Rezension zu »Il cortile di pietra« von Francesco Formaggi

Il cortile di pietra

von


Belletristik · Neri Pozza · · Taschenbuch · 302 S. · ISBN 9788854512450
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Norditalien

Verkaufte Kinder

Rezension vom 07.06.2017 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Kaum vorstellbar ist die Armut, die in weiten Landstrichen Italiens nach dem Krieg herrschte, ehe der wirt­schaft­liche Auf­schwung ein­setzte. Mutige junge Menschen verließen ihre Heimat, um in der Poebene oder jenseits der Alpen in Landwirtschaft und Industrie auszu­helfen und ihre Familien zu Hause mit dem verdien­ten Geld zu unter­stützen. Die Geschichte dieser »Gast­arbeiter« im In- und Ausland ist gut erforscht und mehrfach erzählt (zuletzt von Marco Balzano, Gewinner des Premio Campiello 2015 [› Rezension]).

Kaum bekannt ist jedoch, dass viele verelendete Familien in ihrer Not keinen anderen Ausweg wussten, als ihre eigenen Söhne und Töchter wegzu­geben. Weil sie sie selbst nicht mehr ernähren konnten, vertrauten sie sie katho­lischen Ordens­schwestern an. Doch fanden die Kinder in den Konventen oft keines­wegs die erhoffte Fürsorge und fromme Nächsten­liebe, sondern noch erbärm­lichere Lebens­bedingungen als in den Familien, dazu Herzens­kälte und strenge Diszipli­nierung.

Der junge Autor Francesco Formaggi (1980 in der Provinz Frosi­none geboren) hat in seinem Roman »Il cortile di pietra« ein solches Kinder­schick­sal gestaltet – anrüh­rend, aber ohne jede Rühr­selig­keit. Im Mittel­punkt der Handlung, die sich nur über ein paar Monate erstreckt, steht der sechs­jährige Pietro, ein freund­liches, aufge­wecktes, neu­gieriges Kerlchen. Seine blühende, manch­mal makabre Fantasie kann ihm zur Belas­tung werden, wenn ihn bei seinen Streif­zügen durch enge Gassen und vorbei an halb­offenen Torein­gängen die Schauer­geschichten heim­suchen, die man sich über die Unge­heuer in Menschengestalt hinter den Mauern und finsteren Öff­nungen erzählt. Jegliches Dunkel ist für ihn von Ängsten besetzt.

Die Geschichte beginnt mit einigen Szenen aus Pietros kind­lichem Alltag mit seiner bitter­armen Familie (eine schwer kranke Mutter, ein strenger, leicht zu erzür­nender Vater), den Freunden (Spiel­kamera­den und ältere Bullies) und der nach­bar­schaft­lichen Umgebung. Voll­kommen unerwartet und uner­klärlich fängt ihn eines Tages ein emotions­loser Mann (»l'ispettore«) ein wie einen streu­nenden Hund und bringt ihn, ohne dass er seine Eltern noch einmal zu Gesicht bekäme, auf seinem Pferde­wagen fort. In seinem Haus kümmert sich seine Frau zärtlich und einfühl­sam um das Kind, und dies wird für längere Zeit die einzige warm­herzige Fürsorge bleiben, die Pietro zuteil wird. Wenig später bringt l'ispettore den Jungen zu einem Kloster (»collegio«), wo er ihn wie eine bestellte Ware abliefert und seinen Lohn einstreicht.

Der Hauptteil des Romans erzählt nun, wie Pietro in das eiserne Regle­ment dieses Instituts einge­passt wird. Es geht dabei einzig und allein um Unter­werfung, die Brechung jeg­lichen indivi­duellen Willens, die Einhal­tung starrer Routinen vom morgend­lichen Toiletten­gang über die Arbeiten in Haus und Garten und die rituellen Gebete bis zum Schlafen­gehen. Durch Ein­schüch­terung und körper­liche Züchti­gung (Nahrungs­entzug, Peitschen­hiebe, Weg­sperren) diszipli­nieren die Nonnen die ihnen anver­trauten Kinder. »Se le suore lo scoprivano erano guai,« lautet eine Standard­formel in deren Unter­haltun­gen.

Die meisten Jungen ertragen widerstandslos die Isola­tion, die Demüti­gungen, die im eisigen Winter unzureichende Einheits­kleidung (»una casacca bianca di tela sfilacciata«), den zugigen Schlaf­saal, den Schmutz, die ekligen hygieni­schen Zustände, die schlechte Ernährung, Krankheiten und Sterben in ihrer Mitte. Ein paar Größere ver­schaf­fen sich Vorteile, indem sie mit ihren Cliquen die Schwäche­ren unter Druck setzen. An Flucht denkt kaum einer, denn die wenigen Versuche haben den schnell wieder einge­fangenen Jungen nichts als grau­same Strafen einge­han­delt.

Einer von denen, die den Ausbruch versucht haben (sogar mehrfach), ist Mario, ein Jahr älter, aber fragiler als Pietro. Trotz der durch­litte­nen brutalen Sank­tionen will er sich weder beugen noch von seinen Flucht­plänen lassen. Der rebel­lische Geist, von den Schwes­tern als »la peste« gehasst, erkennt im Neu­ankömm­ling Pietro verwandte Züge und wird zu seinem Be­schüt­zer und Freund. Der Jüngere vertraut ihm seiner­seits an, was ihn bewegt und was er bei seinen Expedi­tionen im Kloster­gelände Geheimnis­volles entdeckt. Gemein­sam wagen sie sich auf riskante nächtliche Unter­nehmun­gen, bei denen Pietro seine Ängste nur mit Mühe im Zaum hält, und ent­wickeln schließlich einen toll­kühnen Fluchtplan.

All dies wird im Wesentlichen aus Pietros kindlicher, sensibler, nur behutsam litera­risch-poetisch gestalteter Sicht erzählt. Für kurze Passagen wechselt die Perspek­tive, um das Innen­leben anderer Figuren offen­zulegen, insbe­sondere diverser Nonnen. Denn die Schwes­tern­schaft ist kein homo­gener Block. Unter ihnen sind gleich­gültige, miss­günstige, herrsch­süchtige und sadis­tische Frauen, aber auch solche, die unter den Zu­ständen nicht weniger leiden als die Kinder, jedoch ebenso wie diese gefangen sind. So wird Pietro in heim­tücki­sche Fallen gelockt, erfährt aber auch heim­liche Zuwen­dung und erstaun­liche Hilfe.

Das letzte Drittel des Romans führt neue Personen ein. Leo, ein verwit­weter Bauer und Hirte, und sein Sohn Tom­maso (einige Jahre älter als Pietro) sind die wich­tigsten Gegen­pole zum ispettore und den Nonnen. Ihr mit­fühlen­des Wesen, ihr freies Denken, die Ent­scheidun­gen, die sie treffen müssen, und ihr Tun verleihen der Proble­matik tiefere, komple­xere Dimen­sionen. Die Handlung nimmt bis zum erschüt­ternden Schluss span­nende Wen­dungen (»Stia attento agli uomini che non hanno più niente da perdere.«), und sogar der symbol­trächtige Titel­begriff erhält neue Bedeutung.

Nach »Il casale« [› Rezension] ist dies Fran­cesco For­maggis zweiter Roman. Er hat nur noch wenig von der etwas gesuch­ten, morbiden Exzent­rizität des Erstlings, wohl aber dessen litera­rische Quali­täten. Ihnen ist es zu verdanken, dass uns die gerad­linige, auf weite Strecken unspek­takuläre Handlung im begrenzten Raum und mit wenig Personal keines­wegs unbe­rührt lässt. For­maggis Kunst der Figuren­zeich­nung hat mit Pietro und Mario zwei Prota­gonisten geschaffen, die Kind­lich­keit und starke Charak­terzüge vereinen und die durch ihre Aben­teuer mit unter­schied­lichen Menschen zu runden, verant­wortungs­vollen Persön­lich­keiten reifen. Die meisten Erwach­senen werden hin­gegen in nur wenigen Eigen­schaften beleuch­tet, soweit es ihre Funk­tiona­lität im Plot erfordert.

Diese Selbstbeschränkung gilt übrigens auch für die Gestaltung des Settings. Es ist Winter, wohl kurz nach dem Krieg, wohl in den nörd­lichen Regionen Italiens. Genauere Anhalts­punkte zu Ort und Zeit gibt es nicht. Die Land­schafts­beschrei­bungen bieten kaum mehr als Topoi: die hohe Umfas­sungs­mauer, die leeren Bienen­stöcke, der Oliven­baum mit dem einge­ritzten Pferd­chen, die lieb­liche Wiese, die Schäfer­hütte, die sich windende strada bianca, das ver­brannte Land, ein Graben ...

Der Vergleich mit Romanen und Filmen über ähnliche Zustände in Irland liegt nahe, doch beschränkt sich die Schnitt­menge auf Äußer­lich­keiten und Herr­schafts­methoden in solchen Insti­tuten. Formaggis Interesse ist, zu verstehen, was in den Menschen vorgeht, die solch ein System betreiben oder ihm ausge­liefert sind. Bei seinen Recher­chen musste er fest­stellen, dass das Phäno­men, so verbreitet es in ganz Italien war, kaum doku­mentiert ist. Weil es nur die Ärmsten der Armen betraf? Weil die Kinder wie auch ihre Eltern ganz andere Sorgen hatten, als ihr Leiden zu formu­lieren? Weil niemand Interesse daran hatte, Licht in das Treiben in den Klöstern zu bringen? Dabei hat Tom­maso von seinem Vater gelernt, dass »non c'era cosa peggiore della viltà, e della paura che immobilizza, e non c'era uomo peggiore di chi chiude gli occhi davanti alle nefandezze«.


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