Rezension zu »Die linke Hand des Teufels« von Paolo Roversi

Die linke Hand des Teufels

von


Kriminalroman · List · · Taschenbuch · 315 S. · ISBN 9783548609904
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Lombardei

Voltagabbana – die ihr Mäntelchen nach dem Wind hängen

Rezension vom 13.02.2011 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

In Capo di Ponte in der norditalienischen Region Emilia Romagna zieht bei Gluthitze ein Leichenzug durchs Dorf. Keiner hat es sich nehmen lassen, dem 84-jährigen Pietro Caramaschi, einem alten Partisanen, die letzte Ehre zu erweisen. Liebevoll wurde er Giasér, Eismann, genannt, wenn er mit seinem Handkarren über die Straßen zockelte.

In der Gegend der Bassa reggiana, flach, gleichförmig und eintönig, ist die Zeit stehengeblieben, und nichts hat sich in vielen Jahren ereignet, was den Einsatz der Militärpolizei erfordert hätte.

Als der übergewichtige Postbote Nello Ruini einen Brief ohne Absender zustellen will, da streckt sich ihm aus dem aufgebrochenen rostigen Metallkasten eine Hand entgegen. Das kann schon mal passieren, aber an dieser fehlt der Rest des Körpers. Bevor die Ordnungshüter eintreffen, versammelt sich schon die Nachbarschaft um den geschockten Postboten, und tumultartig wird erörtert, was geschehen sein mag. In dem abbruchreifen Haus lebt Giuseppe Davoli, ein armer, verwirrter und hypochondrischer Obdachloser. Aber der, ausgerechnet "Dievel" genannt, wird wohl unschuldig sein.

Leider handelt es sich bei der abgetrennten Hand nicht um einen makabren Scherz. Schon am nächsten Morgen findet man im Altersheim einen per Genickschuss exekutierten 82-Jährigen: Attilio Spinelli war der senile Besitzer des unbewohnbaren Hauses. Waren Hand und Brief für ihn bestimmt? Etwa als Warnung? Als eine weitere Hand und wiederum ein Brief auftauchen, muss man von einem Serienkiller ausgehen ...

Zeitgleich wird in Mailand die Leiche einer jungen Frau gefunden. Und ein Japaner, der eine Sushibar eröffnet, verschwindet spurlos. Hat möglichereise der italienische Barbesitzer, der seine treue Kundschaft an das hippe Lokal verloren hat, eine eigenwillige Lösung für sein Problem gefunden?

Während in Mailand Vicequestore Loris Sebastiani ermittelt, haben in Capo di Ponte Maresciallo Boskovic und Brigadiere Rizzitano ihre Arbeit aufgenommen. Chefredakteur Beppe Calzolari wittert reißerischen Schlagzeilen. Zum Glück ist sein Mitarbeiter Enrico Radeschi gerade in Ponte angekommen, um während seines Urlaubs das Haus der Eltern zu hüten. Nun wird er je nach Brisanz ständig zwischen Mailand und Ponte hin und her kommandiert.

Den beiden kriminalistischen Schauplätzen hat Paolo Roversi eine Fülle weiterer kleiner beiläufiger Szenen hinzugefügt. Sie dienen nicht der Spannungssteigerung, sondern vermitteln dem Leser italienisches Flair und lokalen Charme – teilweise durchaus klischeehaft. Selbstverständlich wird niemand jemals ohne seine bedeutende Rangbezeichnung angesprochen: Denn jeder Carabiniere, Ispettore, Sottotenente, Capitano und wen es noch so alles gibt, ist sich seiner Würde bewusst.

Trotz der Verbrechen ist die Stimmung des Romans leicht, humorvoll und – ein bisschen müde, was der lähmenden Augusthitze zu verdanken ist. Die Protagonisten werden voller sympathischer Details beschrieben: Radeschi ist mit seiner gelben Vespa unterwegs, der Akku seines Handys ist ständig leer. Boskovic ist ein Gürteltier zugelaufen, das ihm bei den Mahlzeiten Gesellschaft leistet und als Müllschlucker dient. Und wie konnte jemand wie der halbblinde und ein wenig trottelige Rizzitano bloß den Einstellungstest bestehen? Er wusste sich eben zu helfen ...

Nach gut der Hälfte des Romans ist der eigentliche Plot (Hände, Briefe, Mördersuche) noch nicht recht weitergekommen, und der Leser sehnt sich danach, dass doch endlich etwas geschehen möge. Und dann kommt es tatsächlich heftig: Partisanen, Faschisten, Voltagabbana (die ihr Mäntelchen nach dem Wind hängen) – die dunkle Vergangenheit Italiens und ihre Nachwirkungen werden auf den letzten Seiten so packend beschrieben, dass einem kalte Schauer über den Rücken laufen. Mit dem Romanende ist die Spannungsspitze erreicht und gleichzeitig ein Bogen zum Handlungsbeginn geschlagen. Genial!

P.S.: Paolo Roversis Roman "Die linke Hand des Teufels" erhielt den "Premio Camaiore", einen renommierten Preis für Kriminalliteratur.


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