Rezension zu »Prinzessin Rauschkind« von Manfred Wieninger

Prinzessin Rauschkind

von


Kriminalroman · Haymon · · Gebunden · 204 S. · ISBN 9783852186269
Sprache: de · Herkunft: at

Marek Miert hat Angst vorm Zahnarzt!

Rezension vom 17.08.2010 · 7 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Marek Miert kann sich kaum die Butter auf dem Brot leisten. Er hat keine Aufträge, und nun haben noch drei Konkurrenten – unter ihnen ein Franchise-Betrieb von Pinkerton's – ihr Büro im heimischen niederösterreichischen Harland eröffnet.

Marek Miert ist starrköpfig, kauzig und dank seiner Körpermasse kaum zu übersehen. Er müsste nicht in einem Abrisshaus in Bahnhofsnähe leben, wenn er – wie seine erfolgreichen Kollegen – "Attachés oder moldawische Paten in teuren Wiener Innenstadt-Hotels beschatten" würde (S. 105). Stattdessen hat er es mit den Verlierern der Gesellschaft oder den normalen Psychopathen am Rande der zivilisierten Welt zu tun. Aber er hat sich bewusst für sie entschieden.

Nun soll er für "Prinzessin Rauschkind", eine junge Sprechstundenhilfe, deren Liebhaber suchen. Sie lebt in einer Schrebergartenhütte ... ohne Moos wieder mal nix los. Ganz klischeehaft wollte der Lover nur mal eben Zigaretten holen und ward von da an nicht mehr gesehen. Als Marek Miert im weiteren Handlungsverlauf selbst des Mordes an einem Ungarn verdächtigt wird, muss er, um seinen Kopf zu retten, alles daransetzen, Licht ins Dunkel zu bringen und den Fall aufzuklären.

Manfred Wieningers Heimat-Kriminal-Sozialromane sind eine ganz spezielle Gattung: Der Kriminalfall und seine Aufklärung liefern Themen und Leitmelodien. Diesen liegt ein dichter basso continuo zugrunde, der die Gesamtkomposition mal begleitet, mal dominiert. Indem das Orchester aber bisweilen spitze Töne und schmerzlich-schrille Pfiffe der Sozialkritik hervorbringt, relativiert es die vordergründige Kauzigkeit des Kommissars und seiner Heimat, bohrt sie an, unterfüttert sie, zeigt ihren Nährboden auf ...

Die erste Geige spielt natürlich stets Marek Miert, der "Diskont-Detektiv". Er erlebt hautnah, wie unsere Gesellschaft – keineswegs nur Harland, sondern ganz Österreich; keineswegs nur Österreich, sondern ganz Europa – umgebrochen wird: Zuwanderer aus den ärmsten Ländern – Kurden, Afghanen, Tschetschenen, Rumänen ... – suchen hier ihr Glück. Ohne Arbeitserlaubnis und unter unmenschlichen Lebensbedingungen ergeben sich zwangsläufig Kriminalität und Gewalt. Dieses Milieu ist Marek Mierts Handlungsfeld.

Wie in all seinen vorherigen Romanen begeistert Manfred Wieningers sprachliches Talent, sein ebenso überspitzter wie überspitzender Witz, seine unübertroffenen skurrilen Vergleiche, seine unerschöpflichen Reihungen farbiger, phantasievoller, schräger, bissiger, pingeliger Details, die alle zusammen dennoch nicht plump-plakativ poltern: Wieningers Humor ist zwar kraftvoll, aber eher leise. Es sind die Zwischentöne, die die Musik machen.

Hübsche Kostproben finden Sie auf S. 103 ff.: Der Detektiv muss in einem Kleine-Leute-Haus an der Kremser Straße recherchieren; am Schwarzen Brett prangt die Mitteilung, man möge angesichts frisch ausgelegter Rattenköder "auf seinen Hund und sein Kind" (in dieser Reihenfolge!) achten – und das schon seit 1978 ... Die Hausbewohner – zum Beispiel eine "xenophone Matrone" in rosa Hausschühchen und Schlafrock, ein hutzeliger Mann im rot-weißen "Fernsehsportler"-Trainingsanzug – sondern, gefragt oder ungefragt, Litaneien ab, die Miert die Welt erklären, ihre kleine eigene, die Harländische, und überhaupt. Jeder dieser "Troglodyten" hat sein Päckchen zu tragen, ist auf die eine oder andere Art kauzig und doch "repräsentativ", widerlich und doch menschlich.

Mit einem fröhlichen "Allaha Ismarladik" (wie Marek Miert sich gern verabschiedet) wünsche ich allen Lesern viel Spaß bei der Lektüre!

P.S.: Das ist Türkisch und heißt "Auf Wiedersehen".


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