Rezension zu »Letteratura italiana: Da Francesco d'Assisi a Paolo Giordano« von Ludger Scherer [Hrsg.]

Letteratura italiana: Da Francesco d'Assisi a Paolo Giordano

von


Anthologie · Teil der Serie »Italienisch mit Hilfe« · Reclam · · 388 S. · ISBN 9783150198773
Sprache: it · Herkunft: de · Region: Italien

Eine offene Schatztruhe

Rezension vom 20.01.2015 · 4 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Dieses Buch ist vielseitig. Auf fast 400 Seiten stellt es 64 Au­to­ren und fünf Au­to­rin­nen aus neun Jahrhunderten mit mindestens einem Werk­aus­zug vor. Lyrik dürfte überwiegen, von Prosa dicht gefolgt, auch Dra­men­aus­zü­ge, es­sayis­ti­sche und Sachtexte sind vertreten. Die Sammlung ist ein Ge­winn für jeden, der neugierig ist zu erfahren, wie sich die italienische Literatur und Sprache entwickelt ha­ben, dafür aber kein Grundstudium absolvieren, sondern einfach nur komfortabel schnuppern möchte.

Jedem Text sind ein bis zwei Seiten vorangestellt, die ihn einordnen in Werk und Biografie des Autors, in seine Zeit und in den literarischen und gesellschaftlichen Fortgang. Dadurch erhält man einen anschauli­chen Abriss über die Entwicklung so bedeutender italienischer Phänomene wie der commedia dell'arte oder des Sonetts durch die Jahrhunderte, über die Verknüpfungen mit literarischen Tendenzen auch in Deutsch­land und Frankreich (z.B. Romantik, Naturalismus ...) und mit politischen Strömungen (»Ri­sor­gi­men­to«, italienische Einigung, Nationalismus ...).

Die wissenschaftlich solide Aufbereitung (einschließlich akademischer Diktion) ist eine Seite des Konzepts dieser Anthologie; gleichzeitig, so erklärt Herausgeber Ludger Scherer im Vorwort, soll »bewusst ein breites Lesepublikum angesprochen werden«, und zwar »alle, die ihr Interesse an der Kultur Italiens auf li­te­ra­ri­schem Gebiet vertiefen möchten«. Vor allem diesen letztgenannten ›Amateuren‹, die Italienisch ei­ni­ger­ma­ßen zügig, aber nicht problemfrei lesen können, hilft die bewährte Machart von Reclams wunder­voller ›Roter Reihe‹ mühelos über sprachliche Hindernisse hinweg. Denn für jeden Text sind alle Wörter, die nicht in Kletts »Thematischem Grund- und Aufbauwortschatz Italienisch« enthalten sind, am Seitenende mit ihrer deutschen Übersetzung angegeben; darüber hinaus werden schwierige Formen erklärt und bisweilen In­ter­pre­ta­tions­hil­fen gegeben.

Eine sympathisch unaufdringliche, freundliche Hilfestellung, die belegt, dass man nicht nur ›Profis‹, son­dern Lernende im Blick hat, ist die Markierung unerwartet betonter Silben durch einen Punkt unter dem Vokal, selbst im Fließtext – z.B. im Kommentar zum Gedichtband »Oboe sommerso« des Nobelpreisträ­gers Salvatore Quasimodo (1901-1968).

Studierenden gibt das Buch hilfreiche Orientierung, Fans italienischer Literatur stellt es einen Korb voller Anregungen für den Leseappetit bereit. Darin zu schmökern verschafft nicht nur den Genuss literaturge­schichtlicher Erkenntnis, sondern weckt vielleicht auch die Lust, sich einmal an einen älteren Originaltext heranzuwagen. Dabei stößt man bisweilen auf erstaunliche Bezüge bis in unsere Zeit – man lese etwa die Legende des »Veglio de la Montagna«, des Anführers der Sekte der Assassinen, aus Marco Polos Rei­se­be­richt (»Milione«) von 1299 oder Cesare Beccarias Überlegungen zur Todesstrafe in seinem Traktat »Dei delitti e delle pene« von 1764.

Akademische Kreise mögen erörtern, welche Autoren und Texte hätten aufgenommen oder weggelassen werden sollen und ob die Schwerpunkte ›richtig‹ gesetzt sind. Die ›Gegenwart‹ (seit dem 2. Weltkrieg) ist mit dreizehn Autoren und zwei Autorinnen angemessen vertreten, wenngleich viele Leser gerade hier Ori­entierung über ein weiteres Spektrum suchen mögen. Doch welche jüngeren Autoren haben Zeichen ge­setzt, werden die italienische Literatur nachhaltig beeinflussen? Dass Ludger Scherer als Vertreter des 21. Jahrhunderts Niccolò Ammaniti (»Io non ho paura«), Ermanno Cavazzoni (»Gli scrittori inutili«) und Paolo Giordano (»La solitudine dei numeri primi«) für würdig befunden hat, ist ja bereits eine mutige Ent­schei­dung.

All dessen ungeachtet finde ich das Konzept ansprechend und überzeugend umgesetzt: »repräsentative Werke in charakteristischen Auszügen vorzustellen«, dabei »ein möglichst ausgewogenes Bild zu bieten« und für die Textauswahl »das Echo des Werkes in der literarischen Öffentlichkeit« zu berücksichtigen. Da mir der Unterhaltungswert nicht unwichtig ist, gefällt mir die thematische und regionale Breite ebenso wie das Spektrum der Textsorten. Und nebenbei gilt es ein Rätsel zu lösen: Nach welchem Algorithmus sind die Autoren angeordnet? (Es ist nicht ihr Geburtsjahr ...)

Wie viele Sterne verdienen die Texte dieses Buches, wenn nicht alle fünfe? Kein Einzelwerk kann konkur­rieren gegen dieses Best of aus den Meisterwerken von Francesco d'Assisi, Dante, Petrarca, Boccaccio, Machiavelli, Ariosto, Tasso, Goldoni, Manzoni, Leopardi, Carducci, D'Annunzio, Pirandello, Deledda, Mo­ran­te, Tomasi di Lampedusa, Fo, Eco, Tabucchi, Calvino, Benni, Maraini, Ammaniti und Giordano. Des­halb sollen die Texte aus Gründen der Fairness außer Konkurrenz und unbewertet laufen. Fünf Sterne verdient jedoch die einladende Aufbereitung dieser Schätze für »ein breites Lesepublikum«, dem ein be­quemer Zugang zur »Kultur Italiens auf literarischem Gebiet« ermöglicht wird, und das obendrein für we­nig Geld.


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