Rezension zu »Il gioco degli specchi« von Andrea Camilleri

Il gioco degli specchi

von


Kriminalroman · Teil der Serie »Il commissario Montalbano« · Sellerio · · 255 S. · ISBN 9788838925634
Sprache: it · Herkunft: it

Das Spiel ist zu groß ...

Rezension vom 05.05.2013 · noch unbewertet · noch unkommentiert

[Rezension des Fernsehfilms] Die Augen eines poliziotto sehen, aber nicht unbedingt die Wahrheit – bis­weilen wird ihnen eine andere Realität vorgespiegelt, ohne dass sie es bemerken könnten. Das erklärt commissario Salvo Montalbano seinem fleißigen Mitarbeiter Fazio, nachdem er erkannt hat, dass er offen­bar dauernd hinters Licht geführt wird.

In »Camilleri racconta«, einem zweiminütigen Monolog, der den Ausstrah­lungen auf Rai Uno voraus­geht, erläutert Camilleri Prinzip und Titel seines acht­zehnten Montalbano-Krimis mit folgender Episode: Ein Bekannter hatte eine Beziehung zu einer verheira­teten Frau; bei einem gemeinsamen Essen zu dritt flog die sorgsam geheim­gehaltene Affäre auf, weil der Ehemann zufällig in einem Spiegel erblickte, wie sich die beiden anderen in seinem Rücken küssten. Und er verweist auf die legendäre Schluss­szene von Orson Welles’ Film-Klassiker »Die Lady von Shanghai« (1947): Die beiden Haupt­figuren bewegen sich durch das Spiegel­kabinett eines Vergnügungs­parks, vielfach reflektiert, und niemand kann unterscheiden, wo die wirklichen Menschen stehen und was nur ihre Spiegel­bilder sind.

An diese Szene denkt auch der commissario, als ganz offensichtlich jemand seine Ermitt­lungen immer wieder in andere Bahnen abzu­lenken sucht, indem er ihm falsche Anhalts­punkte zuspielt. Dabei scheint am Anfang alles ziemlich durch­sichtig: Vor einem Lager­raum in einer Seiten­gasse ist ein Bömbchen hochge­gangen – bestimmt als letzte Warnung für einen, der sein Schutz­geld nicht entrichtet hat. Allerdings war das Lager leer, der Schaden minimal, und der Eigen­tümer, Angelino Arnone, bestreitet vehement, bedroht worden zu sein.

Galt das Warn-Explosiönchen vielleicht einem Nachbarn? Nebenan wohnen Carlo Nicotra, einer der maß­geblichen Männer im lokalen Mafia-Clan der Sinagra, und, eine Tür weiter, der ebenfalls einschlägig be­leu­mun­dete und vorbestrafte Stefano Tallarita, der für Nicotra Drogen vertreibt. Aber ersterem würde man mit ganz anderen Kalibern zu Leibe rücken als einem kleinen Feuerwerk, Tallarita sitzt gerade in einer bes­tens gesicherten Zelle ein, und seine Frau und sein Sohn Arturo haben mit seinen schmutzigen Geschäften nichts zu schaffen.

Muss die erste Theorie reanimiert werden, als Angelino Arnone einen anonymen Brief ins Kommissariat bringt und nun gesteht, doch das Ziel des Mini-Anschlags gewesen zu sein? Montalbano glaubt Arnone nicht, denn er macht einen unsicheren Eindruck und zeigt sich ahnungslos, wer hinter der Nachricht und der Bedrohung stehen könnte und aus welchem Grund er überhaupt bedroht werden sollte. Er wirkt wie fern­gesteuert …

Dann gewinnt wieder Theorie Nummer zwei an Bedeutung: Im Knast munkelt man, Stefano Tallarita habe sich breit­schlagen lassen, mit den Behörden zusam­menzuar­beiten. So ein Ansinnen müsste die ehrenwerte Gesellschaft in der Tat sofort mit einem Warn­schuss ersticken, ohne unschuldige Angehörige in Mitleiden­schaft zu ziehen. Doch das Gerücht erweist sich als unbegründet.

Während Montalbano ahnt, dass er in einem Spiegel­kabinett herumge­lotst wird, und Fazio ins Bild setzt, legen die Strippen­zieher nach und inszenieren eine Warnung an den Ermittler selbst: Man feuert auf sein Auto. Montalbano merkt freilich gar nichts davon; Fazio zeigt ihm später die Einschuss­löcher auf der Bei­fahrerseite …

Privat sieht sich Salvo angenehmeren Fragestellungen gegenüber. Jeden Morgen nimmt er im unver­wüstli­chen Fiat Punto seine Nachbarin Liliana Lombardo mit in die Stadt, seit ihr Wagen offenbar von Vandalen beschädigt wurde (Ihr Mann ist auf Reisen.). Die Vertrau­lich­keiten zwischen den beiden nehmen zu; Lilia­na macht Salvo schöne Augen, geht in Aufsehen erregender Weise mit ihm aus, berichtet ihm von der Ent­frem­dung in ihrer Ehe und gesteht ihm, dass ein kurz­zeitiger Geliebter von ihr das Auto wohl aus Rache demoliert habe, nachdem sie mit ihm Schluss gemacht hatte.

Leider muss Montalbano feststellen, dass er schon wieder aufs Glatteis geführt wird: Liliana empfängt den Lieb­haber noch immer zu nächtlicher Stunde in ihrem Haus, während er selber offenbar keines­wegs als Lover, sondern eher als eine Art Alibi oder Beschützer eingesetzt werden soll. Aber bekanntlich ist Mon­talbano selbst ein geschickter Fallen­steller …

Die beiden Handlungsstränge fließen unerwartet ineinander, als der commissario herausfindet, wer Lilianas Geliebter ist: Arturo Tallarita, der Sohn des inhaftierten Drogen­dealers. Bald wird er verstehen, dass all die Aktionen, die ihn bisher verwirrt haben, indirekt auf die beiden Liebenden zielen. Hinter den Spiegeln aber läuft eine ganz große Sache, in die der rivali­sierende Clan der Cuffaro verwickelt ist. Liliana und Arturo sind nichts als kleine Schach­figuren in diesen Manövern, die sie am Ende in aller­größte Gefahr bringen. Wenngleich Montalbano schließlich das Spiegel-Spiel durch­schaut, gelingt es ihm doch nicht, die beiden vor einem tragischen Schicksal zu bewahren.

Ganz glücklich war ich bei diesem Film am Ende nicht. Es wimmelt nur so von Begegnungen, Indizien, Unfällen, Schüssen, falschen Spuren, nach­trägli­chen Korrekturen, und wenn im letzten Drittel die kompli­zierte Verschwörung gegen Liliana und Arturo ein­schließ­lich der Hinter­grund­ge­schichte der Rivalität zwi­schen den Cuffaro und den Sinagra ans Tages­licht kommt, nimmt die Komple­xität der Handlung und die Zahl der invol­vierten Personen derart zu, dass man Montalbanos Erklä­rungen sehr gut zuhören muss, um durch­zu­blicken.

Bemerkenswert:

• Hauptdarsteller Luca Zingaretti darf einige Kabinettstückchen abliefern:

– Um dringend an eine wichtige Information zu gelangen, ruft Montalbano bei der Dienststelle an und gibt frech einen onorevole, Mitglied einer commissione parlamentare – eine köstliche Parodie mit verstellter Stimme, pompösem Titel­gedöns und arrogant-einschüch­terndem Redestil inklusive dazuge­höriger Mimik.

– Einer der Schachzüge besteht darin, dass der Kommentator des lokalen TV-Senders den verantwortlichen commissario persönlich als Versager schmäht. Seine Wut darüber kompen­siert Salvo in Enzos Strandlokal mit dem Genuss eines riesigen antipasto aus fangfrischen Meeres­früchten. Sein Kommentar dazu: »Vorrebbero dodici stronzi come questo per farmi passare l’appetito« …

– Dagegen strahlt der alte Grantler wie ein Honigkuchenpferd, als ihn die attraktive Liliana umschmeichelt und umgarnt – die Wandlung fällt sogar Catarella auf.

• Immer wieder ein Schmankerl sind die sarkastischen Sprüche des misanthro­pischen Gerichts­mediziners dottor Pasquano, der die Hitze ebenso hasst wie voreilige Fragen des commissario. »›Forse potrei esserle utile.‹ ›Come? Contan­nomi la storia di Bianca­neve e i sette nani?‹« Nein, Montalbano könnte dem dottore die Perso­nalien des Toten und seiner Eltern nennen. Aber Pasquano giftet zurück: »A me dei genitori non me ne fotte ni-ennte.« – aus tiefstem Herzen hervor­gepresst und passend mit gegen­läufigen Arm­bewegun­gen ange­schnitten.

• Sizilianisches Volkstheater vom Feinsten liefern wie so oft die Nebenfiguren. Zum Beispiel Concetta Lo­dico, Liliana Lombardos Haushalts­hilfe, die Salvo und Fazio aufsuchen. »Cuncetta Lodico era ‘na cin­quantina grassa, dalla facci s’accapiva che era ‘na fìmmina azzuf­fatera, non doviva stari un minuto senza attaccari turilla con quali­chiduno. ›Che voliti?‹ … ›E io che haio, tempo da perdiri a parlari con vui?‹« So beginnt im Buch die denk­würdige Begeg­nung der beiden Polizisten mit dieser unglaub­lichen, rabiaten Frau, deren Dialekt eine Wissen­schaft für sich ist. Liliana Lombardo sei eine »gran buttana« und »’u ma­rito, ‘u curnutu«. Aber wie sie das vorträgt – große Gestik, expres­sive Mimik, Dynamik vom Flüster­ton bis zum Donner­wetter: eine Opern­arie über fünf Minuten! Ihren eigenen Vater – ein weiteres Original – hat sie vor die Tür gesetzt, wo er grollt: »Io cu iddra non ci parlo e non ci voglio parlari. … ‘Sta dis­graziata non voli che fumo la pipa ‘n casa … ci fa puzza.«

Weitere Angaben zur Verfilmung finden Sie hier.

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