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Rezension zu »Murmelbrüder« von Michela Murgia

Murmelbrüder

von


Belletristik · Wagenbach · · 120 S. · ISBN 9783803127808
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Sardinien

Wir halten zusammen

Rezension vom 22.11.2014 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Blut sei dicker als Wasser, weiß der Volksmund. Aber wie das Leben lehrt, sind fa­miliäre Bindungen nicht zwingend stark und dauerhaft. Die sardische Schrift­stel­le­rin Michela Murgia setzt dagegen Freundschaften, die in der Kind­heit ent­ste­hen und die Menschen bis ins Erwachsenenalter zu­sam­men­schwei­ßen. Sie denkt an gemeinsame Erlebnisse wie »Sommernachmittage, an denen man zum ersten Mal unter dem Jubel der Spielkameraden einen Ball ins Tor schoss ... das Bewusstsein, Auslöser für das erste blutige Knie eines Freundes zu sein ... den Wind im Gesicht bei bestimmten freihändigen Abfahrten auf dem Fahrrad ... die Lichtreflexe auf dem dunklen Zopf des schönsten Mädchens im Dorf«. Die Zauberformel zur Be­schwö­rung solcher Zusammengehörigkeit lautet: »Wir haben in derselben Straße gespielt.«

Davon handelt Murgias Erzählung »L'incontro« Michela Murgia: »L'incontro« bei Amazon, die jetzt in der Übersetzung von Julika Brandestini bei Wagen­bach erschienen ist. Statt den Titel wörtlich zu übersetzen (»Die Begegnung«), hat man den wun­der­schö­nen Begriff »Murmelbrüder« geprägt (zu dem auch die »Libellenschwestern« gehören). Er trifft Stim­mung und Thema besser als das Original, das dichter am Plot klebt.

Die Handlung spielt 1985/86 in dem sardischen Städtchen Crabas, womit unmissverständlich Michela Mur­gias Geburtsort Cabras im Sinis gemeint ist. Die winzige Verfremdung betont nur den parabolischen, nicht-autobiografischen Charakter der Erzählung, den die Autorin im kurzen Nachwort andeutet.

Der zehnjährige Maurizio wohnt mit seinen Eltern ziemlich einsam auf dem Land, ohne Geschwister oder Spielkameraden. Für die langen Sommerferien aber zieht er alljährlich zu den Großeltern in Crabas.

Dort lebt der Junge auf. Mit Giulio, dem Sohn des Gemeindepolizisten, und dem rothaarigen Franco Spanu bildet er ein unzertrennliches Trio, wobei er sich mangels geschwisterlicher Spione, Kontrolleure und Ver­petzer der größten Freiheit erfreuen darf. Auf den Straßen und Plätzen des Örtchens, im »hängenden Gar­ten« des Priesters und am Ufer des Sees erleben sie immer neue Abenteuer im Kampf gegen Ratten, beim Vogelfang oder als Messdiener, und die Bauern, Fischer und Hirten stecken voller Weisheiten und Ge­heim­nis­se. Dann gibt es noch unzählige Heilige, deren Feste und Prozessionen den Sommer skandieren. Die Men­schen von Crabas zelebrieren das Leben und ihre Gemeinschaft aus Alt und Jung.

Besonders liebt Maurizio die langen Abende. »Wenn die Sonne unterging, kamen die Alten aus ihren Häu­sern wie Schnecken nach dem Regen, dabei zogen sie kleine Stühle mit Sitzflächen aus Stroh hinter sich her.« Wenn jeder seinen Platz in der bewährten Sitzordnung eingenommen hat und die Straße »eine Art Erweiterung der Wohnräume« geworden ist, erzählen die Alten zielgruppengerecht und effektvoll von un­glücklichen Seelen wie dem Priester, der vor zweihundert Jahren Messgeld unterschlug und erst vor kur­zem erlöst wurde, oder den Panas, »Frauen, die bei der Geburt eines Kindes gestorben und zu Vampiren ge­wor­den waren und die nun ... die Neugeborenen der anderen töteten, aus Eifersucht«.

Maurizio genießt die wie selbstverständlich gelebte Gemeinschaft, eine Heimat, der er zugehört, deren sprachlicher Ausdruck das Pronomen »wir« ist und »wo alle gemeinsame Zeit so dekliniert wurde, im Prä­sens Plural«.

In diesem ersten Teil erzählt die Autorin lebensnah und detailreich den Prozess des Zusammenwachsens. In kleinen Verbalscharmützeln wird ausgefochten, wie man zueinander steht: Auf die Frage »Wer geht zu­erst?«, mit einem auffordernden Blick in die Augen abgeschossen, muss man Gleichgültigkeit spielen, darf aber nicht zu lange zaudern, und »unverzichtbares Statussymbol für die Schlachten der Jungen am See­ufer« sind die neuesten Wasserpistolenmodelle vom Markt.

Doch die harmonische Ordnung im Dorf ist nicht ungefährdet. Manche Familien ziehen weg aufs Festland, um ein wenig besser leben zu können, andererseits stoßen Touristen hinzu, die fremde Zuschauer am Rande bleiben, wie auch die Kinder der Ausgewanderten, Weggezogenen, gescheiterter Ehen.

Fatale Auswirkungen hat ein Willkürakt der Obrigkeit; davon erzählt der zweite Teil. Als letzte Amts­hand­lung verfügt der scheidende Bischof, dass in Crabas eine zweite Pfarrgemeinde eingerichtet werden soll. Um die Details kümmert er sich nicht, die Bürger aber geraten in Streit darüber. Zu welcher Gemein­de sollen Rat­haus, Musikkapelle, Prozessionswege geschlagen werden? Selbst das Trio Maurizio, Giulio und Franco Spanu wird zerrissen, das »Wir« löst sich auf, und ein bislang unbekanntes »die anderen« stellt sich entgegen.

Die Handlung kulminiert in der traditionsreichen Osterprozession des Originaltitels, »L'incontro« (sardisch »S'incontru«). Genauer gesagt, sind das zwei Prozessionen, die sich gleichzeitig auf ein gemeinsames Ziel hin bewegen. Der eine Zug trägt die Statue der um ihren gekreuzigten Sohn trauernden Maria, der andere die des auferstandenen Gottessohnes. Am Rathausplatz treffen sie zur Freudenfeier der Auferstehung auf­einander. Doch durch des Bischofs Anweisung müssten nun zwei (bzw. vier) Umzüge stattfinden. Während der ganzen Vorbereitungszeit beäugen die beiden Gemeinden einander mit Missgunst; welchen Weg wer­den »die anderen« nehmen, wo wird ihre Zusammenkunft stattfinden, wie können »wir« sie ausstechen?

Am Ende siegt die unverbrüchliche Freundschaft der »Murmelbrüder« über die Zwietracht. Durch Ent­schlos­sen­heit und mit gesundem Menschenverstand dirigieren sie »ihre« Prozessionen so, dass aus Feld­zü­gen wie­der eine Begegnung wird.

In der bekannt klaren, bildkräftigen Sprache der Autorin werden all diese Vorgänge sehr anschaulich. Aller­dings verändert sich der Charakter der Erzählung: Der erste Teil schildert wunderschön und authen­tisch die luftige Atmosphäre der Kinderbegegnungen in einer intakten Dorfgemeinde, stützt sie auch mit Re­fle­xio­nen zum Wesen der Beziehungen und ein paar Fakten zur sozialen Struktur und Wirtschaftskraft, da­mit nicht etwa der Eindruck einer blauäugig gemalten Idylle aufkommt. Im zweiten Teil schleicht sich da­ge­gen eine Art Schelmenhumor ein, der an Don Camillo und Peppone denken lässt, wenngleich das ganz sicher nicht die Tonart ist, die die Autorin anschlagen will. Sie hält den Humor am straffen Zügel und bremst ihn, indem sie all den Fragen, Befürchtungen, Bedenken, Diskussionen und Taktikoptionen breiten Raum schenkt.

Fazit: Leider hat die Erzählung von den »Murmelbrüdern« weder stilistisch noch inhaltlich die Kraft von Mi­che­la Murgias Debütroman »Accabadora«, der 2010 mit dem Premio Campiello ausgezeichnet und in­ter­na­tio­nal beachtet wurde. Eine lesenswerte, heitere und warmherzige Geschichte über lauter lie­bens­wer­te Cha­rak­te­re aus dem sardischen Alltagsleben ist es allemal.


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