Rezension zu »Piangi pure« von Lidia Ravera

Piangi pure

von


Belletristik · Bompiani · · 366 S. · ISBN 9788845273315
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Rom

Lebe als Protagonistin!

Rezension vom 08.07.2013 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Iris De Santis ist eine außergewöhnliche Frau – mit ungetrübten Sinnen, hell­wachem Verstand, skalpell­scharfer Formulierkunst, vollständig erhaltenen Er­inne­run­gen und unbändigem Willen. Soeben ist sie 79 geworden. Seit vier Jahr­zehnten gestaltet sie sich ein ausgeglichenes, zu­frie­de­nes, unabhängiges, ego­zentrisches Leben – viel Literatur, wenig Komfort, eine Portion Snobismus. Ihr Kör­per: »di legna secca«, aber »una macchina vecchia ma tenuta in ordine con cura … Tutti gli organi interni ancora perfettamenta fun­zionanti.« Aus dem Schneidersitz auf dem Fußboden erhebt sie sich, ohne sich abzustützen.

Doch seit kurzem ist Iris beunruhigt, aus der Balance geraten. Gleich nach ihrem Geburtstag hat sie ihre Eigentumswohnung verkauft. Die Lage (Rom, viale Parioli, Dachgeschoss) hätte ihr knapp eine Million bringen können, aber gegen einen 20%-Abschlag hat sie ihr lebenslanges Wohnrecht gesichert – eine Art Wette des jungen Käuferpärchens auf die Restlebenszeit der alten Dame. Das Krimi-Potenzial bleibt außen vor; nüchternes Kalkulieren konfrontiert Iris vielmehr mit essentiellen Fragen: Wie viele Jahre bleiben ihr, um den Erlös zu verprassen? Und darf sie das überhaupt? Was sie verkauft hat, ist schließlich ihre Hinter­lassenschaft, das Erbe ihrer Tochter Alice (57) und ihrer Enkelin Melina (28).

Die beiden sind Hypotheken aus der ersten Hälfte von Iris’ Vergangenheit, ihrem unkonventionellen, kon­tro­versen, aufregenden Leben, das sie mit 35 erschöpft beendete. Die beiden Frauen sind vollständige Ge­gen­stücke ihres eigenen Wesens. Alice ist spröde, selbstgerecht, urteilssicher. Stets wollte sie die Welt verbessern und hatte doch zeitlebens Probleme, ihre eigene Rolle in der Familie und in der Welt zu finden, erst als ehrgeiziges, tugendhaftes Schulmädel, später als Hippie, dann als Gottsuchende, jetzt als osten­ta­tiv aufopfe­rungsvolle Pflegemutter für verwahrloste Kinder. Für ihre Mutter hatte sie in allen Phasen nichts als Ver­ach­tung übrig – Alice war »una bambina senza cuore«, mit einem »sorriso malinconico e pre­sun­tuo­so di chi si aspetta di essere delusa come milioni di altre volte e, quando ciò accade, ne prova una sorta di acre soddisfa­zione.« Melina dagegen ist die Inkarnation oberflächlichen Lebensgenusses, ein bildschönes, gedanken- und perspektivloses Model, das sich unschuldig daran erfreut, beliebige Männer zu erfreuen und von ihnen verwöhnen zu lassen.

Auf einmal drohen die Erinnerungen die Oberhand gegenüber der Gegenwart zu gewinnen: »incominci ad analizzare i solidi dolori del presente e ti ritrovi a fare i conti col passato.« Und: »[La morte,] da qualche tempo, la sento camminare dietro di me, vorrei che mi sorpassasse, così potrei guardarla in faccia … resta sempre alle mie spalle.«

Zu klarerem Blick verhelfen Iris die regelmäßigen Unterredungen, die sie seit einiger Zeit mit »C.« kulti­viert. (Dass er Carlo Lamberti heißt, erfahren wir erst viel später.) »C.« ist 76 und betreibt unten im pa­lazzo seine Psychoanalyse-Praxis. Die beiden sind Partner auf Augenhöhe. Ihre Gespräche bei cafè und Pernod vor und nach dem Sprechstundenblock spielen mit der therapeutischen Situation, die Iris gratis in Anspruch nimmt und die er als aktiver Zuhörer gleichermaßen genießt. Er rät Iris, eine alte Gewohnheit wieder auf­zu­grei­fen: »La redazione di un diario è il contrario della psicanalisi. Ti consegna a te stessa, non a un altro.«

Ein Tagebuch zu führen war immer schon ihre Therapie, um ihre »errori pricipali« zu verarbeiten: »Quando ho sposato un uomo che non amavo. Quando ho messo al mondo una figlia che non volevo. Quando ho lasciato l’uomo che non amavo per un uomo che non mi amava. Quando ho seguito l’uomo che non mi amava pensando che gli avrei fatto cambiare idea. Quando ho lasciato mia figlia a suo padre pen­sando che poi l’avrei ripresa e che mi avrebbe perdonata. Quando l’uomo che non mi amava ha sposato un’altra.« All die Schreibhefte voller schicksalhafter Begegnungen, bitterer Erlebnisse, problematischer Entscheidungen und schmerzhafter Erkenntnisse veröffentlichte sie schließlich als Roman. »Storia di un amore«, beworben mit dem Slogan »Una donna libera« und vom verlassenen Ehemann (einem staubtrocke­nen PCI-Sekretär) als »Storia di una puttana borghese« geschmäht, wurde zu einem Bestseller der Sechzi­ger Jahre, als Ehe­bruch eine Frau noch ins Gefängnis bringen konnte. Das Buch finanzierte die Eigen­tumswohnung für eine Familie, die es nicht mehr gab, und ist seit vierzig Jahren vergriffen und vergessen. Seither sucht Iris nichts als »una calma piatta, in cui potermi assestare, senza dare nell’occhio«; seither altert sie.

Als Iris ihr einziges Romanexemplar »C.« schenkt, erschließt sie sich ihm durch ihr Buch ebenso, wie wir sie durch Lidia Raveras neuen Roman (April 2013) kennenlernen. Denn der ist (zunächst) nichts anderes als Iris’ Tagebuch vom 7. September bis zum Jahresende 2011. Dessen Inhalt ist komplex: Rekonstruktion von Szenen ihrer Vergangenheit, Durchleuchtung ihrer Entscheidungen, Charakterbilder der Betroffenen; Gespräche mit »C.«, der Impulse setzt; der zunehmende Einfluss der Krankheit, die »C.«s Leben bedroht; Protokoll der Vertrautheit und der Zuneigung, die sich zwischen ihr und »C.« entfaltet.

Danach braucht Iris die Tagebuchform nicht mehr: »ricomincerò a guardarmi da lontano.« Aus »C.« wird Carlo, und die Perspektive der 3. Person, passato remoto, erlaubt eine taktvoll distanzierte und doch intime Erzählung eines unerwarteten, zarten, reifen Liebesglücks – ein Geschenk, das sich beide gegenseitig ma­chen. Die Schlussphase erleben wir wieder aus Iris’ Ich-Perspektive und im presente: Es ist eine Reise­szene. Das lässt Pathos befürchten – doch davon findet sich im gesamten Buch erfreulicherweise keine Spur. Ebensowenig von Kitsch oder Sentimentalität.

Die vielfältigen Kommentare zu den ›ernsten‹ Themen (Alter, Liebe im Alter, Krankheit) sind scharfsinnig, nüchtern, oft mit Ironie gewürzt: »Nessuno si sente vecchio. Che sei vecchia se ne accorgono gli altri. È il contrario della malattia.« – »Il peggio che ti può succedere è di essere ignorata. Ma quello ti succede co­munque.« – »La donna anziana può permettersi di essere sincera perché non ha quasi niente da perdere.« – »Il cuore è l’organo che negli anziani prende il posto del sesso.« Und auch Iris muss sich, wenn es um den Tod geht, an die passende Wortwahl erst herantasten: »È l’ultimo apprendistato, imparare a discorrere della morte, a proprio agio.«

Iris analysiert sich und die Menschen um sie herum, ihre Gegenwart und ihre Vergangenheit mit intellektu­eller Brillanz und Redlichkeit. Eigene und anderer Leute Schwächen spießt sie auf wie Insekten auf Na­deln, aber ohne Boshaftigkeit. Ironie und Sarkasmus machen ihr Spaß, bleiben aber dem Tagebuch vorbe­halten. Dank ihrer Überlegenheit gelingt es ihr, wo nötig, die Fäden in der Hand zu behalten: »non sei mai uscita dalla fase dell’onnipotenza.«

Nur wenn sie ihre Erinnerungen mit ihren frühen Tagebüchern und ihrem Roman vergleicht, verschwim­men bisweilen die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion. Befragt von Carlo, muss sie sich jetzt selbst be­fra­gen, was ihre Versäumnisse, ihre Fehler, ihre Irrtümer waren, und was hat sie im Roman dramatisiert?

In der Wiedergabe ihres Alltags spielt Iris gern mit Grauzonen (»ufficialmente per … / in realtà perché …«), und wichtige Besprechungen stilisiert sie ohnehin wirkungsbewusst: »Un po’ autentico, un po’ calcolato, come mi viene naturale.« Amüsiert verfolgen wir, wie Iris mit anderen Frauen spielt »come una gatta che tiene un topolino tremante fra le fauci«: »mi dispiaceva vederla disunirsi – torcersi in piccoli gesti di con­teni­mento«. Solche Gespräche gibt die Ich-Erzählerin mehrschichtig wieder: Die Dialoge liefern den inhalt­li­chen Rohstoff; in der Metaebene begleiten uns deren Interpretation, die unverhohlene Aussage in Klam­mern, Iris’ Strategieplanung, ihre Auslotung der Partnerin; dazwischen Erinnerungen, Seitenhiebe, Sen­ten­zen, Assoziationen – bis Iris sich mit einem »Ho divagato.« wieder auf Kurs bringt.

Fazit: Ein schönes, feminines Buch, dessen Zauber in der vielschichtigen, subtilen und nirgendwo ins Kit­schige oder in Allgemeinplätze abgleitenden Gestaltung der Charaktere, ihrer Dialoge und der Erzählspra­che liegt. Kurze Sätze, Satzfragmente, Gedankenblitze, Spiele mit Worten, von denen eins das nächste auslöst. Pfiffige Bonmots, freche Zynismen, süffisante Kommentare, tiefes Verständnis. Eine unkompli­zierte, nichtsdestoweniger ergreifende Handlung um bemerkenswerte Individuen, ohne je Anspruch auf Verallgemeinerung, Vorbildlichkeit oder Belehrung zu erheben. Lidia Ravera beschränkt sich weise dar­auf, einfach nur zwei beeindruckende Alternde zu porträtieren, die ihr Leben unbedingt in der eigenen Hand behalten möchten, solange ihnen das vergönnt ist: »Bisogna agire, Iris. Vivere da protagonista.«


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