Rezension zu »Aasplatz: Eine Unschuldsvermutung« von Manfred Wieninger

Aasplatz: Eine Unschuldsvermutung

von


Kriminal-Bezirksinspektor Landauer muss in den Sechzigerjahren in der österreichischen Provinz das Massaker an neunundzwanzig ungarisch-jüdischen Zwangsarbeitern aufklären. Aber ach, die Zeit vor dem Frühsommer 1945 ist so transparent wie Buttermilch. Autor Wieninger stocherte fleißig darin herum und förderte mehr Klarheiten zutage, als den meisten lieb ist.
Belletristik · Residenz · · 272 S. · ISBN 9783701716920
Sprache: de · Herkunft: at

Ein Inspektor kommt

Rezension vom 11.07.2018 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Zum Glück fürs schlechte Gewissen kommt die Wahrheit, anders als der Volksmund behauptet, nicht immer ans Licht. Aber selbst wenn Taten und Täter bestens bekannt werden, brauchen sich die Schuldigen keine Sorgen zu machen, solange wichtige Kreise über allem eine Wolldecke gnädigen Vergessens ausbreiten. Und im Falle von Verbrechen vor dem Frühsommer 1945 mag »die Öffent­lich­keit« eh nichts mehr davon hören. Schließlich hatte sich der junge Staat Öster­reich in seinem Gründungs­dokument (»Staats­vertrag«) von 1955 zur Opfer­nation erklärt und sich somit in Gänze hoch­offizi­ell general­entlas­tet. In der Folge haben öster­reichi­sche Gerichte sogar rechts­kräftige Urteile rückwir­kend wegen Nichtig­keit oder ähnlicher Gründe aufgehoben und die verurteilten Täter auf freien Fuß gesetzt.

Nun wagt es der österreichische Autor Manfred Wieninger, wie eine Motte ein Löchlein durch die Wolldecke zu fressen, und öffnet damit eine Büchse der Pandora. Da hat eine gewisse Anna Koinegg im August 1945 ein unehe­liches Kind von einem gewissen Theodor Amlinger geboren. Zwölf Jahre später erstattete sie Anzeige gegen ihn, weil sie um ihr Sorge­recht fürchtete. Das alles passierte in Jenners­dorf, einem erz­konserva­tiven Kaff dicht an der ungari­schen Grenze, wo es am »Aasplatz«, einer Müllhalde, »so inferna­lisch [stinkt wie] nicht einmal ein Teufels­furz«. Brisanz gewann die Ange­legen­heit nur, weil Frau Koinegg quasi nebenbei klar­stellte (und der Polizei­posten von Jenners­dorf pflicht­gemäß protokol­lierte), dass der Kindsvater anno ‘45 anders als seine SS-Kollegen stock­nüchtern war, als sie ihrem Befehl nach­kamen, neunund­zwanzig ungarisch-jüdische Zwangsar­beiter zu erschießen. Diese waren wie Hundert­tausende Leidens­genossen interniert, um Hitlers so giganti­schen wie völlig sinnlosen »Ostwall« gegen die Rote Armee zu errichten, und wegen »Anste­ckungs­gefahr« ausgeson­dert worden.

Die Akte von 1957 wurde zwar wie viele andere erst einmal »schubla­disiert«, gelangte aber in den Sechziger­jahren durch Zufall in den Apparat der »Zentralen Stelle der Landes­justiz­verwal­tungen zur Aufklä­rung national­sozialisti­scher Verbrechen« in Ludwigs­burg, Baden-Württem­berg, und zum öster­reichi­schen Pendant beim Wiener Innen­ministe­rium. Nun musste der Fall des Massakers und die Verant­wortung der Täter ordnungs­gemäß untersucht werden. Aus Wien wurde zu diesem Zweck der Kriminal-Bezirks­inspek­tor Hans Landauer (Sozial­demo­krat, Spanien-Kämp­fer, KZ-Insasse) nach Jenners­dorf entsandt. »Mit einer Roman­figur wie dem Landauer könnte man als Autor schon seine Freude haben. Da könnte man viel erzählen«, räumt der Autor ein, berichtet und erzählt dann auch ausgiebig von dessen Arbeit und Erkennt­nissen, und am Ende hat Manfred Wienin­ger vor unseren Augen ein unglaub­lich detailliertes, nuancen­reiches und lebhaftes Bild aller betroffe­nen Charak­tere, ihrer Handlun­gen, ihrer Ver­gangen­heit und Zukunft entwickelt.

Weit über zehn Jahre hin sammelte Wieninger unzählige Dokumente zum Massaker von Jenners­dorf, struktu­rierte sie nun sinnvoll, fügte ein paar fiktionale Elemente hinzu (Eigen­schaf­ten, Dialoge, Szenen … »Erzähler dürfen so etwas«) und gestaltete daraus eine Mischung aus Doku­menta­tion, Bericht und Erzäh­lung, die ein gewitzter Autor-Erzähler freiweg kommen­tiert (einschließ­lich seiner eigenen Rolle als »vernunft­begabter Autor«).

Mindestens ein Viertel des Buches nehmen Originalzitate aus Akten, Protokollen etc. ein (durch Kursiv­druck deutlich identi­fizier­bar). Obwohl sie vielfach eine klare Sprache sprechen, beschränkt sich Wieninger auf die Funktion eines investiga­tiven Beobach­ters (allen­falls indirekten Anklägers). Denn es bleiben Lücken, Unge­nauig­keiten (das »klassische Hören­sagen«), Wider­sprüche in den Dokumen­ten, die er nicht igno­rieren will und darf. Ihm ist klar, dass das Eis, auf dem er agiert, bisweilen dünn werden kann. Er hat deshalb nicht nur sicher­heitshal­ber eine umfang­reiche »teure Rechts­schutz­versiche­rung« abgeschlos­sen, sondern betont auch gleich im Titel und immer wieder, dass selbst­verständ­lich für jeden Verdäch­tigen die Unschulds­vermu­tung gilt, so lange niemand in dieser Sache rechts­kräftig verur­teilt wurde. Das aber wird in Öster­reich niemals mehr geschehen, selbst wenn die Akten­lage eine Schuld nachweisen könnte.

Andererseits ist Manfred Wieninger ein brillanter Schriftsteller, der das Wort nach Belieben führen kann wie einen Dolch, ein Florett oder ein Henker­schwert. Er kann es satirisch schärfen, witzig-leicht zuspitzen, sarkastisch zuschlagen oder verdeckt wirken lassen. »Aasplatz« ist ein Meister­stück. Ober­fläch­lich hat der Autor aus vielen Sach­text­schnip­seln eine erschüt­ternde historische Entwick­lung re­konstru­iert, aber durch die geniale erzähle­rische Aufbe­reitung wird daraus ein packender, lange nach­wirken­der kritischer Roman, der selbst Nazis (ob Alt- oder Neo-) ins Grübeln bringen könnte (wenn sie sowas denn läsen). Sein Trick, seine unschul­dige Autoren­rolle offen vor sich herzu­tragen (auch ihm hängt manche Frage Landauers »schon ein bisschen zum Halse heraus […], weil wir sie schon zur Genüge kennen«), mal kokettie­rend, mal ironisie­rend, um den un­weiger­lich zu erwar­tenden Anfein­dungen aus interes­sierten Kreisen von vornhe­rein den Wind aus den Segeln zu nehmen, ist eine witzige, vor allem aber effiziente Spielart verdeckten Schreibens, die bittere Wahrhei­ten unver­fäng­lich zuberei­tet. »Manchmal ist dieses Buch eine Zumutung; na ja, genauso wie die Wirklich­keit eben.« Hinter der bisweilen schelmisch drein­schauen­den Maske steckt freilich des Autors Rage und Beschämung darüber, wie sich sein Heimat­land nach dem Krieg aus der Ver­antwor­tung gestohlen hat und offen­kundig schuld­behaf­tete Personen unbe­helligt bis an die Schalt­stellen von Politik, Wirt­schaft und Kultur durch­starten ließ.

Das hat schon der Jennersdorfer Postenkommandant Revier­inspektor Hofmann durchschaut, als Frau Anna Koinegg 1957 zwecks Anzeige­erhebung vor ihm erschien. »Gehen S’,« fragt er nach, »wollen Sie sich eine solche Anzeige denn wirklich antun? Sie sind doch eine gescheite Frau! Da kommt doch nichts dabei heraus!«

Recht hatte er – und auch Unrecht. Zumindest ein halbfiktionaler Roman ist heraus­gekom­men, sechzig Jahre später.


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