Rezension zu »Das Spiel des Patriarchen | La gita a Tindari« von Andrea Camilleri

Das Spiel des Patriarchen | La gita a Tindari

von Andrea Camilleri


Kriminalfilm · Warner Bros. · · 115 Min.
Sprache: it · Herkunft: it

Ausflug in die Höhle des Löwen

Rezension vom 05.11.2013 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Tindari liegt im Nordosten Siziliens, ca. 30 km westlich von Messina, zwischen Gebirge und einer unge­wöhn­lichen Lagune. Zu sehen sind Aus­grabun­gen aus der griechisch-römischen Vergangen­heit und eine spektakulär überm Ort thronende moderne Wall­fahrts­kirche, in der »La Madonna Nera di Tindari« verehrt wird. Kein schlechtes Ziel für eine »Butterfahrt« – eine Busreise also, während der den Fahrgästen großartige Haus­halts­geräte oder ähnliche Knüller angepriesen werden, nicht gerade billig, aber dafür brauchen sie für die Fahrt fast nichts zu bezahlen. Die Eheleute Griffo, zurück­gezo­gen lebende Rentner, gönnen sich dieses bescheidene Vergnügen. Mit an Bord ist die schöne Beatrice Di Leo; sie ist es, die wortreich die Vorzüge eines Koch­geschirrs preist.

Doch die Griffo kehren nie mehr nach Hause zurück. Viel später stellt sich heraus, dass sie in einer abgelegenen Hütte auf dem Land erschossen wurden – ganz im Stil einer Mafia-Exekution. Beatrice und ein Foto bringen Salvo Montalbano auf die Spur: Die Vergröße­rung der Aufnahme zeigt, wie signor Griffo durch das Rückfenster des Busses einen nach­folgen­den PKW beobachtet. Sogar das Nummern­schild ist lesbar; der Fiat Punto gehörte Nenè Sanfilippo, 21, der im selben Haus wohnte wie die beiden ermordeten Senioren.

Allerdings lebt auch Nenè nicht mehr. Der Film beginnt damit, dass man ihn erschossen vor der Haustür auffindet …

Dem Commissario eröffnet sich bald eine Fülle von Einblicken und Erkennt­nissen, die erst durch mühsames, sorgfäl­tiges Recher­chieren, geschicktes Kombinieren und unkon­ventio­nelles Agieren (mancher meint: jenseits des Vertret­baren) über­raschen­de Zusam­men­hänge zutage fördern.

Nenè war im Porno-Geschäft aktiv; sein Computer ist voller einschlä­giger Bilder, Texte und selbst produ­zierter Filme. Besonders intensive Bande unterhielt er mit einer Rumänin, Ehefrau eines bekannten Organ­trans­planta­tions­chirur­gen und Verfasserin eines noch unver­öffent­lichten Romans.

Was aber soll die Mafia mit all dem zu tun haben? In dieser Hinsicht entwickelt sich ein weiterer Handlungs­strang. Don Balduccio Sinagra, mächtiger Boss des lokalen Clans, lädt Montalbano zu einer Unterredung. Er trägt ihm seine Philosophie vor – und verrät ihm erstaun­licher­weise ein Geheimnis.

Auf der Grundlage eines soliden, anspruchs­vollen, viel­schich­tigen und komplex konstru­ierten Romans ist diese sicher eine der ge­lungens­ten Montalbano-Verfil­mun­gen überhaupt. Der Plot ist spannend und berührt etliche relevante Themen (z.B. die »alte« versus die »neue« Mafia; die Problematik, was im Kampf gegen das Verbrechen »erlaubt« ist; differen­zierte psycho­logi­sche Aspekte), die Dialoge sind prickelnd, Gestik und Mimik der Charaktere hinter­gründig.

Faszinierend sind die Schauplätze: Ein unheimlicher Sara­zenen­turm am Meer; ein verfallenes Bauernhaus, an dessen Tür sich Salvo austobt; vor allem aber das Schloss Donnafugata, von reglosen men in black bewacht. Auf dessen hoch­gelege­ner, lang­gestreck­ter Terrasse brennt die Sonne, ein Lüftchen bewegt den Saum des Sonnen­schirms, unter dem der steinalte Don Balduccio offene Zwiesprache mit dem geschätzten Polizisten hält. Heißblütig in Worten und Gesten, halb als Karikatur, halb als tragische Figur erscheinend, lässt uns der Mafioso noch in seiner Gebrech­lichkeit schaudern, und wir ahnen sein tödliches Potenzial …

Bemerkenswert:

• Catarella, sonst nur hoffnungsloser Missver­steher, begnadeter Wort­ver­dreher und (allzu) trotteliger Türöffner, darf in dieser Folge erstmals sein un­erwar­tetes Talent entfalten: Es gelingt ihm in nächtlichen Überstunden, Nenè Sanfilippos Computer zu knacken. Seine IT-Expertise verschafft Montalbano den Schlüssel, mit dem er den Fall schließlich lösen kann.

• Die Talente der signorina Di Leo bleiben (natürlich) auch dem vice-commissario Mimì Augello nicht verborgen. Am Ende des Films geht er ihretwegen selbst auf »Butterfahrt«; Salvo und Dauer­freundin Livia sind mit von der Partie. In Tindari genießen beide Paare den roman­tischen Ausblick; Hoch­zeits­pläne kommen auf – aber nicht bei allen Betroffenen …

Ausgaben:

• Der Film im italienischen Original: »La gita a Tindari« DVD »La gita a Tindari« bei Amazon

• Der Film in deutscher Synchronisation: DVD »Das Spiel des Patriarchen« bei Amazon
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in »Commissario Montalbano – Volume II« (4 DVDs)

• Informationen zu den Textgrundlagen des Films finden Sie in der Übersicht aller Fernsehfilme.

• Außerdem bietet Ihnen Bücher Rezensionen vollständige Übersichten aller Fernsehfilme, aller Romane und aller Erzählungen über den commissario Montalbano.


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