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Rezension zu »Der Gefrierpunkt des Blutes« von Antonio Manzini

Der Gefrierpunkt des Blutes

von


Kriminalroman · rororo · · 288 S. · ISBN 9783499234903
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Norditalien

Forza Rocco!

Rezension vom 10.02.2015 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Diesem Mann sollte man aus dem Weg gehen. Egal, auf welchem Fuß man ihn er­wischt, es ist immer der falsche. Und dann lässt Rocco Schiavone, Jahrgang 1966, seinen Abneigungen freien Lauf. Wenn ihn zum Beispiel ein Mitarbeiter als »Commissario« anspricht statt als »Vicequestore«, wie sein offizieller Titel lau­tet.

Rocco hasst so gut wie alles, jedes und jeden, differenziert jedoch nach einer Bewertungsskala, die mit Sechs als niedrigstem Wert beginnt (»für alle Dinge, die im Haushalt zu erledigen waren«) und bei Zehn kulminiert »für alles, was ihm wirklich supermegamäßig auf den Sack ging, zum Beispiel, einen Fall lösen zu müssen«.

Alles, was mit dem Aostatal zu tun hat, rangiert ziemlich hoch. Und genau in die hiesige Questura wurde Rocco aus Rom strafversetzt. Das hat seine ohnehin kaum nennenswerte Motivation unter die Mess­schwel­le stürzen lassen, wie die Kollegen an seinem Dauergrell erkennen können. Agente Michele Deruta, »eine völlig unbrauchbare Masse von etwa hundert Kilo Körpergewicht«, steht im Wettstreit mit Agente D'Intino »um den Titel des größten Idioten in der Questura«.

Wenigstens mit Italo Pierron (27), dem die Welt außerhalb des Tals in seinem bisherigen Leben weitge­hend verborgen geblieben ist, verbindet ihn gegenseitige Sympathie. Die hervorspringende Nase und die wachen Augen erinnern Rocco an das Mauswiesel (Mustela nivalis linnaeus), das er als Kind in der ge­liebten bun­ten Enzyklopädie der Tiere kennengelernt hatte. Die Namen und Gesichtszüge der porträtierten Tiere lie­fern ihm bis heute Vorlagen zur Kategorisierung seiner Mitmenschen. Italo, der mit kleinem Ge­halt zu­recht kommen muss und sich vielleicht bei Gelegenheit einmal ein Zubrot verdienen möchte, sollte der Vice­ques­to­re Hilfe benötigen, vertraut Rocco.

Dreitausendsechshundertundfünfzig Tage heißt es für Rocco noch durchhalten, dann wird er seinen Job zum Teufel schicken und es sich im »Paradies« gut gehen lassen. Auf der Terrasse eines Bauernhauses mit sechs Schlafzimmern und Pool auf einem Zehn-Hektar-Grundstück in der Provence wird er seinen Bauch faul der Sonne entgegen strecken, neben ihm seine Frau Marina. Doch bis der Traum in Erfüllung geht, muss noch die eine oder andere konfiszierte Drogenladung vom Lastwagen fallen, denn das Fi­nan­zie­rungs­mo­dell weist noch gewaltige Lücken auf. Glücklicherweise interessiert sich Marina nicht für solche Trivia wie Roccos Nebentätigkeiten, die unter dem Begriff »etwas erledigen« rangieren.

Derzeit hat Rocco einen besonders lästigen Fall an der Backe. Im Skigebiet Champoluc im Val d'Ayas wur­de jemand von einer Pistenraupe überrollt, genauer gesagt: von der Fräse zermatscht. Die »Fleisch­pas­te­te« ist kein schöner Anblick. War es ein Unfall oder Mord?

In Antonio Manzinis Kriminalroman »Pista nera« Antonio Manzini: »Pista nera« bei Amazon (Anja Rüdiger hat ihn übersetzt) stiehlt der zynische Sturkopf Rocco Schiavone dem eigentlichen Kriminalfall glatt die Show. Der Kommissar auf krummen We­gen, für gutes Essen, einen kleinen Joint und amouröse Abenteuer allemal zu begeistern, lässt die lust­lo­sen Ermitt­lungsarbeiten mit den Befragungen der Dorfbewohner, des Pistenraupenfahrers und der Ski­leh­rer ziemlich alt aussehen, und so regt die Aufklärung weder den Commiss... – scusa, den Vice­ques­to­re noch den Leser sonderlich auf, denn da geht es bloß um Liebe, Eifersucht und Schulden ...

Der überzeugte Römer Rocco Schiavone war in seinem Leben noch nie im Schnee und will gar nicht ein­sehen, dass er mit seinen geliebten Veloursleder-Clarks an den Füßen und in seinem blauen Lodenmantel keine Chance gegen die alpinen Naturgewalten hat. »Zum Verrecken nicht« will er »solche Betonklötze« durch die Gegend schleppen wie die Einheimischen an ihren Füßen – und wird sich doch fügen müssen.

»Der Gefrierpunkt des Blutes« entspannt ganz wunderbar nach einem hoffentlich unfallfreien Skitag. Schaut man am dunklen Spätnachmittag aus der kuschelig warmen Gaststube zum Fenster hinaus und be­obachtet die Pistenraupen, die wie Mondfahrzeuge mit grellen Scheinwerferkegeln die steilen Hänge hin­auf und hinunter sausen, ist man der Atmosphäre des Buches ganz nahe – und wird die jedem skifahreri­schen Können überlegene Macht dieser Kraftpakete ganz anders zu respektieren wissen.


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