Rezension zu »Un posto anche per me« von Francesco Abate

Un posto anche per me

von


Belletristik · Einaudi · · 226 S. · ISBN 9788806212810
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Rom

Durch die Nacht mit ... Peppino

Rezension vom 26.11.2013 · 4 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Was hat es bloß mit diesem Kerl auf sich, der da mitten in der Nacht auf der letzten Bank des Autobusses kauert und vor sich hin murmelt? Was hat er in seinen Plastiktüten? Und wer ist Marisa, zu der er zu spre­chen scheint?

Fragen wie diese brennen uns beim Lesen auf den Lippen und sorgen dafür, dass wir das Buch nicht aus der Hand legen, ehe wir auf der letzten Seite angelangt sind. Bis dahin lesen wir vom Alltag eines eigen­artig verunsichert wirkenden Mannes mittleren Alters, der schwere Bürden zu tragen scheint. Seine Ein­samkeit erregt unser Mitgefühl.

Während er berichtet, wie er seine nächtlichen Botendienste durch Rom ausführt (stets mit Bussen und Bahnen), was ihm dabei widerfährt und wie es bei seinen Abnehmern zugeht, plaudert er immer wieder über seine Vergangenheit (»I ricordi sono i miei compagni di viaggio.«) – scheinbar planlos, wie es ihm gerade in den Sinn kommt. Doch steckt dahinter das raffinierte Strukturkonzept eines großartigen Autors. Das sukzessive Enthüllen angekündigter Geheimnisse in winzigen Portiönchen ist Abates Meister­stück. Je mehr Details der Erzähler ans Tageslicht lässt, desto mehr neue Fragen entstehen und spannen uns auf die Folter.

Das Kind aus dem Tessin wird im Sommer 1974 seinen Großeltern in Cagliari vor die Haustür geliefert. »Buona fortuna, Beppe«, verabschiedet sich die Überbringerin; »Piacere, nonni, io sono il Beppe«, stellt sich der Knabe artig vor. Er ist noch viel zu klein, um gleich auszureißen, wie es für ihn wohl am besten ge­wesen wäre. Die Mutter ist vor kurzem verstorben, und Papa Bruno wusste nicht einmal von seiner Va­ter­schaft. Schon vor der Geburt seines Sohnes musste er ins Buoncammino-Gefängnis oberhalb von Cagliari einziehen.

Die Familie ist umtriebig, hat aber für Brunos Sprössling, den sie jetzt »Peppino« nennen, weder Reser­ven noch Mitgefühl: »Ecco qua, ci siamo messi un altro matto in casa … E adesso chi se lo cresce a questo qua.« Nur seine energische Urgroßmutter (Nonna Vecchia) nimmt sich des freundlichen, aufgeschlosse­nen Jungen an, lehrt ihn Sardisch und was man fürs Leben wissen muss.

Dagegen lassen Brunos Brüder mit ihren eifernden Frauen ihrer Missgunst freien Lauf. Peppino ist »un tipo lentarello«; alle glauben, dass »nella mia zucca ci spiri forte il vento.« Dass er wissbegierig und sprachlich begabt ist, stachelt seine sechs cuginetti erst recht an, ihn nach Belieben zu piesacken. Sie hän­seln ihn wegen seines Übergewichts, seines harten Tessiner Akzents und seines besseren Italienisch (»Cosa ne sai tu dell’italiano, ché sei tedesco?«), schlagen und demütigen ihn, bis es zu einem Gewaltaus­bruch kommt, der Peppinos weitere Entwicklung prägt. Denn nun setzt er alles daran, die in ihm schlum­mernde Ag­gres­sion im Zaum zu halten; nie wieder will er verflucht werden als »unu dimoniu! … una bestia … disgraziato!«

Nach Nonna Vecchias Tod will ihn niemand weiter durchfüttern; der Sechsjährige wird erneut weiterge­reicht an die barmherzigen Nonnen, die »suore Ciliegine«. Die führen ein strenges Regiment, sorgen je­doch für eine gute Ausbildung, die Peppinos Sprachtalent fördert. Man erweitert systematisch den Wort­schatz und ahndet falschen Sprachgebrauch (»… dicevano che a me mi salvavano … ›Peppino! Non si dice a me mi!‹ …« – so unterbricht er seinen eigenen Erzählfluss noch als Erwachse­ner.).

Glücklich wird Peppino auch in dieser Gemeinschaft nicht. Vor allem der sadistische Calabrese macht ihm das Leben von Anfang an zur Hölle (»E chi è questa palla di lardo?«), ohne dass er sich wehren könnte. Madre Binocolo weiß: »Chi pecora si fa, lupo se lo mangia.« Doch was hatte Peppino seiner Nonna Vecchia geschworen? »Non perdere mai più la testa. E non fare su dimoniu

Unentschlossen, ungeschickt und nahezu ohne Beistand, gerät Peppino unausweichlich in eine Außensei­terrolle, in der ihm nichts weiter bleibt, als sich möglichst unsichtbar zu machen. Aus Angst vor der Bestie in ihm und aus Sehnsucht nach Harmonie (»È bello essere cordiali.«) lässt er zuviel über sich ergehen, ver­leugnet sich selbst: »Non sono diventato una bestia … ho saputo sopportare.« Erst im Nachhinein durch­schauen wir, wie er schrecklichen Erlebnissen den Stachel nimmt, indem er sie erst einmal als scheinbar harmlose Ereignisse berichtet, um sich zu schützen, zu schonen. Das kann nicht gutgehen.

Dann zieht die Familie um nach Rom. Dort arbeitet Bruno als Zuträger und Assistent für zio Mino, der ein lukratives sardisches Restaurant betreibt – Basis etlicher weiterer Unternehmen. Hier findet auch Peppino Beschäftigung, allerdings unter fragwürdigen Bedingungen.

Die Familie hütet einen ganzen Sack von »vergogne«, die wie Hypotheken auf Peppinos Leben lasten. Was sie mit ihm zu tun haben, wie er selbst weitere auf sich lädt, das sind die spannenden Geheimnisse, die wir erst am Ende in vollem Umfang verstehen.

Unauffällig, gehorsam, lernwillig, mutig, im Notfall wehrhaft – Peppino ist die ideale Besetzung für die ihm zugewiesene Rolle. Zio Mino schärft ihm ein: »Devi essere invisibile. Mai cercare lo scontro.« Aufrecht, die Hände hinter dem Rücken, seine Taschen fest im Griff, höflich – so betritt er die Wohnungen der Reichen, wissend, dass »uno grassotto e color maialino mette serenità«. Anerkennung und gute Erfahrungen geben ihm eine sympathisch bescheidene Selbstsicherheit: »Alzo il braccio. Sono qui. Sono Peppino.«

Noch viele Jahre später führt Peppino, inzwischen 38, seine Aufträge pflichtbewusst und demütig aus, um die Schuld seiner Familie abzutragen. Deren vergogne haben ihn längst entkernt. Eine eigene Persönlich­keit kann er sich nicht mehr erlauben (»È tutta un non si può, la tua vita.«). Wenn er andere beim Glück­lich­sein beobachtet, enden seine Überlegungen stets mit einem »ma non per me«. Oft spricht er von sich in der dritten Person: »… questo ragazzo. Peppino. Che poi sarei io.« Denn nur von außen betrachtet begreift man das Leben, sagt er und illustriert das mit poetischen Bildern (siehe Textauszug weiter unten).

Peppino hat kein Geld, kein telefonino, keine Freunde, kein Privatleben. Nur drei Menschen stehen ihm nahe: Der grantigen Großmutter Nonna Giovane kocht er jeden Tag brav das Essen und bringt ihr L’Unione Sarda mit. Wahid ist ein loyaler Partner, Berater und Beschützer. Franco Cambazzu, Busfahrer, Kommunist und Hobbyphilosoph, eröffnet ihm die Perspektive, mit ihm nach Sardinien zurück­zukehren, wo er nach seiner Verrentung ein Restaurant betreiben will. Kann Peppino jemals Erlösung fin­den?

Der Autor Francesco Abate, 1964 in Cagliari geboren, ist nördlich der Alpen nahezu unbekannt. Das sollte sich schnell ändern, denn dieser Roman – Abates elfter – ist eine große Bereicherung: span­nend, an­rüh­rend, dicht, überraschend, poetisch, bildkräftig, bisweilen amüsant.

Abschließend ein Textauszug (mit freundlicher Genehmigung des Einaudi-Verlages):

Anführungszeichen links Come quando il bus lascia il centro e va verso la periferia. Anche strizzando gli occhi, seduti dentro, si vede poco di quello che c'è fuori. Anche se metti la mano a cucchiaio e poggi la fronte al fines­tri­no o asciu­ghi con la cuffia di lana le gocce sul vetro appannato dalla condensa.
Sfreghi e sfreghi, ma inutilmente.
Non si capisce nulla, non si vede nulla. Come sul traghetto che solca il mare la notte. Affacciarsi dai ponti non serve mica: mare nero, cielo nero. Buio pesto, visuale limitata. Mentre giú, in acqua, i pesci che sbucano dalle ondine ti spiano e dicono: ›Ecco un altro balosso che guarda ma non vede‹.
E ridono.
E cantano:
Cambara! Cambara! Cambara e maccioni!
Pisciurrè! Sparedda e mummungioni!

Ti vedono i pesci come se guardassero la televisione.
Tu sei quello con lo sguardo perso, avvolto dalla luce azzurra dei ponti arrugginiti e umidi dei traghetti.
Loro sono quelli che cantano spensierati la nostra canzoncina di Carnevale, con i nomi di tutti gli abitanti dei mari e degli scogli sardi.
Lo stesso accade sul mio autobus la sera. Anche le signore e i signori, i ragazzi e le ragazze che stanno per strada a guardare chi passa su un bus illuminato dicono: ›Ecco un altro sfigato che chi sa dove se ne va tutto solo a quest’ora‹.
Parlano di uno con la guancia appiccicata al vetro che si fa trasportare da un punto A a un punto B di ques­ta città. Un ragazzo grasso e solo. Che poi sarei io.
La vita la comprendi solo se la osservi da fuori. Da dentro è tutto piú difficile. Vero, Marisa? Anführungszeichen rechts

Nachdem Sie das Buch gelesen haben, sollten Sie sich auf Youtube den wunderbaren Booktrailer ansehen, der mit dem Bildkon­zept dieser Passage spielt (www.youtube.com/watch?v=ITRMzaejSU0).


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