nummer drei) wolle ihn umbringen.

Neben seinem Beruf hat Alan Auhl ein erfülltes, engagiertes Privatleben, das von seinem mitfüh­lenden Charakter geprägt ist. Er besitzt ein drei­stöckiges, verwin­keltes und ziemlich unge­pflegtes Haus (»Chateau Auhl«), in dem mehrere Personen Unterkunft finden. Seine Ehefrau Liz – die Beziehung ist sehr locker geworden – bezieht ihren kleinen Wohntrakt in der Mitte des Hauses nur sporadisch, wenn die alte Anzie­hungs­kraft ihre Wirkung tut, und ent­schwin­det dann wieder in ihre andere Welt. Die gemeinsame Tochter Bec, Studentin, wohnt im Oberge­schoss, wo sie sich das Bad mit einem Ehepaar aus Sri Lanka teilt. Die übrigen Räume öffnet Auhl vorurteils- und erwar­tungs­frei für Mitbürger, die am sozialen Tellerrand leben oder in einer Not­situa­tion eine Bleibe suchen, darunter auch ein paar wechselnde Streuner, die gar nicht daran denken, Miete zu zahlen. Selbst seiner Chefin bietet er, als sie in eine Beziehungs­krise rutscht, für ein paar Tage einen Rückzugsort in seinem Haus an.

Der warmherzige Hauseigentümer grämt sich wenig, wenn niemand seinen Putzplan einhält oder den zugemüllten Vorgarten aufräumt. Richtig Sorgen macht er sich dagegen um die junge Neve Fanning, die kürzlich mit ihrer zehnjäh­rigen Tochter Pia bei ihm Zuflucht vor dem gewalt­tätigen Ehemann und Vater gefunden hat. Der will bald sein Sorgerecht einklagen. Auhl bietet der ausgemer­gelten und verängs­tigten Frau seinen Beistand an, ahnt aber, dass sie gegen den Macho-Rohling, der sich die besten Anwälte leisten kann, keine Chance hat. Die offen­sicht­liche Unge­rechtig­keit – Neve wird nicht nur die Unfähigkeit attestiert, eine gute, fürsorgende Mutter zu sein, sondern ihr droht sogar die Unter­bringung in einer Psychiatrie – berührt den Polizisten an seiner empfind­lichsten Stelle.

Letztlich entwickelt Garry Disher somit vier parallele Kriminal­fälle. Sie halten uns Leser mit Spannung und Nerven­kitzel auf Trab und verlangen dem liebens­werten Polizisten mehr ab, als er vertreten sollte. Wir können nur den Atem anhalten, wenn Auhl sich entschließt, eine Grenze zu übertreten …

Wie Garry Disher (Jahrgang 1949) in seinem 2017 veröffent­lichten Roman »Under the Cold Bright Lights« Gary Disher: »Under the Cold Bright Lights« bei Amazon alle Haupt- und Neben-Erzähl­stränge locker in Händen hält, kunst­fertig mit vielen kleinen und großen Bällen jong­liert, um sie im richtigen Moment effekt­voll auf­schlagen zu lassen, das ist meister­liche Kriminal­literatur mit Tiefgang, die ihres­gleichen sucht.


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