Rezension zu »L'ombra del bastone« von Mauro Corona

L'ombra del bastone

von


Belletristik · Mondadori · · 272 S. · ISBN 9788804566427
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Venetien

Wundersame Begebenheiten in der Bergabgeschiedenheit

Rezension vom 03.10.2011 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Mauro Coronas Roman hat eine altmodisch anmutende Rahmenhandlung wie manche Klassiker des 19. Jahrhunderts: Der Autor bekommt Besuch von einem Unbekannten, der ihm ein altes schwarzes Schulheft anvertraut, das er in seinem Haus zufällig gefunden hat. Es sind die handschriftlichen Aufzeichnungen eines Vorfahren Coronas, der kurz vor seinem bevorstehenden Tod in aller Eile seine Erlebnisse niederschrieb. Der Autor tippt dann (so behauptet er) nur das Dokument ab, verbessert allenfalls hier und da ein wenig. Das ist ein altbekannter Trick, um die Glaubwürdigkeit einer ansonsten unglaublichen Romanhandlung zu erhöhen.
Corona nutzt ihn überdies, um die merkwürdige sprachliche Gestalt seines Romans zu begründen. Die wiederum verweist nicht nur auf die zeitliche Distanz (Das Heft wurde 1920 geschrieben.), sondern auch auf die Gemütsverfassung des Schreibers und auf den Schauplatz: die abgelegene, wilde, von Armut geprägte Bergregion der Friauler Dolomiten, etwa 100 km nördlich von Venedig. Hier, im Dorf Erto, ist Mauro Coronas Familie seit Generationen ansässig, hier ist er selber aufgewachsen, und diese Wurzeln pflegt der inzwischen berühmte und anerkannte Schriftsteller, Holzbildhauer und Alpinist. Wie viele seiner Bücher trägt auch "L'ombra del bastone" autobiographische Züge; beispielsweise war auch Corona in seiner Jugend als Wald- und Minenarbeiter tätig.

Der Handlungsrahmen ist schnell erzählt: Severino Corona, genannt Zino, der Ich-Erzähler und Schreiber, wird 1879 geboren. Als er 17 ist, lehrt ihn die doppelt so alte Nachbarstochter Maddalena Mora auf elementare Weise das leidenschaftliche Lieben. Doch vier Jahre später erhängt sie sich nach einer missglückten Abtreibung. "Chi copa deve coparsi." (copare: töten) - diesen Spruch hinterlässt sie Zino, und er wird seine Bestimmung.
Zinos Schicksal nimmt seinen fatalen Lauf, als sein bester Freund Raggio heiratet. Bereits während der Feier auf dem Dorfplatz und später umso drastischer stellt seine Frau Zino nach, lockt, reizt, provoziert ihn bis aufs Blut. Lange widersteht er der Versuchung, denn er wieß, dass sie einen furchtbaren Vertrauensbruch begehen und das Leben dreier Menschen zerstören würden. Doch dann wird er schwach.
Schon bald belastet Zinos Gewissen ihn unerträglich, und "sie" - deren Name nie ausgesprochen wird - empfindet nur noch Verachtung und Hass für ihren Mann. Mordgedanken kommen auf. Schließlich vergiftet Zino seinen Freund, so dass er dem Wahnsinn verfällt.
Raggio weiß aber, wer Schuld trägt an seinem Schicksal, und wann immer er Zino begegnet, schwingt er seinen Stock und erneuert seinen Racheschwur: "Ti coperò con questo bastone!"
Während "sie" - wie Lady Macbeth - dem moralischen Druck nicht standhält und nach einer grausigen Tat in der Irrenanstalt endet, muss Zino mit den Schatten seiner Vergangenheit leben, die ihn beständig belasten und bedrohen - und l'ombra del bastone von Raggio ist ihr Symbol. Weder der tödliche showdown noch ein neues Leben können ihm Erlösung bringen.

All dies schreibt Zino selbst hastig in das schwarze Heft, getrieben von seinem, wie er weiß, bevorstehenden Tod. Wir erfahren nebenbei eine Menge über die raue, mitleidlose Bergwelt und wie sie die Bewohner über Generationen gefordert, geprägt und verformt hat. Gute wie schlechte Menschen sind unberechenbaren Schicksalsschägen ausgesetzt; jeder Fehler, jede unkontrollierte Leidenschaft fordert einen Preis. Erklärungen, Trost und Hoffnung versprechen sich die Bergler im Irrationalen; Aberglauben und Gottesfurcht, Hexen und Gespenster, dazu die dämonische Natur bestimmen Denken und Handeln.
Gerechtigkeit wird unter diesen Umständen am einfachsten durch Rache hergestellt. So wie sich die Natur unausweichlich rächt, so üben Ermordete über den Tod hinaus grausame Vergeltung; der logisch folgende Ausweg ist: "Chi copa deve coparsi."

Das Lesevergnügen wird etwas getrübt durch die künstlich wirkende Erzählweise. Die Rahmengeschichte mit dem schwarzen Heft mag ja die Authentizität befördern, aber damit handelt sich Corona auch ein, dass er wie Zino sprechen muss. So reihen sich bisweilen recht penetrant die ominösen Vorausverweise; die Ankündigungen von Ereignissen, die ein paar Seiten später mit Details gefüllt werden; die Rückbezüge auf soeben Berichtetes.

Die Erzählstruktur ist insgesamt chronologisch, im Detail aber etwas sprunghaft-assoziativ: Jahreszahlen, Alter, Namen fallen wie gewürfelt, so dass der Leser Ordnung und Durchblick selber schaffen muss. Schlimm ist das nicht, aber statt eine Art vorgeblich schlichtes Bergtagebuch zu produzieren hätte der Autor seinem Vorfahren ja ruhig auch etwas mehr Strukturierungskompetenz schenken können - denn formulieren und nachdenken kann der ohnehin sehr gut. Diesem Talent ist es zu verdanken, dass uns sein Gewissenskonflikt, sein innerer Kampf, den diversen Versuchungen zu widerstehen und seine moralische Position zu verteidigen, unter die Haut geht.

P.S. - Nachtrag im November 2012: Anlässlich des Erscheinens der deutschen Übersetzung dieses Buches habe ich diese Rezension überarbeitet und präzisiert: Lesen Sie hier meine Rezension zu Mauro Corona: 'Im Tal des Vajont' auf Bücher Rezensionen.


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