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Rezension zu »Giochi criminali« von Giancarlo de Cataldo, Maurizio de Giovanni, Diego de Silva, Carlo Lucarelli

Giochi criminali

von


Kriminalgeschichten · Einaudi · · 184 S. · ISBN 9788806219512
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Süditalien

Neues Spiel, neues Vergnügen

Rezension vom 12.05.2014 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Jeder kennt sie, und – schlimmer noch – sie kennt jeden, und das in- und aus­wen­dig. Denn Emma Blasi ist professoressa di Lettere classiche in pen­sio­ne. Und vor ihrer cattedra del liceo di Tricase zitterte irgend­wann einmal ein jeder, der heute in der Gegend etwas zu sagen hat, ob auf der einen oder der anderen Seite des Gesetzes oder auf dem Grat dazwischen wandelnd. Wegen ihres durchdringenden Blicks und ihrer vernichtenden Urteile nannten sie alle seit eh und je la Medusa.

Privat ist sie seit Längerem mit dem barone Stefano Mallarmé liiert. Für Zärtlichkeiten bevorzugt der de­ka­den­te Lebemann zwar junge Männer, teilt aber mit Emma Blasi innige kulturelle Vorlieben, etwa zu den Fil­men von Alain Resnais, die die beiden Wort für Wort und inklusive Champagner nachzustellen vermö­gen.

Leider ist der barone auch ein hemmungsloser Spieler, und zu allem Unglück gewinnt er nie. Als man ihn erhängt auffindet, rücken Emma Blasis Ehemalige mit den unterschiedlichsten Motiven bei ihr an, zumal Mallarmé sie als erede universale eingesetzt hat und sie nun Herrin eines verfallenen Schlosses in bester Lage an der apulischen Ostküste ist.

»Medusa«, die geradlinig und mit nettem Witz erzählte Story von Giancarlo de Cataldo (*1956, Taranto), lebt vom Ge­gen­satz zwischen dem nostalgischen Charme der versnobten Grandseigneurs und den rauen Sitten des Im­mo­bi­lien­ge­wer­bes.

»Giochi criminali« versammelt vier Geschichten von Krimi-Schriftstellern, die in Italien äußerst populär sind und deren Bücher als mediterran-leichte Antwort auf das etwas ausgereizte skandinavische Thriller-Kon­zept gefeiert werden. Der Titel suggeriert Parallelen in den Sujets, aber dann ist die Rolle, die das »Spie­len« ein­nimmt, in jeder Erzählung eine andere. Mal geht jemand an seiner Spielsucht zugrunde, mal setzt eine(r) rein metaphorisch alles auf eine Karte, mal spielen zwei miteinander Katz und Maus, mal fin­det sich all das in einer Story gebündelt. Jede sticht mit einer anderen Karte.

»Febbre« von Maurizio de Giovanni (*1958, Napoli) ist eine wunderbare Geschichte über den charakter­star­ken Kommissar Ricciardi im Neapel der Zwanziger Jahre. Die schwarzen Brigaden marschieren und träu­men von der Wiederkehr des alten Glanzes vergangener Imperien; jeder, aber auch jeder (außer dem commissario) scheint außerdem besessen vom Lotto, bei dessen hiesiger Variante drei Zahlen zwischen 1 und 91 das armselige irdische Dasein umkrempeln können. Die Seelen Ermordeter, Verunglückter oder zu früh Verstorbener wollen den Hinterbliebenen helfen, so weiß man, und glücklicherweise gibt es Mittels­män­ner in der Nachbarschaft (assistiti), die ihre Einflüsterungen hören und die Träume der Lebenden aus­legen können. Der berühmteste von ihnen, als Kind erblindet, hilft gern und ohne die Armen dafür zu schröp­fen. Praktisch: Er wohnt direkt über einer winzigen ricevitoria del lotto, so dass die frisch Erleuch­teten nur die Treppe hinunterzusteigen brauchen und schon ihre Zahlen einschreiben lassen können. Wer also sollte auch nur das geringste Interesse daran gehabt haben, den armen Blinden brutal zu erstechen?

Nach meinem Empfinden ist dies die literarisch stärkste Story: eine schöne Sprache, ein ausgeprägter, ru­higer Stil, dazu überzeugendes Personal (lauter schräge, aber nicht überdrehte Vögel) und ein clever ar­ran­gier­ter Plot. Der commissario (und Ich-Erzähler) ist selber sprachmächtig und beweist Sinn für sprach­liche Ästhetik (»Ma l'abitudine che lega la speranza di futuro al sogno è quella che si unisce a un biglietto colo­rato sul quale sono scarabocchiati tre numeri; un messaggio in bottiglia che il naufrago affida alle onde prima di affogare. E giocano, giocano ...«). Dazu vermittelt die Erzählung unaufdringliche Napoli-Stim­mung: palazzi, bassi, vicoli, emozioni, gente ...

Der Titel »Febbre« bezieht sich auf die Obsession des Spielens, die in vielerlei Formulierungen und Bil­dern großartig vor Augen geführt wird, aber auch auf den Faschismus und auf die Liebe.

Nicht weniger stark, aber ganz anders ist »Patrocinio gratuito« von Diego de Silva (*1964, Napoli). Sein Pro­ta­go­nist und Ich-Erzähler ist das herrlich sarkastische Lästermaul Vincenzo Malinconico, ein junger An­walt. Ehe er uns in den zu lösenden Fall von Stalking einführt, liefert er uns einen umwerfend komi­schen Überblick über sämtliche Varianten seiner liebsten Kundschaft: die amici di amici, die sich von ihm eine kurze juristische Beratung wünschen, selbstverständlich ohne Bezahlung. Eine solche ihm unbekannte Party-Bekanntschaft ist es, die ihn innerhalb eines Telefonates restlos einwickelt. Obwohl er sämtliche Tiefs und Tricks durchschaut, die die junge Clelia (oder hieß sie Ofelia? Cordelia? Amelia? ...) aus Sener­chia am anderen Ende der Leitung durchspielt (»proseguendo nel suo numero da Rita Hayworth for dum­mies mi fa cadere una mano su una spalla«), gibt er ihnen hörenden Ohres nach. Aus der umständlichen (weil ja nerv­lich am Ende) und kapriziösen Darstellung kann er dank gehöriger Eigenleistung (nachfragen, schluss­fol­gern ...) erkennen, dass die eigenwillige junge Frau von einem Anrufer belästigt wird, der ihr den Schla­ger­klas­si­ker Parole, parole von Alberto Lupi und Mina vorspielt, vorsummt, vorsäuselt. Kein Pro­blem, so scheint es, für den coolen avvocato. Als das Telefon wieder klingelt, nimmt er ab und hält einfach da­ge­gen: »Ehi, per caso di Mina hai anche Non gioco più?« Aber so einfach ist die Sache nicht ... Eine Story zum Kringeln!

»A Girl Like You« von Carlo Lucarelli (*1960, Parma) setzt, was die Biografie seiner Protagonistin in Bo­lo­gna angeht, fort, was wir zuletzt in »Il sogno di volare« über sie gelesen haben: L'ispettore Grazia Negro, dell'antimafia, ist mit Zwillingen schwanger, muss sich in den nächsten sechs Monaten unbedingt scho­nen, wenn endlich alles gut gehen soll, aber sie kann einfach nicht von der Arbeit lassen, so sehr sie ihr blinder Lebensgefährte Si­mone und ihr Mitarbeiter ispettore capo Matera auch immer wieder warnen. Aber die Serie von Selbstmor­den der letzten zwei Jahre ist zu merkwürdig, als dass sie sie einfach ig­no­rie­ren könn­te: Mehr oder weniger hinter dem Rücken der beiden besorgten Männer recherchiert Grazia, was Fran­chi­no, den Nachwuchs aus der führenden Mafia-Familie Malapoti, den »assessore regionale, avvo­ca­to, ca­va­lie­re, già onorevole« Alber­to Parmesani und den Drogensüchtigen Massimo Fenati in den Tod getrieben haben mag.

Dank Lucarellis bekanntem multiperspektivem Stil schauen wir Leser in die Abgründe etlicher Familien und erfahren alles, was Grazia Negro auch gern wüsste ...

Die vier Geschichten sind alle keine Thriller, aber interessante Charakterstudien, stilistische Vergnügungen und beste Unterhaltung. Im Übrigen handelt es sich nicht etwa um ein recycling bereits veröffentlichter Pro­duk­te, sondern um das Ergebnis der persönlichen Kooperation in der selbstbewussten Garde der etwa fünf­zig­jäh­ri­gen italienischen Krimiautoren – eine schöne Idee, wenn so fähige Schriftsteller einander er­gän­zen und sich doch kompromisslos und deutlich unterscheiden.


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