Rezension zu »Non si uccide di martedì« von Andrea Molesini

Non si uccide di martedì

von


In den Flitterwochen eröffnet sich dem jungen Paar eine Millionenerbschaft. Doch das Testament der Großmutter enthält vertrackte Klauseln, und zwei potenzielle Miterben kommen ins Spiel. Aus dem Honigmond wird ein Alptraum.
Kriminalroman · Sellerio · · 141 S. · ISBN 9788838945809
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Venetien

Klicken Sie auf die folgenden Links, um sich bei Amazon über die Produkte zu informieren. Erst wenn Sie dort etwas kaufen, erhalte ich – ohne Mehrkosten für Sie! – eine kleine Provision. Danke für Ihre Unterstützung! Mehr dazu hier.
Taschenbuch E-Book

Im Spinnennetz

Rezension vom 17.10.2023 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Diesen Roman zu lesen ist auf weiten Strecken wie ein Blitz­schach­spiel zu verfolgen, dessen Figuren jederzeit ihre Farbe ändern können.

Die Ausgangssituation ist erfrischend einfach. Es ist der September des Jahres 1938. Der junge, auf­stre­bende Chirurg Enrico Mancini und seine Gemahlin Rita (mit 21 noch ein paar Jahre jünger als er) sind auf Hoch­zeits­reise. Beide gehören zu den gehobenen Kreisen ihrer Heimat­stadt Venedig. Geld ›hat man‹, und so sind sie in der ersten Klasse eines luxu­riösen Dampfers nach Rodi (Rhodos) gefahren, um im dortigen »Grand Hotel delle Rose« ihren Honigmond zu ver­bringen. In der südost­lichen Ägäis fühlte man sich damals in jeder Hinsicht wie zu Hause, denn die Insel­gruppe des Dode­kanes stand von 1923 bis 1947 unter italieni­scher Kontrolle. Im Verlauf der Erzählung finden sich zwar ein paar beiläu­fige Anspie­lungen auf die faschis­tische Politik und promi­nentes Personal der Zeit, aber sie haben – wie auch die Schau­plätze Venedig und Rhodos – keine tiefere Bedeutung für die Handlung und dienen nur der Kolorie­rung des Hinter­grundes.

Gleich die ersten beiden Kapitel der Binnen­hand­lung schütteln die Karten des Liebes­paares kräftig durch­ein­ander. Auf der Terrasse des »Caffè Georgios« auf Rhodos gesellt sich generale Costan­tini, ein Freund von Ritas Familie, zu ihnen. Schlag auf Schlag und taktisch geschickt enthüllt der korpu­lente, schwit­zende Siebzig­jährige uner­wartete Informa­tionen über Ritas Groß­mutter Mebel Valt. Der verdankt Rita viel (»mi ha fatto da madre e da padre«). Als Costan­tini ihr deren hand­schrift­liches Testament vorlegt, sieht sie sich als künftige Allein­erbin eines Mil­lionen­vermö­gens, das Mebel aus einer Ölquelle in Texas zuge­flossen ist. Mit einem Trick kann Costan­tini die vertrau­lichen Reak­tionen der frisch Ver­mählten genießen (Gier, aber keine Spur von Trauer) und legt sodann seine wahren Neuig­keiten auf den Tisch: Die Oma sei schon vor Wochen gestorben, das gerade vorge­legte Testament sei veraltet, Mebel habe es geändert, bevor sie ihn gehei­ratet habe, und sein Vorschlag sei nun: »Dividiamo la torta in tre fette, due a voi una a me.«

Was bleibt den frisch Vermählten anderes, als den unsym­pathi­schen neuen Familien­ange­hörigen als »mascal­zone« zu verachten, sich mit den ihnen verblei­benden zwei Dritteln der Dollar-Millionen zu beschei­den und ihre Flitter­wochen zu genießen? Doch das Bau­prinzip dieses Romans gönnt ihnen und den Lesern keine Pause. In Kapitel 2 begibt sich Enrico an die Hotelbar, wo ihn Giorgio Ridolfi erwartet. Er stellt sich als Mebels Anwaltvor und erläutert heim­tücki­sche Klauseln im neuen Testament der verstor­benen »santa donna della signora Valt«: Falls einer im Erbentrio versterbe, falle die Ölförder­konzes­sion an die beiden Über­leben­den, und – noch kurioser – falls alle drei den Tod finden sollten, sei er (Ridolfi!) der Allein­erbe! Am Ende unter­breitet auch er einen Vorschlag: »Una fetta, un quarto della torta, per me, i restanti tre quarti a voi nipoti … e al marito della povera defunta.«

Damit ist die Serie ungeahnter Über­raschun­gen keines­wegs erschöpft – im Gegen­teil. Waren die vier Protago­nisten bislang recht ein­dimen­sional und für alle anderen ver­meint­lich durch­schau- und mani­pulier­bar, eröffnen sich jetzt in unzäh­ligen Ge­sprächen und Episoden Abgründe. Enrico ist weder fehler­frei, noch ist er der treue, für­sorg­liche Gatte, den er Rita vor­turtelt. Aber auch deren Fassade einer etwas naiven, gut­müti­gen höheren Tochter bröckelt ange­sichts des immer dreister auf­treten­den Duos Costan­tini/Ridolfi, und erstaun­liche Skrupel­losig­keit tritt ans Licht. Schließ­lich bleibt kein Stein auf dem anderen, Gier und kühles Taktie­ren bestim­men den Umgang mit­einan­der.

Die Zahl der Spieler bleibt übersichtlich, aber was in ihren Köpfen vorgeht, er­schließt sich erst mit der Zeit und wandelt sich überdies mit den Umständen. Die Stimmung ver­dichtet sich, bis Ent­schei­dungen getroffen werden müssen. Nie ist vorher­sehbar, wie jede Person nach der nächsten Wendung agieren wird, und manche schafft einfach Fakten. Jeder Spieler gewinnt mit jedem Zug an Kom­plexität, und die Kon­stella­tion der Figuren wird immer unüber­sicht­licher. Die Spannung, wie das wohl weiter­gehen mag, wie sich wohl alles auf­dröseln mag, wer am Ende zu den Opfern, wer zu den Gewinnern gehören mag, bleibt erhalten. Im letzten Drittel sorgen ungeahnte Horror-Einlagen für Aufregung beim Lesen, und schließ­lich erreicht die Handlung groteske bis sarkas­tische neue Höhe­punkte.

Andrea Molesini ist jedoch kein Fan aus­schwei­fender Beschrei­bungen. Sein Stil ist im Gegenteil recht sachlich und un­präten­tiös. Die Dialoge verlaufen ohne Um­schweife, die Szenerie wird nur knapp skizziert, die Handlung geht zügig voran. Die Kon­versa­tionen sind mit Ironie, Spott und kleinen Beleidi­gungen gewürzt (»santa­rellina«, »maritino«, »arpia« …), und wir schwanken zwischen Schaden­freude und Mitleid ange­sichts der mühsamen Versuche, Fassaden auf­recht­zuer­halten, Haltung zu bewahren, Absichten zu ver­schleiern, und der kleinen Ausbrüche von Wut, Triumph, Arroganz und dem Auskosten fragiler Über­legen­heit.

Als habe der Autor nicht auf den Unter­haltungs­wert seines abwechs­lungs­reichen, span­nenden und witzigen Rätsel­spiels vertraut, hat er die zentrale Ge­schichte mit zwei rahmenden Teilen ergänzt. Der eine erzählt eine kleine Episode der Vorge­schichte, die dem auf­merk­samen Leser unnötige Voraus­ver­weise liefert und für das weitere Ver­ständ­nis nicht erfor­derlich wäre. Der andere folgt als »Coda«, nachdem der Plot bereits einen ›runden‹ Abschluss gefunden hat, und soll das Binnen­ge­schehen auf eine höhere, philo­sophi­sche Ebene heben. Leider wirkt er aber einfach nur aufge­setzt, rätsel­haft und wäre besser wegge­blieben.


Weitere Artikel zu Büchern von Andrea Molesini bei Bücher Rezensionen:

Rezension zu »Zu lieben und zu sterben«

go

Weitere Artikel zu Büchern aus der Region Venetien bei Bücher Rezensionen:

Rezension zu »Auf Treu und Glauben«

go

Leseeindruck zu »Das Wunder von Treviso«

go

Rezension zu »Der ehrgeizige Mr Duckworth«

go

Rezension zu »Heimliche Versuchung: Commissario Brunettis siebenundzwanzigster Fall«

go

Rezension zu »Im Tal des Vajont«

go

Rezension zu »L'ombra del bastone«

go

Rezension zu »Schöner Schein«

go

Rezension zu »Venezia 1902 – i delitti della Fenice«

go

Rezension zu »Zu lieben und zu sterben«

go

War dieser Artikel hilfreich für Sie?

Ja Nein

Hinweis zum Datenschutz:
Um Verfälschungen durch Mehrfach-Klicks und automatische Webcrawler zu verhindern, wird Ihr Klick nicht sofort berücksichtigt, sondern erst nach Freischaltung. Zu diesem Zweck speichern wir Ihre IP und Ihr Votum unter Beachtung der Vorschriften der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Nähere Hinweise finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Indem Sie auf »Ja« oder »Nein« klicken, erklären Sie Ihr Einverständnis mit der Verarbeitung Ihrer Daten.

Klicken Sie auf die folgenden Links, um sich bei Amazon über die Produkte zu informieren. Erst wenn Sie dort etwas kaufen, erhalte ich – ohne Mehrkosten für Sie! – eine kleine Provision. Danke für Ihre Unterstützung! Mehr dazu hier.

»Non si uccide di martedì« von Andrea Molesini
erhalten Sie im örtlichen Buchhandel oder bei Amazon als
Taschenbuch E-Book


Kommentare

Zu »Non si uccide di martedì« von Andrea Molesini wurde noch kein Kommentar verfasst.

Schreiben Sie hier den ersten Kommentar:
Ihre E-Mail wird hier nicht abgefragt. Bitte tragen Sie hier NICHTS ein.
Ihre Homepage wird hier nicht abgefragt. Bitte tragen Sie hier NICHTS ein.
Hinweis zum Datenschutz:
Um Missbrauch (Spam, Hetze etc.) zu verhindern, speichern wir Ihre IP und Ihre obigen Eingaben, sobald Sie sie absenden. Sie erhalten dann umgehend eine E-Mail mit einem Freischaltlink, mit dem Sie Ihren Kommentar veröffentlichen.
Die Speicherung Ihrer Daten geschieht unter Beachtung der Vorschriften der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Nähere Hinweise finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Indem Sie auf »Senden« klicken, erklären Sie Ihr Einverständnis mit der Verarbeitung Ihrer Daten.


Go to Top