Rezension zu »L'estremo delle cose« von Giorgio Todde

L'estremo delle cose

von


Krimi · Maestrale · · 209 S. · ISBN 9788889801758
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Sardinien

»Attenzione ai simboli, Dehonis«!

Rezension vom 21.08.2011 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Efisio Marini (1835 in Cagliari geboren und 1900 in Neapel gestorben) hat eine geheimnisvolle Kunst bis zur Perfektion entwickelt, nämlich Leichen so aufzubereiten, dass sie schön wie Marmorstatuen aussehen - und in diesem Zustand verbleiben (pietrificazione). Er vermochte diesen Prozess sogar reversibel zu gestalten, so dass die wieder "weich" gewordenen Körper noch Jahre später seziert werden konnten. Das Leben dieses verkannten Genies wurde nicht nur in einem Comic aufbereitet (2004; siehe unten), sondern er wurde auch als Protagonist einer Reihe von Krimis auserkoren, die Giorgio Todde, Augenarzt aus Cagliari, seit 2001 erfolgreich verfasst hat. Klar, dass Efisio Marini (der Romanheld) für seine Geschicklichkeit ("Solo artigianato, non arte", betont er immer wieder) nicht nur europaweit bewundert wird; konkurrierende Kollegen, Neider und überambitionierte Wissenschaftler setzen ihm zu und schrecken bei der Verfolgung ihrer Ziele auch vor kriminellen Machenschaften nicht zurück. Dann findet er nicht eher Ruhe, als bis er Klarheit und Gerechtigkeit gefunden hat. Zur Seite steht ihm sein Freund aus Studienzeiten Pierluigi Dehonis, ein Arzt aus dem sardischen Bergdorf Abinèi ("un villaggio fossile in mezzo ai boschi dell'isola"), der jedes Jahr für ein paar Wochen bei ihm und Tochter Rosa in Neapel zu Gast ist.

In "L'estremo delle cose" erhält Efisio, inzwischen weit über sechzig Jahre alt, an einem Tag zwei wichtige Briefe: Mit dem einen lädt ihn Paul Bec, ein berühmter Pariser Arzt an der Sorbonne, ein, mit ihm gemeinsam weitere Forschungen zu betreiben; es geht um nichts weniger als das "Progetto Immortalità". Das andere Schreiben stammt aus Wien, wo Efisios nicht minder bedeutender Kollege Heinz Schenker verstorben ist; dessen Witwe ersucht Efisio, nach Wien zu kommen und dem unerklärlichen Todesfall auf den Grund zu gehen.

Efisio beschließt, nach Paris zu reisen und Pierluigi Dehonis mit den Nachforschungen in Wien zu beauftragen.

Während Efisio in Paris weilt, wird Professor Seurinon - auch er "un maestro dell'imbalsamazione" an der Sorbonne - tot aufgefunden. Die von ihm noch selbst verfügte Obduktion ergibt keinerlei Hinweis auf die Todesursache - doch wie ist es dann zu erklären, dass ein absolut perfekter Körper nicht mehr lebt? Dies gibt Anlass zu grundsätzlichen Diskussionen darüber, was "Leben" eigentlich ist.

Allerdings entdeckt man bei Seurinon - wie auch bei Heinz Schenker - eine winzige Einstichstelle an der Schulter, und als Efisio eines Tages Paul Bec auf dem Boden seines Labors liegend vorfindet, sich windend, ehe er zu erstarren droht, da hat auch der einen Einstich am Hals. Doch Bec kann gerade noch gerettet werden ...

Kaum ist Efisio nach Neapel zurückgekehrt, da stirbt vor seinen Augen ein weiterer Mediziner aus Paris - und die Mordserie geht noch weiter.

Efisio erkennt Details und wertet sie scharfsinnig wie Sherlock Holmes aus, aber hauptsächlich vertraut er seiner Intuition. Am Ende ist es der treue Dehonis, der den Fall mit ungewöhnlichen Mitteln und im kongenialen Dialog mit Efisio lösen kann ...

Trotz der Morde und Attacken, der Spannung erzeugenden traditionellen Whodunit-Struktur und der überraschenden Wendungen ist dies kein Reißer. Der Ton ist nachdenklich, bisweilen melancholisch ("La forza dell'Idea lo riprende perché la sua anima, coperta dall'età, non vuole la geometria. La geometria lo asfissia e l'ordine, di colpo, lo invecchia." S. 66); man erörtert Fragen des Todes und des menschlichen Lebens, der Wahrheit und des Wahnsinns, und dabei werden weltanschauliche, philosophische Differenzen offenbar. Die Dialoge sind knapp, lakonisch, sentenzenlastig und klingen bisweilen etwas phrasenhaft, gesucht, gespreizt. Man doziert gern (Efisios typische Geste ist der erhobene Zeigefinger.), und die Charaktere erscheinen eher wie papierene Träger von Theorien anstatt wie Menschen aus Fleisch, Blut und Emotionen: Bec: "In un medium interno è contenuto il deposito della vita! [...] e io l'ho riscostruito ..." - Efisio: "Io vi devo offrire l'architettura dei corpi preservati dalla putrefazione e voi instillerete dentro i corpi induriti il medium della vita, vero?" Aber Bec antwortet hierauf nicht, und Efisio räsonniert im Stillen: "Non è sufficiente ammettere la propria follia per guarire e nessun folle cerca la guarigione. Anzi, cerca altra follia." (S. 41 f.)

Giorgio Toddes Bücher werden bei uns unter der Rubrik "Sardinien-Krimi" vermarktet und in allen Reiseführern empfohlen. Auch ich habe dieses relativ aktuelle (2009) Buch von ihm vor Ort ausgewählt, gekauft und gelesen - es hat mich aber nicht so berührt, wie ich es mir auf Grund des Klappentextes und der Werbung der Buchhändlerin erhofft hatte. Selbst die Schauplätze - die Weltstädte Paris und Wien kurz vor der Jahrhundertwende, dazu Neapel, Cagliari und Abinèi - bleiben blass. Hübsch sind die Szenen in einem neapolitanischen Restaurant (Kap. 4) und ihre Parallele in Paris (Kap. 11), aber Flair zu evozieren ist nicht Toddes Intention. Ihm geht es um "l'estremo delle cose".

Näheres über den realen Efisio Marini finden Sie unter www.efisiomarini.info; hier können Sie auch den genannten Comic über sein Leben als PDF downloaden (24 MB).

"L'estremo delle cose" ist noch nicht in deutscher Sprache erschienen.


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