Rezension zu Martin Suter: »Elefant«

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Elefant

Belletristik · Diogenes · · Gebunden · 352 S. · ISBN 9783257069709
Sprache: de · Herkunft: ch

Bewertung: 4 Sterne
Alles auf Rosarot

Rezension vom 10.02.2017 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Wie könnte man wohl Barron, der als Zehnjähriger eine eigene Etage in den Trump Towers bewohnt, ein Lächeln ins gelang­weilte, müde Gesicht zaubern? Worüber mag ein Kind, das wie Amerikas First Kid in mater­iellem Überfluss und Protz aufge­wachsen ist, noch wahre Freude empfinden? Für solch hyper­reiche Kreise hat ein Wissen­schaftler jetzt das ultimative Spielzeug ent­wickelt. Echtes Leben, auf der Basis eines von Mutter Natur über Jahr­millio­nen ent­wickelten Geschöpfes inklusive all seiner Sinne, Regungen und Empfin­dungen, aber ganz nach (gutem oder gruseligem) Geschmack des Käufers gepimpt – exklusiver geht's kaum.

Und es ist ein Win-Win-Projekt. Der Besteller darf sich wie Gott als all­mächtiger Schöpfer allein durch das Wort fühlen, während dem ausfüh­renden Gen­mani­pulator durch seine Patente ein tod­sicheres Geschäfts­modell mit exorbi­tanten Erträgen und uner­schöpf­lichem Zukunfts­potenzial offen­steht. Seine Ziel­gruppe ist über­schau­bar, aber für maß­lose Ver­schwen­dung ausge­stattet.

Dieser makabre Auswuchs modernster Genforschung ist die Grundlage von Martin Suters Roman »Elefant«. Da fällt einem ahnungs­losen Zürcher, der das keines­wegs geordert hat, tatsäch­lich so ein runz­liges rosa­farbenes Rüssel­tierchen, gerade einmal 40 cm lang und 30 cm hoch, vor die Füße. Science-Fiction muss man dazu nicht bemühen. Längst sind Schweine, Schild­kröten und Chihua­huas erfolg­reich geschrumpft worden. Und für Bio­lumi­neszenz hat uns die Natur mit den Glüh­würm­chen eine Steil­vorlage geliefert, die wir nur noch abzu­kupfern und mit einer Instal­lations­routine für alle Farben des Regen­bogens zu berei­chern brauchen, um den Markt der Eitel­keiten mit putzigen kitsch­farbigen Winz­lingen, die im Dunklen strahlen wie Leucht­reklame, in begierige Erregung zu versetzen. Während wir uns beim Lesen der Geschichte der kleinen Elefanten­kuh Sabu Barisha noch staunend die Augen reiben, mag irgendwo auf der Welt, wahr­scheinlich in den Ländern der ent­fessel­ten Möglich­keiten jenseits des Atlantiks oder im fernen Osten, längst eine reale Kollegin von ihr durchs Labor tröten. So kann Suter seinen Plot, der im April 2013 einsetzt, schon im April 2018 wieder enden lassen.

Schoch, der Zürcher, war einmal Investment­banker, stürzte aber nach dem Scheitern seiner Ehe aus der Wohl­stands­gesell­schaft (War er womöglich auch in die Machen­schaften des letzten Suter-Hits »Montecristo« verwickelt?) und haust nun als gemäßigter Obdach­loser am Uferrand der Limmat in einer Erdhöhle, seinem »Fluss-Bett«. Diszipliniert hält er Relikte seines Vorlebens aufrecht (trinkt vor zehn Uhr keinen Alkohol, wäscht sich, putzt sich die Zähne), und mit den Neben­wirkungen seines alltäg­lichen Getränke­quantums, Hallu­zinationen zum Beispiel (»seeing pink elephants« umschreibt das Englische das Phänomen), hat er sich arrangiert.

Als Schoch am Morgen des 12. Juni 2016 tief in seiner Höhle ein verschüch­tertes Elefänt­chen erblickt, dauert es dennoch ein Weilchen, bis er akzep­tieren kann, dass das kleine Etwas weder ein Plüschtier noch ein unförmiges Marzipan­schwein­chen ist, sondern unverkenn­bare Lebens­zeichen von sich gibt. Es bewegt die Ohren, hebt den Rüssel, hinterlässt winzige Dung­knollen und hat sichtlich Hunger. Schoch fasst Zutrauen zu dem hilf­losen Wesen, das, warum und von welcher Macht auch immer, ausge­rechnet in seine Hände gegeben wurde, und muss nun Verant­wortung dafür über­nehmen.

Das geht leider schief. Von dem Grünzeug am Uferrand und dem Limmat-Wasser, mit dem er das Tierchen versorgt, bekommt es unge­bremsten Durchfall. Er wendet sich an Tierärztin Valerie Sommer, die für die vier­beinigen Kameraden der Obdach­losen Gratis­sprech­stunden anbietet. Die Diarrhö hat sie schnell im Griff, vor allem aber begreift sie sofort die unge­heuer­lichen Dimen­sionen ihres Patienten (eine nobel­preis­würdige Welt­sensation) und was für Risiken im Spiel sein könnten. Umgehend bringt sie Schoch und sein Höhlen­tier in einem sicheren Versteck unter.

Dies ist der eine Handlungsfaden dieses rosaroten Romans. Im zweiten kommen Wissen­schaft und Big busi­ness ins Spiel.

Der Gentech-Experte Dr. Roux forscht, von einem chinesischen Unter­nehmen tatkräftig unter­stützt, seit Jahren an mini­mierten Versuchs­tieren mit Leucht­effekten und schafft den Durch­bruch, nachdem er in einem abgehalf­terten Wander­zirkus eine geeignete Elefanten­kuh als Leih­mutter für sein Ziel­produkt gefunden hat. Doch er hat seine Rechnung ohne Kaung, den Zirkus-Mahout, gemacht. Für diesen zutiefst religiösen Elefanten­flüsterer aus Myanmar ist das neuge­borene Kind seiner tierischen Partnerin ein einmaliges, anbetungs­würdiges Wunder der Schöpfung, und er erkennt, dass er es vor geld­gierigen Geschäfte­machern schützen muss. So nimmt eine globale Ver­folgungs­jagd ihren Lauf.

Damit hat Erfolgsautor Martin Suter eine aktuelle und relevante Thematik als Sujet für einen hübschen Roman mit märchen­haften Zügen gewählt. Dass er dafür die Gen­techno­logie – ein unendlich komplexes Minen­feld voller ethischer und mora­lischer Grund­satz­fragen – auf wenige plakative Aspekte reduziert, ist legitim, denn ihm geht es in erster Linie um gefällige Unter­haltung vor ernstem Hinter­grund. Suters typischer lakonischer, sanft ironischer Ton, das unpräten­ziöse Vokabular, die Struktu­rierung in über­sicht­liche Lese­häppchen mit locker zu bewälti­genden Zeit- und Orts­sprüngen sowie ein rundes Happyend auf einigen (nicht auf allen) Ebenen prädes­tinieren das Buch zum Best­seller, aber es ist hand­werklich auch perfekt gemacht. Der Plot läuft in allen Facetten stimmig ab, und die Erzäh­lung eröffnet anschau­lich die unter­schied­lichsten Perspek­tiven (von den höchsten Gipfeln der Natur­wissen­schaftler und der Finanz­mogule über ehemals schillerndes Zirkus­leben bis zum tristen Alltag der Zürcher Ob­dach­losen­szene). Im Nachwort dankt der Autor den namentlich genannten Experten, die ihn über Genetik, Hirn­forschung, Elefanten und »Rand­ständige« sach­kundig informiert und beraten haben.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Frühjahr 2017 aufgenommen.

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von Martin Suter
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