Rezension zu »Il caffè sospeso | Espresso mit Herz« von Luciano De Crescenzo

Il caffè sospeso | Espresso mit Herz

von


Belletristik · Teil der Serie »Italienisch mit Hilfe« · dtv · · 144 S. · ISBN 9783423095280
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Süditalien

Vergnügliche Bereicherung

Rezension vom 29.12.2015 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Der Neapolitaner Luciano De Crescenzo (1928 in Santa Lucia geboren und Klas­sen­kame­rad von Bud Spencer) ist in Italien bekannt wie ein bunter Hund. Nach einem In­genieur­studium ver­diente er gut bei IBM, kün­digte den Job aber mit 47 Jahren, um sich ganz der Philo­sophie und der Schrift­stelle­rei zu widmen. Gleich sein erstes Buch »Così parlò Bellavista« Luciano De Crescenzo: »Così parlò Bellavista« bei Amazon (1977) schlug als Best­seller ein. Der pen­sio­nierte pro­fes­sore Gennaro Bella­vista tauscht mit seinen Gästen, alle­samt nea­po­li­tani­sche Origi­nale, An­sichten über ihre Hei­mat­stadt und die Welt, Gott und die Leute, die Frei­heit und die Liebe, das Leben an sich aus. Zwi­schen diesen ›Lek­tio­nen‹ illustrie­ren köst­liche Epi­so­den Witz und Philo­sophie des nea­poli­tani­schen All­tags. Die in­no­vative Form, die leicht­füßige, amü­sante, le­bens­nahe Ver­mitt­lung philo­sophi­scher In­halte und die liebe­volle Cha­rak­teri­sie­rung Neapels fanden Mil­lio­nen be­geis­terte Leser in aller Welt. 1984 schrieb Multi­talent De Cre­scen­zo das Dreh­buch für die Ver­fil­mung, führte Regie und über­nahm gleich noch die Haupt­rolle. Es folg­ten gut dreißig wei­tere Bücher, teils Dar­stel­lun­gen zur griechi­schen bis neu­zeit­lichen Philo­sophie, zumeist aber ähn­lichen Stils wie »Bella­vista« mit auto­bio­grafi­schen und nea­poli­tani­schen Be­zügen. Die meisten wurden wiede­rum inter­natio­nale Best­seller.

Auszüge aus dem aktuellsten der feuilletonis­ti­schen Bücher in der »Bella­vista«-Nach­folge (2008 bei Monda­dori er­schie­nen) hat dtv jetzt in sei­ner Reihe »dtv zweisprachig« heraus­ge­bracht. Es bietet acht­zehn kurze Ge­schich­ten (zwei bis sieben Sei­ten), durch­weg ver­gnüg­lich, geist­reich und an­regend, über die unter­schied­lichs­ten Themen (Gott und der Teufel, die Dummen und der Zweifel, Statistik und Sexual­leben, Fluch und Segen des tele­fonino- und des Com­puter­zeit­alters ...) und ab­wechs­lungs­reich in der Form (Anek­doten, Essays, eine Ge­richts­szene, eine förm­liche An­frage an den Ju­stiz­mini­s­ter ...).

Man sollte aber im Italienischen schon ganz gut zu Hause sein, um alle Zwi­schen­töne, Pointen und Spitzen im Plau­der­ton mit­zu­be­kom­men. Wo man unsicher ist oder etwas gar nicht versteht, hilft der Blick auf die gegen­über­lie­gen­de Seite, wo die Über­set­zung von Fran­ziska Bolli und Achim Lun­ken­heimer be­reit­steht. Es ist wie immer bei dieser lobens­werten und ver­dienst­vollen Reihe keine wört­liche, son­dern eine lite­ra­ri­sche Über­set­zung, die das italie­nische Ori­ginal in gutes, flüssiges Deutsch über­trägt. Solange man ›nur‹ den Text ge­nie­ßen und sich kei­nen Sprach­unter­richt ver­ord­nen möchte, hilft das locker über die Hürden.

Will man jedoch genau hin­schauen und be­greifen, kommt man ohne Wör­ter­buch und Gram­matik kaum aus. Denn jede litera­rische Über­setzung entfernt sich ge­legent­lich vom ur­sprüng­lichen Wortlaut und lässt dessen Vo­kabeln und Gram­matik in­folge­dessen nicht mehr er­schlie­ßen. Was bei­spiels­weise »fare il solle­tico a qual­cuno« in der Phrase »fargli un po' di sano solle­tico« wört­lich heißt (»je­man­den kit­zeln«), geht aus deren Über­set­zung »dort ein biss­chen Ramba­zamba zu ma­chen« nicht mehr hervor. Auch Wort­spiele lassen sich na­tur­gemäß kaum als solche er­hal­ten: »Ero un patito del mare.« / »Attual­mente invece mi de­fi­nis­co un pen­tito del mare« wird zu »Ich war ein Meer­freak.« / »Heute dagegen habe ich mit dem Meer nichts mehr am Hut.« und ver­liert die gerade für Nea­pel rele­vanten Be­deu­tungs­ebe­nen von »pentito« (»reu­mütig; Ge­ständi­ger, Kron­zeuge; ehe­maliger Ma­fioso oder Kri­mi­neller, der mit der Justiz zu­sam­men­ar­bei­tet«).

»Il caffè sospeso | Espresso mit Herz« richtet sich an »Könner«. In der Tat sind Wort­schatz, Gram­matik und Syn­tax stel­len­weise an­spruchs­voll. Die philo­sophi­schen Ex­kurse sind hin­gegen gut genug im All­tag geerdet, um nach Feier­abend oder am Strand an­stren­gungs­frei schmun­zelnd kon­sumiert zu werden. Danach bietet die Reihe fol­gen­den Nach­schub für Kön­ner:

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Etwas einfacher zu lesen sind folgende Ausgaben für Fortgeschrittene:
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• Valeria Vairo: »Profumo d’Italia | Ein Hauch Italien« [› Rezension]


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