Rezension zu »I promessi sposi« von Alessandro Manzoni

I promessi sposi

von


Belletristik · Teil der Serie »Italienisch mit Hilfe« · Reclam · · 368 S. · ISBN 9783150198612
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Lombardei

Wohltuende Konzentration auf das Wesentliche

Rezension vom 05.03.2014 · 5 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Jeder, der sich für italienische Literatur interessiert, erfährt irgendwann von Alessandro Manzo­nis Roman »I promessi sposi«. Dann erwacht die Neugier, in das berühmte Buch einmal hin­einzuschnuppern. Wovon erzählt der Autor? Wie liest sich sein Stil? Was macht die Qualitäten des Meis­terwerks aus? Beunruhigend steht jedoch vor der Lektüre die Frage: Komme ich zurecht mit der an­spruchs­vollen Sprache des neunzehnten Jahrhunderts?

Die Ausgabe, die Reclam soeben in seiner Reihe »Fremdsprachentexte« neu herausgebracht hat, ist ein­fach ideal für genau diese Leserschaft. Denn es handelt sich um eine gekürzte und sprachlich an­no­tier­te Edition. Die Folgen für den Leser: Wörterbuch überflüssig, Inhalt auf das Wesentliche reduziert, sprachlich-stilisti­scher Genuss aber unbeeinträchtigt, denn der Wortlaut selbst wurde nicht verändert.

Dass die Lektüre gute Sprachkenntnisse erfordert, braucht nicht erwähnt zu werden. Die Vokabelhilfen am unteren Seitenrand übersetzen Wörter, die nicht zum Grund- und Aufbauwortschatz gehören (wo ange­bracht, mit Markierung der betonten Silben, Hinweisen auf Wortfamilie, grammatikalische Besonderheiten u.ä.). Wie immer nimmt beim Lesen die Geläufigkeit mit den Seiten zu, so dass man den Text zügig aufzu­nehmen und zu verstehen lernt und nur noch in Zweifelsfällen auf die Erläuterungen hinunterschaut.

Lohnt sich die Lektüre? Wie Goethes »Faust« ist Alessandro Manzonis Roman »I promessi sposi: Storia milanese del secolo XVII« (so der vollständige Originaltitel von 1840) Standardlektüre in den Schulen, weil seine Bedeutung für die Entwicklung der italienischen Literatur, Sprache und staatlichen Einheit gar nicht über­schätzt werden kann. Man findet dazu Regalmeter an Sekundärliteratur und Tausende von Links im Inter­net. Auch den Handlungsgang kann man dort in jeder beliebigen Ausführlichkeit nachlesen.

Fragen Sie aber Italiener im Alltag nach ihren Erfahrungen damit, treffen Sie nur selten auf die Begeiste­rung, die bei einem anerkannten Glanzstück zu erwarten wäre. Vielmehr erhalten Sie die Antworten, die viele Deutsche geben, wenn man sie auf »Faust« anspricht: gequälte Mimik; geseufzte Erinnerung an angeordnete Lektüre; schelmisches Eingeständnis, sich so oder so durchgemogelt zu haben; freudlose Einräumung literarischer Qualität und historischer Bedeutung. Auf Nachfrage folgen Klagen über die »Langatmigkeit«, die »ausschweifenden Beschreibungen«, die verästelte und minutiös ausgesponnene Handlung, aber selten eine Würdigung der vielen Attraktionen und Vorzüge, die das Buch zu einem Mei­lenstein der literarischen Entwicklung gemacht haben, wie etwa die ausgeprägte Bildhaftigkeit der Erzähl­weise (acht Verfilmungen kommen nicht von ungefähr), die wilden Abenteuer der Hauptpersonen, die psy­chologische Tiefe der Charakterzeichnung, die außergewöhnlichen Perspektivwechsel, die lebhafte, viel­fältig kommentierende Erzählhaltung zwischen Ironie, Witz, Anteilnahme und Kritik an Missständen und Ungerechtigkeiten – und natürlich Klarheit und Reichtum der Sprache. Zu seiner Zeit war Manzonis Ro­man (der in Lecco am Comer See, Bergamo und Mailand spielt) ein hochmoderner, innovativer Bestseller.

Die neue Reclam-Ausgabe (mit kommentierten Literaturhinweisen und siebzehnseitigem Nachwort der Her­aus­geberin Kerstin Marfordt) trägt dem heutigen Bedürfnis nach Konzentration Rech­nung. Von den 38 Ka­pi­teln der Originalausgabe wurden siebzehn weggelassen und ihr Inhalt jeweils in einem kurzen (deut­schen) Überleitungstext zusammengefasst; auch in den verbleibenden 21 Kapiteln wur­den Passagen aus­ge­klammert. Einziges Kriterium der Kürzungen war, dass »der ›rote Faden‹ der Hand­lung« unversehrt blieb. So entfiel beispielsweise die Lebensgeschichte einer (historischen) Ordensfrau, die Manzoni in den Kapiteln IX und X als Roman im Roman erzählt, während ihre Rolle (als »la Signora«, die edle Nonne Ger­trude aus Monza) in der Handlung um Renzo und Lucia unberührt bleibt.

Literaturwissenschaftler müssen Kürzungen als Amputationen werten, und Sprachwissenschaftler haben sich jahrelang gegen bedeutungsreduzierende Vokabelgleichungen gesträubt. Sie dürfen diese Ausgabe fragwürdig finden. Aber der pragmatisch eingestellten Zielgruppe leistet sie eine große Hilfe: »dem in­ter­es­sier­ten Leser einen Eindruck von Manzonis Hauptwerk zu vermitteln«. Der »interessierte Leser« (zumal wenn er schon Freude an anderen großen europäischen Erzählern des neunzehnten Jahrhunderts fand) sollte sich ein Herz fassen: Bequemer kann man sich dieses Meisterwerk nicht erschließen.

Am Ende dieser Rezension soll wenigstens ein einziges kurzes Zitat Ihren Appetit anregen – und eine Vor­stellung davon vermitteln, was Sie an Text und Vokabelhilfen erwartet. Griso ist einer der schurkischen Handlanger von Don Rodrigo, dem spanischen Feudalherrn, der ein Auge auf die hübsche Lucia geworfen hat und damit die Abenteuer ins Rollen bringt, die die beiden Verlobten für zwei Jahre auseinanderreißt, ehe sie einander endlich heiraten können. Im Capitolo XI muss Griso seinem Auftraggeber gestehen, dass der Plan, das Mädchen zu entführen, gründlich daneben ging. Am Ende des Tages kommentiert der Er­zähler:

Va a dormire, povero Griso, che tu ne devi aver bisogno. Povero Griso! In faccende tutto il giorno, in faccende mezza la notte, senza contare il pericolo di cader sotto l’unghie de’ villani, o di bus­carti una taglia per rapto di donna honesta, per giunta di quelle che hai già addosso; e poi esser ricevuto in quella maniera! Ma! Così pagano spesso gli uomini. Tu hai però potuto vedere, in questa circostanza, che qualche volta la giustizia, se non arriva alla prima, arriva, o presto o tardi anche in questo mondo. Va a dormire per ora: che un giorno avrai forse a somministrarcene un’altra prova, e più notabile di questa.

buscare: abbekommen, abkriegen. | la taglia: hier: Kopfgeld. | per rapto di donna honesta: (von lat. raptus und honestus) wegen der Entführung einer ehrbaren Frau. | somministrare qc a qu: jdm. etwas ver­passen, verabreichen.

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