Rezension zu »Marlow – Der siebte Rath-Roman« von Volker Kutscher

Marlow – Der siebte Rath-Roman

von


Im Spätsommer 1935 haben die Nationalsozialisten das Land fest im Griff. Gereon Rath und seine Frau Charly sind ihnen suspekt. Gereon muss sich mit missliebigen Fällen befassen, Charly den Polizeidienst quittieren. Aber Pflegesohn Fritz und Charlys Mutter sind begeisterte Nazis. Bei seinen eigensinnigen Recherchen stößt Gereon auf geheime Machenschaften um Drogen, Politik und Hermann Göring. Dahinter steckt der Unterweltkönig Johann Marlow.
Historischer Kriminalroman · Piper · · 528 S. · ISBN 9783492055949
Sprache: de · Herkunft: de

Wem zum Nutzen?

Rezension vom 18.12.2018 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Es dauert ein Weilchen, bis wir Leser loslassen, uns wieder einlassen auf die Stille, den Sog der Sätze auf dem Papier, den Zauber unserer Vorstel­lungs­kraft. Ganz aus dem Kopf werden wir die Gesichter der Schau­spieler von »Babylon Berlin« nicht mehr bekommen – sie agierten aber auch zu gut, als dass wir ihr Beharren vor unserem inneren Auge bedauern müssten. Schließlich gewinnt Volker Kutschers intensiver Erzählstil die Oberhand und hält uns im Griff, während die Film-Rhythmen noch gelegent­lich im Hintergrund stampfen.

Als siebter Teil der »Rath«-Reihe ist Kutschers neuer historischer Kriminal­roman der soeben in der ARD ausge­strahl­ten zweiten Staffel der TV-Serie also satte sechs Schritte und sechs Jahre voraus. Es ist der Spätsommer 1935, Hitler waltet seit eineinhalb Jahren als Reichs­kanzler, und die Nazis machen sich in allen Lebens­berei­chen breit. Nichts und niemand soll ihrer Ideologie entkommen.

Gereon Rath, der Protagonist der Serie, sieht die politische Entwicklung als opti­misti­scher Pragmatiker und wartet ab, hoffend, dass es nicht schlimmer wird und der aufge­blasene Irrsinn bald zu Ende ist. Den lächer­lichen, aber unum­gängli­chen Hitlergruß absolviert er als Miniatur­version, nuschelt bei kurz ange­winkel­tem rechten Arm ein »Hei’« oder, wenn’s förmlich sein muss, »Hei’tler«. Mittler­weile ist er Ober­kommis­sar der Mord­inspek­tion und hätte nichts dagegen, die Karriere­leiter noch weiter emporzu­klettern, so wie viele junge und noch jüngere Leute gerade auf einer Welle nach oben schwappen und plötzlich an den ent­scheiden­den Schalt­stellen sitzen. Eine Bewerbung zum LKA hat er auf den Weg gebracht, aber das Partei­abzei­chen wie seine Konkur­renten am Anzugrevers zur Schau zu stellen ist nicht sein Ding.

Charly, Gereons frühere Kollegin und inzwischen seine Ehefrau, spürt die zunehmend bedrohliche Enge deutlicher als die meisten anderen. Ihren Traum, Jura zu studieren und Rechts­anwäl­tin zu werden, musste sie begraben, denn im neuen Deutschland gehören Frauen an den Herd und in den »Kreißsaal«. Jetzt arbeitet sie morgens als Anwalts­gehilfin, und nachmittags ist sie als Privat­detek­tivin unterwegs. Ihr Chef ist Wilhelm Böhm, vor zwei Jahren noch Leiter der Mord­kommis­sion, dann von seinem Posten weggeekelt, weil er den neuen Macht­habern nicht genehm war.

Zwei Jahre zuvor haben Gereon und Charly die Verantwortung für Friedrich, ein Pflegekind aus dem Heim, übernommen. Unter den veränderten Verhält­nissen wäre ihnen die Genehmi­gung dafür nicht zuteil geworden. Ein Vater, der nicht Partei­mitglied ist, und eine Mutter, die arbeiten geht und verfemte Autoren liest, sind keine Garanten für eine Erziehung im Sinne des National­sozialis­mus. Ironischer­weise begeistert sich »Fritze« trotz seiner suspekten Pflege­eltern für die starke neue Politik und ist der Hitler­jugend beigetreten.

Unter den Millionen glühenden Gesinnungs­genossen weiß der Junge auch Luise Ritter, Charlys Mutter. Charly kann deren mis­sionari­sche Versuche, sie von den Wohltaten der penetrant ver­götter­ten Führung zu überzeugen, ebenso wenig ertragen wie Gereons phlegma­tische Haltung gegenüber dem Regime. Sie leidet auch darunter, dass Gereon ihr gegenüber nicht mit offenen Karten spielt, was seine beruflichen Unter­nehmun­gen angeht. (Seine Gründe dafür kennt sie nicht. Denn die Fälle, an denen die Polizei und Wilhelm Böhms Detektei arbeiten, berühren einander nicht nur in zufälligen Einzel­heiten.) Jedenfalls ist der Rathsche Ehealltag trotz gegen­seiti­ger Zuneigung alles andere als sorglos und harmonisch, was der Autor in amüsanten Szenen einfängt.

Volker Kutschers Erfolg gründet sich nicht zuletzt auf seine Meister­schaft, Historie, Zeitkolorit und Privates seiner Figuren mit größter Leichtig­keit zu verknüpfen und unter­halt­sam in eine spannende Handlung einzubetten. Ein glänzendes Beispiel ist Gereons Reise mit seiner Schwieger­mutter zum Reichs­partei­tag der NSDAP nach Nürnberg. Diese Seiten gefallen schon wegen der wunderbaren Gestaltung der fränkischen Atmosphäre, Dialoge im p/t/k-freien Dialekt ein­geschlos­sen. Bereits während der Autofahrt hört Gereon allerdings Dinge über die Ver­gangen­heit seiner Frau, die ihm bislang unbekannt waren, und bekommt Luises naive Begeis­terung für den »Führer« zu spüren. Dass Fritz sie teilt, ist schlimm genug, doch dass sie einen Keil zwischen ihn und seine Pflege­eltern treibt, ist schlimmer: An Luise schreibt der Junge umfängliche Briefe über seine Erlebnisse, aber keine Zeile an Charly und Gereon. Die erschüt­terndste Erfahrung macht Gereon freilich mit sich selber. Inmitten von Tausenden, die am Straßenrand der Wagen­kolonne des »Führers« entgegen­fiebern und frenetisch »Heil, Heil, Heil« rufend ihren rechten Arm in die Höhe recken, merkt er, »dass er nicht dagegen ankam … es war etwas anderes, das ihn dazu trieb mitzumachen«. Noch nie hatte er sich selbst so sehr gehasst wie in den Momenten, als »das Wort ›Heil‹ aus seinem Mund kam« und auch er den rechten Arm hob.

Vor diesen politischen und privaten Hintergründen spielt sich der Kriminal­fall ab, der dem Buch seinen Titel gibt. Er holt weit aus, bis zu einem kaiser­lichen Kolonial­beamten, der von seiner Tätigkeit in Kiautschou auf sein mecklenburgisches Gut in der Nähe des Städtchens Marlow zurückkehrt und seine junge chinesische Dolmetscherin und ihren Sohn Kuen-Yao mitbringt. Magnus, einer seiner drei eigenen Söhne, verliebt sich in sie, doch der Vater unterbindet die Liaison mit aller Härte und zerstört damit dauerhaft das Verhältnis zu seinem Sohn. Als die Chinesin tödlich erkrankt, verspricht Magnus ihr, sich um ihren Sohn zu kümmern. Im Laufe der Jahre wird aus Magnus der Unterweltkönig Johann Marlow, der zu beiderseitigem Vorteil gute Freundschaft mit Hermann Göring hält.

Während diese »andere Geschichte« etappenweise fortgesetzt wird, hat Gereon Rath einen unglücklichen, zunächst simpel scheinenden Droschkenunfall mit zwei Toten aufzuklären. Als die Akte bereits geschlossen ist und er seinen neuen Posten im LKA antreten will, drängen sich immer mehr offene Fragen auf. Dann meldet sich Wilhelm Böhm und bittet ihn, ihm heimlich Unterlagen aus dem Archiv zu beschaffen. Da liege noch ein »nasser Fisch« herum, eine ungeklärte Akte über drei Tote.

Volker Kutschers Spezialität ist es, auf ruhige, fast emotionslose Weise die Spannung auf Höchstniveau zu halten. Regelmäßig wie ein Uhrwerk tickt die Erzählung auf mehreren Ebenen der Fiktion und der historischen Realitäten, stimmig greifen die Stränge ineinander, ohne dass das je gezwungen konstruiert wirkt. Der Erzähler spielt dem Leser fortwährend Hinweise zu, der rätselt fleißig mit – und landet mit seinen Vermutungen doch stets auf Nebengleisen. Dann locken plötzlich knüllerartige Überraschungen auf ganz unerwartete Fährten, und man muss ganz neu denken. So ergeht es auch Gereon Rath. Wo eigentlich alles erledigt scheint, ermittelt er eigensinnig weiter, stößt auf brisantes Material über Hermann Göring und bekommt es fortan mit SD und Gestapo zu tun. Wie er sich geschickt und selbstbewusst durch deren Klauen windet und zwischen Wahrheit und Lüge laviert, das sind meisterlich erdachte Handlungszüge und Dialoge dieses Autors.

Im letzten Drittel des Romans kreuzen sich die Wege Raths und Marlows. Der Strippenzieher, der über Leichen geht, tritt dem Polizisten eindrucksvoll mit schwarzer Adler-Limousine und SS-Uniform entgegen und macht ihm unmissverständlich klar, dass er seine Nase nicht in Angelegenheiten zu stecken habe, die ihn nichts angehen.

Üblicherweise macht Unterhaltungsliteratur aus guten Gründen einen Bogen um dunkle Phasen der Geschichte. Umso überzeugender löst Volker Kutscher die schwierige Aufgabe, das Phänomen der nationalsozialistischen Massenbegeisterung anschaulich und nachvollziehbar zu beschreiben und dennoch kritische Distanz zu wahren. Wir erleben mit, wie Millionen Menschen in die – nach heutigem Maßstab schlichtweg abstoßend wirkende – Führung eine Heilserwartung setzen und sich von ihr großartige Lebensziele einreden lassen, für die sie sogar in einen Krieg ziehen werden. Wir erleben aber auch hautnah, wie gleichzeitig Freiräume beschnitten werden und denen, die ein Gespür dafür bewahren, die Luft zum freien Atmen entzogen wird.

Zunächst nur optisch und akustisch in den Straßen auffällig, breitet sich der Schlamm der braunen Ideologie im Alltagsleben, in Ton und Verhalten von immer mehr Menschen aus, bis seine verheerenden Wirkungen für jeden erkennbar sind, Unrecht und Willkür Moral und Vernunft verdrängen. Das wollen aber die meisten in ihrer Verblendung nicht wahrhaben. Gereon Rath findet sich am Ende des Romans nicht mehr zurecht. Wie soll er seiner Pflicht als Kriminalbeamter – »dafür zu sorgen, dass die Zahl der Bösewichte … abnahm. Dass … niemand, der mordete, hoffen konnte, diese Tat bliebe ungesühnt« – noch nachkommen, wenn »die Regierenden die fleißigsten Mörder waren«?

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Winter 2018 aufgenommen.


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