0 Anne-Laure Bondoux:
Die Zeit der Wunder

Jugendbuch · Carlsen 2011 · Gebunden · 192 S. · ISBN 9783551582416
4 Sterne

Koumaïls beschwerlicher Weg ins Glück

Leseeindruck vom 23.01.2011 · 2032 Zeichen
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Koumaïls Erinnerungen beginnen, als er sieben Jahre alt ist. Ohne Verwandte lebt er völlig allein im Großen Haus, einer Flüchtlingsunterkunft im Kaukasus. Alle leiden unter dem bitterkalten Winter. Dicht gedrängt hausen die vielen Menschen beieinander, schlafen auf versifften Matratzen. Sie haben Läuse, Flöhe und andere Parasiten und Krankheitserreger. Eine Kopfrasur ist unumgänglich. Der gefürchtete Sergueï wetzt sein Rasiermesser, und Koumaïl muss antreten. Als seine Haare zu Boden gefallen sind, taucht Sergueï seinen Kopf in Essigwasser und rubbelt ihn grob mit einem Handtuch ab. Schmerzerfüllt läuft er zu Gloria, seiner einzigen Vertrauensperson.

Mit zwölf Jahren ist Koumaïl in Frankreich. Er befindet sich auf einem Lastwagen, der von der Polizei angehalten wird. Auf seinem Pass steht, er heiße Blaise Fortune - das Glück - und sei französischer Bürger. Wenngleich Monsieur Ha sich viel Mühe gegeben hatte, den Stempel auf das zunächst herausgerissene, später wieder eingeklebte Bild zu setzen, ist doch leider kaum zu übersehen, dass seine Identitätsurkunde gefälscht ist, und so landet Blaise hinter Mauern und Gittern im Durchgangslager. Ganz allein ist er dort, und seine Verzweiflung zerfrisst ihn.

Am Ende ist er eingebürgert, beherrscht die französische Sprache und will dem Leser vom schrecklichen Unglück und den Widrigkeiten seines Lebens erzählen. Er lebte in einem totalitären Regime, gequält und aufs Schlimmste eingeschüchtert. Koumaïl gibt alles auf, um in ein demokratisches Land zu flüchten, in dem Menschenrechte garantiert sind.

Ein tief bewegender Jugendroman, dessen historischer Hintergrund den Computer- und "Superstar"-Kindern unserer paradiesischen Insel Europa ebenso unbekannt sein wird wie die existentiellen Abgründe, mit denen sich Gleichaltrige in gar nicht so fernen Epochen und Gesellschaften auseinandersetzen mussten. Der Roman bietet eine Chance, sie wachzurütteln, sie empfindsam und hellhörig zu machen für Altersgenossen, die sich weder um Kleidung noch iPhones Gedanken machen ...

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