Rezension zu »Alte Wunden« von Antonio Manzini

Alte Wunden

von


Kriminalroman · Rowohlt · · Taschenbuch · 352 S. · ISBN 9783499271960
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Aostatal

Joints statt Tramezzini

Rezension vom 12.06.2017 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Seit acht Monaten darbt Rocco Schiavone nun schon in dem verhassten, ungast­lichen nord­italieni­schen Provinz­städtchen, in das man ihn straf­versetzt hat. Ringsum nichts als enge, karge, menschen­leere Täler zwischen schroffen Berg­ketten, und auch im grauen Aosta selbst ist, verglichen mit seinem bishe­rigen Dienst­ort Rom, rein gar nichts los. Die Ödnis kriecht bis hinein in die Bars: Dort bieten sie nicht einmal tramezzini feil, die Sand­wiches, mit denen man den kleinen Appetit zwischen­durch stillen könnte.

Nichts liegt dem unfreiwilligen Gast ferner, als sich mit seiner Verban­nung abzu­finden. Lieber hadert er unent­wegt mit seinem Schicksal, selbst wenn er in aus­sichts­losen Kämpfen zum ewigen Verlie­rer und Miese­peter wird. Weder der heim­liche früh­morgend­liche Joint in der Questura noch die gut vernehm­lich ausge­stoße­nen Flüche (»verfickte Scheiße«) können etwas aus­richten gegen Roccos aus Prinzip schlechte Laune. Nach dem langen Winter hat Dauer­regen das Regi­ment über­nommen, jetzt im Mai sorgt Schnee­treiben für Abwechs­lung. Allen Unbilden des rauen Klimas zum Hohn trägt er bockig seinen denkbar inad­äqua­ten Loden­mantel, verschleißt trotzig seine Clarks-Herren­slipper­chen, fein und dünn, weil für römisches Pflaster, nicht aber für alpine Kletter­steige erschaf­fen. Irgend­wann wird das Leiden hier oben doch ein Ende haben, und sei es in Form einer erneuten Straf­verset­zung. Nur auf seinen Traum, sich in der Provence niederzu­lassen, seine faule Haut in die Sonne legen zu können, wird er wohl noch länger warten müssen.

Und dann soll man noch arbeiten ... Da ist ein Liefer­wagen von der Straße abge­kommen, die beiden Insassen wurden tödlich verletzt, weil aber Nummern­schild und Papiere nicht zu­sammen­passen, steckt offen­bar noch ein Fahr­zeug­dieb­stahl dahinter. Also wird wohl nichts aus ciao und ab mit der Unfall­akte in die »Erle­digt«-Ablage. Statt­dessen stehen für das Dream­team der Questura anspruchs­volle Ermitt­lungen an.

»Dick und Doof« (das sind die Agenti D'Intino und Deruta) entsorgt ihr Chef als erstes in die Pampa, damit sie ihm nicht auf die Nerven gehen. »Missing in action« – so gefallen ihm die beiden Dödel mit dem IQ eines Orang-Utans am besten. Einzig auf Agente Italo Pierron kann er sich verlassen. Dessen Techtel­mechtel mit der Staats­anwäl­tin Cate­rina Rispoli hat sich inzwi­schen zu einem Liebes­verhält­nis verfes­tigt, über das sich die gesamte Staats­anwalt­schaft amüsiert, seit eine Über­wachungs­kamera ein heim­liches Stell­dich­ein der beiden Turtel­täub­chen für die Ewig­keit gespei­chert hat. So treffen wir all die Typen, die wir in zwei Vor­gänger­bänden umso lieber gewon­nen haben, je mehr sie dem grantigen Vice­questore (man nenne ihn bloß nicht Commis­sario ...) von Anfang an auf den Geist gingen, in »Alte Wunden« wieder. Und ein Neuer ist hinzu­gekom­men: Seit Dezember tut Agente Antonio Scipioni Dienst in Aosta, und – oh Wunder – Rocco hält ihn für ganz »brauch­bar«.

Eine vertrackte Aufgabe erwartet die Ermittler. Die fast neun­zehn­jährige Chiara wurde nach einem Disko-Abend ent­führt und wird jetzt irgend­wo in einem finsteren Keller versteckt gehalten, auf einen Stuhl gefesselt, mit einer Haube über dem Kopf, ohne Essen, ohne Trinken. Die Zeit drängt also. Doch seltsam: Ihre Eltern haben sie nicht einmal als vermisst gemeldet. Werden die vermö­genden Bau­unter­nehmer womög­lich erpresst? Zuletzt soll es Zahlungs­schwierig­keiten gegeben haben. Derweil geht im Kinder­moden­geschäft Biri­bimbi auch nicht alles mit rechten Dingen zu. Während vorn im Laden Strampler über die Theke gehen, läuft im Hinter­zimmer die Geld-Wasch­maschine ...

Viele Verdächtige und viele Spuren lassen Rocco Schiavone nicht zur Ruhe kommen. Am Telefon meldet sich eine Stimme mit kalabre­sischem Dialekt, was auf organi­siertes Verbrechen hin­deuten mag. Anderer­seits rückt selbst Chiaras Onkel ins Visier der Ermitt­lungen – also viel­leicht eher eine Familien­affäre? Der Chef arbeitet rund um die Uhr bis zur Erschöp­fung und erwartet von seinen Unter­gebe­nen den gleichen Einsatz, um Chiara aufzu­spüren. Denn wie lange kann ein Mensch ohne Flüssig­keit und Nahrung in einem dunklen Loch überleben?

Wie gewohnt hat Antonio Manzini seinen Krimi clever struk­turiert, ohne das Geschehen übertrieben zu ver­klausu­lieren. Der Plot vollzieht sich im engen Rahmen von vier Tagen, die mit etlichen Handlungs­fäden dicht gepackt sind. Erzählt wird in gut über­schau­baren Kapitel­chen, unter­brochen von kursiv abge­setzten Selbst­gesprä­chen, in denen Rocco mit seiner ver­storbe­nen Frau räson­niert, sowie von Episo­den aus zwei weite­ren, unregel­mäßig aufgegrif­fenen Strängen. Während der eine in direktem Zu­sammen­hang mit dem aktuellen Fall steht, erhält der andere erst am Ende des Romans seinen inhalt­lichen Sinn.

Der dritte Teil der Rocco-Schiavone-Reihe toppt die beiden voran­gegange­nen Bände. Der eigen­willige Prota­gonist über­schreitet, um seine Ermitt­lungen voran­zutrei­ben, dieses Mal sogar die Grenzen der Legali­tät und erlaubt sich einen Auto­dieb­stahl und einen Ein­bruch. Die Handlung ist spannend und wendungs­reich und endet mit einem grau­samen Hin­richtungs­mord als Cliff­hanger – Fort­set­zung folgt!


Aktuelle Übersicht über die bislang erschie­nenen Bände von Antonio Manzinis Rocco-Schiavone-Reihe (alle Über­setzun­gen: Anja Rüdiger):

Band 1: »Pista nera« Antonio Manzini: »Pista nera« bei Amazon (2013)
• »Der Gefrierpunkt des Blutes« (2015) [› Rezension]

Band 2: »La Costola di Adamo« Antonio Manzini: »La Costola di Adamo« bei Amazon (2014)
• »Die Kälte des Todes« (2016) [› Rezension]

Band 3: »Non è Stagione« Antonio Manzini: »Non è Stagione« bei Amazon (2015)
• »Alte Wunden« (2017) [› Rezension]

Band 4: »Era di maggio« Antonio Manzini: »Era di maggio« bei Amazon (2015)

Band 5: »Cinque indagini romane per Rocco Schiavone« Antonio Manzini: »Cinque indagini romane per Rocco Schiavone« bei Amazon (Erzählungen, 2016)

Band 6: »7-7-2007« Antonio Manzini: »7-7-2007« bei Amazon (2016)

Band 7: »Pulvis et umbra« Antonio Manzini: »Pulvis et umbra« bei Amazon (2017)

Band 8: »L’anello mancante. Cinque indagini di Rocco Schiavone« Antonio Manzini: »L’anello mancante. Cinque indagini di Rocco Schiavone« bei Amazon (2018) [› Rezension]

Band 9: »Fate il vostro gioco« Antonio Manzini: »Fate il vostro gioco« bei Amazon (2018)


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