Rezension zu »Mortimer & Miss Molly« von Peter Henisch

Mortimer & Miss Molly

von


Belletristik · Deuticke · · Gebunden · 320 S. · ISBN 9783552062252
Sprache: de · Herkunft: at · Region: Toskana, Umbrien, Marken

L'amore in Toscana

Rezension vom 07.01.2014 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Miss Molly steht am Fenster ihres Häuschens an der Stadtmauer, als ihr Glück vom Himmel fällt. Punkt­genau landet es im Kreismittelpunkt des Re­nais­sance­gar­tens vor ihren Augen. Der amerikanische Fall­schirmspringer war im letzten Moment aus seinem Jagd­bom­ber gesprungen, ehe die deutsche Flak die Ma­schine traf.

Zwanzig Jahre zuvor war Miss Molly selber hier in San Vito, einem fiktiven Örtchen in der südlichen Tos­kana, eingetroffen. Im heimatlichen London hatte sie immer unter Asthma gelitten; die italienischen Aro­men sollten ihr Besserung bringen. Dann engagierte sie die vornehme Familie Bianchi, damit sie deren Kinder erziehe und unterrichte. Die sind nun, im Mai des Kriegsjahres 1944, längst erwachsen, ihre Eltern sind in ihren Palazzo gezogen und haben der Gouvernante das sienabraune Haus, an dessen Gemäuer sich ein »Wildkirschenbaum schmiegt, sich eine märchenhafte Bougainvillea-Hecke hochrankt«, als Bleibe über­las­sen.

Miss Molly ist eine Fatalistin: »Geschieht es nicht jetzt, so geschieht es morgen« oder eben »später.« So blieb sie, als die anderen Dorfbewohner in den Luftschutzkeller flüchteten, lieber in ihrem Haus. Von hier aus beobachtet sie, wie der Soldat hektisch seinen Schirm zusammenrafft und sich in Sicherheit zu bringen versucht. Sie fasst sich ein Herz und schleicht die dunkle Haustreppe hinab zum Versteck des Fremden. Dem erscheint die weißgekleidete Dame wie eine »Fee aus dem Märchenbuch«, zumal sie seine Sprache spricht. Sie wird ihm das Leben retten.

Ob sich zwischen Mortimer, dem attraktiven jungen amerikanischen Soldaten (24), und Miss Molly, der wa­ge­mu­ti­gen, feinfühligen und kultivierten Britin (45), eine süße Romanze entspinnt? Das bleibt una bella fan­ta­sia, ein »Fantasiespiel«, das vier Jahrzehnte später zwischen Julia und Marco beginnt.

Die Psychologiestudentin aus Wien besucht mit ein paar Freundinnen einen Italienischkurs in Siena und lernt dort den Medizinstudenten aus Turin kennen. Mit seiner Baskenmütze sieht er aus wie ein Filmregis­seur. Er gewinnt schnell Julias Herz, und nachdem er sie überzeugt hat, dass sie mit ihm weitaus schneller und intensiver Italienisch lernen könne als in einem Kurs, darf er in die Frauen-WG mit einziehen. Doch bald sind die Freundinnen der »ständigen Anwesenheit dieses Mannsbilds«, seiner »Barthaare in der Wasch­muschel« und der »Klobrille in der falschen (frauenfeindlichen) Position« überdrüssig.

Julia und Marco packen ihre Sachen und knattern in Marcos 2CV gen Süden. In San Vito beziehen sie in einem einfachen albergo ein Zimmer con letto matrimoniale und erkunden in den folgenden Tagen das Leben im centro storico. Im Caffè Italiano genießen sie jeden Morgen köstliche crostini zum cappuccino, serviert von einem Zufriedenheit und Harmonie ausstrahlenden älteren Ehepaar, das beider Bewunderung erweckt. Julia fragt sie (und sich), wie »un amour tellement résistant«, eine Liebe, die alle »widrigen Um­stände« des Lebens überdauert zu haben scheint, denn möglich sei. »Philemon und Baucis« (wie Marco sie nennt) könnten den beiden jungen Leuten und ihrer »Sommerliebe« vielleicht Vorbild, Perspektive und Tiefe verleihen.

Daneben plaudern sie mit vielen anderen interessanten Menschen im Dorf, wie zum Beispiel dem betuli­chen alimentari-Ladenbetreiber Tullio, den man ironischerweise Lo Svelto (den Flinken) nennt, und Nino (il postino), der von seiner Tätigkeit als Fußballschiedsrichter (arbitro) erzählt. In den schlichten, anmuti­gen Gärten und Hinterhöfen entdecken sie einen Elefantenbaum, einen riesigen Rosmarinstrauch, Katzen und erstaunlich aktive Schildkröten (fanno l'amore). Überall bieten sich Postkartenidyllen, die Marco mit seiner Kamera abbildet, Julia im Vordergrund. Eigentlich soll er ja demnächst medico werden, aber in sei­nen Träu­men ist er lieber Filmregisseur. Chabrol, Truffaut, Godard – denen möchte er nacheifern. Und eine Lokation wie San Vito schreit förmlich nach einer storia d'amore.

Eines Abends klopft es an der Zimmertür der Turteltauben. Es ist der zurückhaltende Gast aus dem über­nächsten Zimmer, ein älterer Herr, der il vecchio Hemingway ähnelt. »Non volevo disturbare«, sagt er und stellt sich als Mortimer Mellows aus Minnesota vor. Er habe beobachtet, wie die beiden oft unten im Park flanierten, und weil er dazu eine »ganz besondere Beziehung« habe, wolle er ihnen gern seine Geschichte erzählen. In einem Waldrestaurant in der Maremma berichtet er bei Wildschwein und funghi porcini, wie er im Mai 1944 mit seinem Fallschirm aus dem Bomber gesprungen sei und von Miss Molly gerettet wurde: »She saved my life.«

Bedauerlicherweise findet die aufregende, vielversprechende Kriegsgeschichte keine Fortsetzung. Denn am nächsten Tag hat Mortimer das albergo verlassen. Nach Auskunft des padrone kommt der Stammgast alljährlich zurück; vielleicht musste er frühzeitig abreisen, weil sein permesso di soggiorno (Auf­ent­halts­er­laub­nis) abgelaufen ist ...

Auch Julia und Marco müssen bald wieder abreisen, aber das Erlebte und Gehörte wird sie lange begleiten und immer wieder zusammenführen. Wie Mr Mellows werden sie nach San Vito wiederkehren, und sie werden die unvollendete Geschichte von Mortimer & Miss Molly weiterspielen: »Figurati: wir wären ..., wir hätten ..., wir würden ...«

Eine Liebesgeschichte eingebettet in eine Liebesgeschichte, die nur in San Vito zwischen Marco und Julia gelebt werden kann – das ist der Plot dieses bezaubernden Romans. Und er enthält noch eine dritte Lie­bes­ge­schichte: die des Autors Peter Henisch zu Italien. Auf jeder Seite spürt man, wie sehr er die Men­schen und das Leben in der sonnenverwöhnten, reizvollen und abwechslungsreichen Landschaft schätzt. Jede Menge kleine Phrasen in Italienisch geben dieser Liebeserklärung ihre Würze. Keine Sorge: Es sind gut verständliche Alltagsausdrücke, die man schon im Volkshochschulkurs für Anfänger kennenlernt, die man vor Ort gern verwenden (und hören) wird und denen der freundliche Autor sicherheitshalber zumeist eine Übersetzung beifügt.

Kurzum: ein wunderschöner, entspannender Roman mit dem Nebeneffekt des angenehmen Italienisch-Ler­nens für Anfänger. Wenn bald die Reisezeit für die Toskana einsetzt, sind »Mortimer & Miss Molly« ideale Begleiter. Suchen Sie sich ein lauschiges Plätzchen in einem giardino oder nehmen Sie wie Miss Molly an einem »Steintisch unter Steineichen« Platz. Denken Sie aber daran, ein Polster mitzubringen, denn im Mai ist »die steinerne Bank ... nicht nur hart, sondern auch kalt« ...


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