Rezension zu »Il compimento è la pioggia« von Giorgia Lepore

Il compimento è la pioggia

von


Am Tag des Schutzpatrons St. Nikolaus wird in Bari eine junge Frau brutal ermordet. Ihre fünfjährige Tochter ist Zeugin. Der Tatort ist ein Spurenchaos. Ispettore Gerri Esposito, ein zerrissener, widersprüchlicher, faszinierender Charakter, ist der Einzige, der Zugang zu ihr findet.
Kriminalroman · Edizioni e/o · · 239 S. · ISBN 9788866329435
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Apulien

Bari, dunkle, eisige Stadt

Rezension vom 17.05.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Apulische Kaufleute raubten 1087 in Kleinasien die sterblichen Überreste des heiligen Nikolaus und über­führten sie nach Bari, wo es an standes­gemäßen Reliquien gerade schmerzlich mangelte. Sogleich errichtete man dem wirtschaft­lich höchst willkom­menen Neuzugang eine strahlend weiße Basilika innovativen Stils, die zu einem populären Ziel für christliche und ortho­doxe Pilger werden sollte.

Am Abend des 6. Dezember, Nikolaus’ Todestag, ist alljährlich die ganze Stadt auf den Beinen und drängt sich in der engen Altstadt, wo die große Kirche wie einge­zwängt wirkt. Nur der Platz vor ihrem Hauptein­gang lässt Raum. Man kauft an den Ständen scagliozzi, frittierte Polenta-Dreieck­chen, Süßes oder Getränke, bevor oder nachdem man die Messe zu Ehren des Heiligen besucht.

Just an diesem Abend erschüttert ein entsetzliches Verbrechen die unbeschwerte Stimmung. In einer der vielen Basso-Wohnungen der dunklen Gassen wird eine junge Frau umge­bracht. Caterina Camarda (»Ketty«), 24, lebte dort allein mit ihren Kindern Jennifer (5) und Kevin (etwas jünger). Deren Vater war auch oft da, wenn seine Tätigkei­ten im Prostitutions­milieu ihn nicht anderswo hinzogen. Dann schaute gern Pasquale Milanese vorbei, ein Mann aus gutem Hause, von dem Ketty schwanger war, der jedoch ander­weitig fest verlobt ist. Schon in diesem engsten Umfeld ahnen wir hinreichende Motive für die Ermordung der lebenslus­tigen Ketty, und in den weiteren Kreisen der beiden Familien werden wir noch etliche andere entdecken.

In der Tat spricht alles dafür, dass Ketty sozusagen mehrmals ermordet wurde. Kurz nach einem einver­nehm­lichen Geschlechts­verkehr wurde sie brutal geschlagen, mit einem Messer misshan­delt, die Fingerab­drücke stammen von mehreren Personen, darunter eine kleinere, weibliche, und die überall verschmier­ten Blutspuren lassen darauf schließen, dass der Körper des Opfers und die Wohnung zwischen­durch flüchtig gesäubert wurden. Ein chaoti­scher Tatort also, unübersicht­liche personelle Verhältnisse, auch durch das Fest bedingt, und eine ungewöhn­liche Augenzeu­gin: Jennifer hatte sich mit ihrem Bruder während des Mord­gesche­hens in einer Truhe versteckt und behauptet steif und fest, ihr Vater Nicola Laforgia habe ihre Mutter erstochen.

In diesem Wust muss die Squadra Mobile Klarheit schaffen, und die ist selbst eine komplizierte Truppe. Sie wird geleitet von viceques­tore Alfredo Marinetti, väterlich um Teamgeist bemüht und an einem reibungs­losen Abschluss des Falls interes­siert, und den beiden ispettori Sara Coen und Gregorio Esposito (»Gerri«). Als arroganter Widerling tritt der aus Mailand frisch zugeord­nete PM Giancarlo Anteri auf, um hier im vermeint­lich verlotter­ten Apulien Zucht und Ordnung einzufüh­ren.

Gerri, 33, ist der Protagonist und der interessanteste, komplexeste, überzeugendste Noir-Charakter, der mir in letzter Zeit begegnet ist. Er ist aufregend schön und nicht unsympa­thisch, aber ziemlich schwierig. Er wuchs in einem neapo­litani­schen Roma-Viertel auf, bis ihn seine Mutter eines Tages im Regen stehen ließ, dann zogen ihn zwei tüchtige Betreuer eines katholischen Waisen­hauses groß. An diesen drei Bezugs­perso­nen hängt er bis heute, wie ihn auch die Traumata seiner Kindheit nicht loslassen. Nirgendwo hat der unruhige Geist Wurzeln schlagen oder einen Sinn im Leben finden können. Vielleicht deshalb fixiert er all seine Über­legun­gen in ausufern­den Struktur­diagram­men, die dem Chaos des (und seines) Lebens Ordnung ent­gegenset­zen sollen.

Dass er gern für alle anderen die Feiertagsschichten übernimmt, verschafft ihm eine gewisse Beliebtheit im Team, die er aber durch Brüskheit, Über­heblich­keit und Unbe­rechenbar­keit wieder ruiniert. Beziehun­gen zu Frauen hat er genug – von der Minder­jähri­gen Lavinia (nur in ideali­sieren­den Erin­nerun­gen präsent) über die nigeria­nische Prostitu­ierte Milly (die Partnerin für alle Fälle) bis zu Claudia (brisant, weil Marinettis Frau) und zur Kollegin Sara (zerschlagen, den Alltag vergiftend, Neustart nicht ganz aus­geschlos­sen). Dieser Mensch voller Widersprüche, Unwägbar­keiten und dunkler Geheim­nisse verdient sich unsere Anerken­nung für seine Pro­fessiona­lität, erregt unser Mitleid wegen seiner un­verschul­deten sozialen Konflikte, vor allem aber überrascht er uns immer aufs Neue. Seine Uner­gründlich­keit birgt genug Potenzial für weitere Folgen (denn dies ist bereits der dritte Krimi der Serie).

Bei aller Widerborstigkeit zeichnet Gerri natürliches mit­mensch­liches Empfinden aus. Anderer Leute Leid löst bei ihm selber körperliche Schmerzen aus. Seine Empathie verschafft ihm spontanen Zugang zu der kleinen Jennifer. Die ist ihrer­seits eine bemerkens­werte Per­sönlich­keit: intelligent, wissbegierig, von rascher Auffassung, dabei wortkarg, misstrauisch und abgebrüht. Nur Gerri schenkt sie ihr Vertrauen, alle anderen lässt sie abblitzen oder führt sie an der Nase herum. Im Gegenzug gibt er ihr ein folgenschweres Versprechen, auf das das Dürrenmatt-Zitat verweist, das dem Roman vorange­stellt ist: »C’è da augu­rarsi che lei non faccia mai una promessa che debba mantenere« (aus »Das Versprechen«).

All dies stammt aus der Feder der apulischen Archäologin, Kunst­geschicht­lerin und -lehrerin Giorgia Lepore (die in Martina Franca wohnt). Sie erzählt im Wesent­lichen linear, nach Kalender­tagen strukturiert, hauptsäch­lich aus Gerris Sicht, aber auch in das Innenleben der anderen Ermittler streif­lich­ternd und (besonders intensiv) aus Täter-Perspektive. Sie vermittelt dem Leser die dunkelsten und kältesten Seiten von Baris Altstadt, die lebhafte Atmosphäre während der Festtage, die dazu­gehöri­gen Bräuche in den Familien und auch ein paar Dialekt­schnip­sel. Die eisigen Tage zwischen San Nicola und dem 7. Januar vergehen im Kom­missa­riat mit Verhören und Aus­einander­setzun­gen zum weiteren Vorgehen, wobei Gerri aus den unter­schiedlichs­ten Gründen oft an den Rand gedrängt wird. Viel Raum erhalten kommuni­kative Klippen und psy­chologi­sche Tiefen, Ob­sessio­nen, Fluchten – völlig ausgeblendet bleiben direkte Gewalt­darstel­lungen.

Dem merkwürdigen Titel liegt ein arabisches Sprichwort zugrunde: »Le nuvole sono una promessa. L’adempi­mento è la pioggia.«


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