Rezension zu »Bambinate« von Piergiorgio Paterlini

Bambinate

von


Eine kleine Gruppe zehn- bis elfjähriger Jungs misshandeln ohne jede Hemmung einen schwächeren Mitschüler. Fünfzig Jahre später versucht einer von ihnen die anderen zur Rede zu stellen.
Belletristik · Einaudi · · 152 S. · ISBN 9788806214081
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Lombardei

Ohne Mitgefühl

Rezension vom 20.02.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

»Bambinate« – Kindereien –, das ist, was Kinder anstellen, wenn sie allein oder gemeinsam mit anderen agieren. Solches Verhalten kann uns Erwachsenen albern, ungeschickt, unbedacht, ziel- und zwecklos erscheinen. Wir sehen befremdet zu und schmunzeln. Selbst wenn die Kinder in ihrem Spiel gegen Regeln verstoßen, sind wir geneigt, großmütig darüber hinwegzu­sehen, denn ›es sind halt Kinder‹, und die dürfen noch in ihrer eigenen Welt leben, eigene Regeln haben.

Dieser Verharmlosung kindlichen Verhaltens widerspricht Piergiorgio Paterlini. Der Journalist und Schriftsteller (Jahrgang 1954) findet, es werde dramatisch unterschätzt, was tatsächlich unter Kindern abläuft. Es gehe um Kräfte­messen und Macht­aus­übung, und das noch ohne jedes Korrektiv wie Ethik und Moral. Da der dünne Lack der Zivilisa­tion gewiss nichts Angebo­renes ist, sind Kinder keine Unschulds­lämmer, sondern können herzlose Bestien sein, bis sie Mit­mensch­lich­keit erlernen. Zitate von Augus­tinus, Mark Twain und Pier Paolo Pasolini lassen keinen Raum für Illusio­nen: »I ragazzi sanno raffinata­mente come far soffrire i loro coetanei: e lo fanno molto meglio degli adulti perché la loro volontà di far soffrire è gratuita: è una violenza allo stato puro. [ …] La loro pressione pedago­gica su te non conosce né persuasione, né compren­sione, né alcuna forma di pietà, o di umanità.«

Umso stärker sind die Euphorien der kindlichen Sieger, umso desaströser die Be­schädi­gun­gen, die die Verlierer davon­tragen. In der Tat wissen wir seit Langem, dass unsere lebenslange Persön­lichkeits­entwick­lung entscheidend von Kind­heits­erfah­rungen geprägt wird. Doch warum sind wir Erwachsenen dann zumeist zur Nachsicht bereit, verklären die Kindheit – auch unsere eigene –, als wäre sie eine durchge­hend heile Welt, eine unbe­schwerte Zeit des Erkundens, des harmoni­schen Spiels im beschütz­ten Raum? Solche Fragen sind es, denen Paterlini in »Bambinate« nachgeht.

Der Roman hat zwei Handlungsstränge. Im ersten – etwa ein Fünftel des Gesamtum­fangs – lesen wir, wie eine Handvoll zehn- bis elfjähriger Jungen einen viel schwäche­ren Mitschüler demütigen und brutal misshan­deln. Im zweiten kehrt einer aus der Horde fünfzig Jahre später in sein Heimat­städt­chen in der Bassa Padana zurück, um zu erkunden, wie die anderen dieses Geschehen verarbeitet haben.

Ermes, Franco, Maurizio, Olmo und der Erzähler haben Denis schon seit Jahren als Opfer ihrer Beleidigungen und Hand­greif­lich­keiten auserkoren. Der Junge ist ausgemer­gelt, in sich gekehrt, stottert, wehrt sich nicht. Sie nennen ihn »Semo«, eine Ver­ballhor­nung von »scemo«. Am Karfreitag 1965 eskaliert ihre Aggressi­vität. Unter Führung von Ermes bespucken sie Denis, schlagen, treten, entkleiden und misshan­deln ihn sexuell, zerren ihn auf einen nahe­gelege­nen Hügel, fesseln ihn, binden den Blutenden an ein Holzkreuz und machen sich davon.

Diese Torturen schildert der Erzähler minutiös und prägnant. Während Ermes immer neue Grenzen über­schrei­tet und die anderen mehr oder weniger mitmachen, bleibt der Erzähler auf Distanz. Mit einer Mischung aus Mitleid, Abscheu und Unver­ständnis, aber auch Neugier beobachtet er das Geschehen, ohne einzu­greifen. Seine Auf­merk­sam­keit gilt vor allem Ermes und dem, was in seinen Augen aufleuchtet: Hass, Verachtung, Sadismus, Triumph und Grenzen­losig­keit der Macht.

Der Inbegriff des Leidens ist die Passion Jesu. Deshalb hat der Autor Denis’ Leidens­weg explizit in Beziehung zu Jesu Kreuzigung gesetzt. Es ist Karfreitag, der Weg der Gruppe führt aus der Stadt zu einem Hügel, auf dem das Kreuz steht, die Miss­hand­lun­gen steigern sich in Stufen, verschie­dene Erwachsene begegnen der ziehenden Gruppe und reagieren auf das, was sie wahrnehmen. Damit niemand die Paralleli­sierung übersieht, ist die Handlung in Kapitelchen unterteilt, die mit den Stationen der Passion über­schrieben sind: »Getsemani – La soldataglia – Il Sommo Sacerdote – Le Pie Donne – Golgota – Il Cireneo – Crucifige – Pilato – Deposizione«.

Die pathetische Überhöhung ist unnötig. Paterlini will ein psycho­logisch erklär­liches Phänomen illustrieren, das auch ohne Rekurs auf die Bibel relevant ist. Die erwach­senen Passanten sehen die Kinder, aber verstehen nicht annähernd, was vor sich geht. Sie sind zu gleichgültig und blind, denn ihr Blick ist verklärt von der üblichen Auffas­sung, was Kindheit sei. Sie halten schon das Bei­sammen­sein für ein Mitein­ander, Denis’ Passivität für schüchterne Zurück­haltung, und sie ermuntern alle, nur brav so weiter zu spielen.

Die biblische Figur, die der Erzähler schon als Kind am meisten hasste, ist Pontius Pilatus, »chi lasciava colpire un innocente sapendolo innocente«. Er hätte verhindern können, ließ aber geschehen, »deciso di non decidere«. Ihn findet der Erzähler noch schlimmer als Judas, »l’amico che tradisce«. Er begreift, dass er ebenso versagt hat wie Pilatus, weiß sich aber zu exkul­pieren: »Li avevo lasciati colpire. Ero stato a guardare. Me n’ero lavato le mani. Ma cosa potevo fare? Io da solo. E comunque dentro di me avevo odiato la loro ferocia e provato pena per Denis. Non si poteva dire fossi stato veramente complice.« Mit dieser Gewissens­last muss der Erzähler ein halbes Jahr­hun­dert lang leben, so weit er sich auch aus seiner Heimat entfernt.

Die übrigen vier Fünftel des Romans berichten kurz, wie der Erzähler nach dem Abitur seine Heimat verlassen und in Amerika eine Familie gegründet hat, schildern aber haupt­säch­lich, wie er exakt fünfzig Jahre nach dem schreck­lichen Kar­freitagsge­schehen zurück­kehrt. Anlässlich des Klassen­treffens reist er aus New Jersey an – unan­gekün­digt, um die früheren Kameraden unvorbereitet anzutref­fen. Wie durch zahlreiche Voraus­ver­weise angekün­digt, verfolgt er einen Plan. Mehr anzu­deuten würde die Spannung gefährden.

Wie wohl erwartet werden muss, hat das Geschehen scheinbar keine Spuren hinter­lassen. Die kindlichen Bestien sind zu farblosen Spießern mutiert. Sie geben vor, sich nicht zu erinnern, und wollen auch nicht erinnert werden. Andere Probleme haben ihr Leben schwer genug gemacht, es bereitet ihnen Mühe, eine einiger­maßen harmonische Fassade aufrecht zu erhalten. Verantwor­tung sehen sie keine, Neid und Minder­wertig­keits­ge­fühle gegenüber dem vermeint­lich erfolg­reiche­ren, glück­liche­ren Besucher, der nun alte »bambinate« aufzu­wärmen sucht, belasten die Gespräche.

Wie sie als Kinder tatsächlich waren, können Erwachsene nicht einmal mehr nachvoll­ziehen. Dies ist eine Schutz­funktion. Die Männer können nicht zulassen, dass sie als Knaben ihre eigenen Gelüste auf Kosten eines unschul­digen Schwäche­ren ungehemmt ausgelebt und dabei schlimme Dinge angerichtet haben. Sie verdrängen unange­nehme Wahrheiten und erklären die komplette Phase der Kindheit als harmonisch und harmlos, denn nur so ist es ihnen möglich, Frieden mit sich zu machen. Damit wird das Missver­stehen der Kindheit perpetuiert.

Paterlinis Roman ist lesenswert, weil er die übliche Idyllisie­rung der Kindheit in Frage stellt. Er schildert dazu mit feiner psy­chologi­scher Einfühlung ein erschüt­terndes Extrem­verhalten von Kindern und Erwachsenen. Wie letztere mit ihrer Vergangenheit umgehen, erscheint vollkommen plausibel. Insofern ermahnt uns der Autor, dass wir unsere Verant­wortung als Vorbilder und Erzieher unserer Kinder auf uns nehmen.

Leider ist der zweite Handlungsstrang (der 2015 spielt) etwas dünn und in die Länge gezogen, und wer nach der Lektüre kritisch zurück­blickt, der wird sich fragen, ob die Hand­lungs­weise dieses Erzählers – das Ende einge­schlos­sen – konsistent und überzeu­gend ist.


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