Rezension zu »Accabadora« von Michela Murgia

Accabadora

von


Belletristik · Einaudi · · 164 S. · ISBN 9788806221898
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Sardinien

Geburt und Tod, Handeln und Schicksal in Sardinien

Rezension vom 11.02.2010 · 67 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Dies ist ein wunderbar runder, poetisch dichter Roman, der ergreifende Lebensge­schichten mit nichts weniger als existen­ziellen Problemen verwebt: Geburt und Tod, Handeln und Schicksal. Den Boden, auf dem sich all dies vollzieht, bilden die eigentümlich anmutenden Traditionen Sardiniens, die, gewachsen in Jahrhun­derten der bitterarmen Hirten­kultur dieser »Insel, die man nicht sieht« Michela Murgia: »Viaggio in Sardegna. Undici percorsi nell’isola che non si vede« bei Amazon (Teil des Titels eines anderen Buches der Autorin), nun auch die Menschen Sorenis, eines (fiktiven) Örtchens der Fünfziger, Sechziger Jahre, prägen.

Das erste der zentralen Themen ist das der »fillus de anima« (Kinder des Herzens, der Seele): Kinder­reiche, aber arme Eltern geben eins der hungrigen Mäuler an Menschen ab, denen Kindersegen versagt geblieben ist. So erkennt die alte, seit Langem verwitwete Schneiderin Bonaria Urrai die Qualitäten des sechsjährigen Nachbarstöchterchen Maria Listru und macht deren schlichter Mutter ein Über­nahme­ange­bot, das sie nicht ablehnen kann.

Die ersten der insgesamt siebzehn Kapitel schildern, wie die beiden sich einander annähern, einander erkennen. Dabei ist es die Alte, die Geheimnisse zu verbergen hat, während die Junge aufmerksam, kritisch und be­merkens­wert distanziert beobachtet, was um sie herum vorgeht. Dem Leser erschließt sich – dank des allwis­senden Erzählers – recht leicht, was Bonaria Urrais Beson­derheit ist (sie ist eine »accabadora«, eine spezifisch sardische Dienst­leisterin ...); spannend ist allerdings mitzuer­leben, wie Maria dies erfährt und darauf reagiert.

Weitere Handlungsstränge betreffen die Beziehungen zwischen Frauen und Männern (auch zwischen Maria und dem jungen Andría), zwischen Eltern und Kindern, zwischen Nachbarn in der Dorf­gemein­schaft; andere ranken sich um die accabadora-Tätigkeit, und alles zusammen bildet ein dicht verfloch­tenes Ganzes, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint.

Faszinierend – und ein deutliches Anliegen der Autorin – sind die auf intensive Weise vermit­telten sardischen Denk­weisen und Gepflogen­heiten, wie theatra­lische Trauer­rituale und die Ausstattung der Haushalte mit religiös bedeut­samen Gegen­ständen. All dies wird sachlich-distanziert berichtet, ohne einen Schimmer von Ironie oder Über­heblich­keit des modernen Zeit­genos­sen aus einer anderen Welt (wozu bereits das italieni­sche Festland – »il continente« – zu rechnen wäre); man darf die Ernst­haftig­keit des Lebens in der strengen Dorf­gemein­schaft un­vermit­telt spüren.

Die Erzählweise der Autorin bleibt dicht am Innenleben der beiden Prota­gonis­tinnen, deren Gedanken und subtilste Empfin­dungen den Leser führen. Der Ton ist eigentlich schnörkellos – dennoch voller evozie­render Bilder. Auffällig sind die vielen Sentenzen und sardischen Lebens­weis­heiten, deren Gesetz­haftig­keit viele weitere Worte ersparen: »Es gibt Gedanken, die das Tageslicht nicht ertragen.« »Es gibt Dinge, die man tut, und solche, die man nicht tut.« Durchdacht ist auch, wie sich die wechselnden Funktionen der Pro­tagonis­tinnen bzw. die Perspek­tiven auf sie in den jeweiligen Bezeich­nun­gen spiegeln: »Maria Listru« ist nicht ganz die selbe wie »Maria«; und »Bonaria«, »die accabadora von Soreni«, »Tante Bonaria« und »Bonaria Urrai« unter­scheiden sich subtil ...

Eine Zwischen­episode auf dem »Kontinent« (in einer reichen Turiner Familie) hebt sich eigen­tüm­lich ab. Hier ist der Erzähl­stil deutlich distan­zierter, eher berich­tend, es gibt weniger Dialoge, weniger Bild­lich­keit. Dies spiegelt wieder, dass dies eben nicht Marias Welt ist; sie bleibt dort fremd – und wird auch immer wieder durch das Attribut »sardisch« abge­setzt. In der tra­ditio­nellen Weltan­schau­ung Sardi­niens verrät einer, der seine Heimat verlässt, seine Wurzeln und gefähr­det die Integ­rität seiner Iden­tität. Scheitern, Unglück oder Krank­heit können daraus folgen. Mit ihrer Heim­reise auf die Insel kehrt der ursprüng­liche Erzählstil wieder.

Die junge Autorin, 1972 in Cabras an der Westküste Sardiniens geboren, wird zu Recht zu den begab­testen jungen Litera­tinnen gezählt, die hoff­nungs­voll die moderne sardische Literatur definieren und sich ihrer Wurzeln bewusst sind. Dieses Buch zu lesen ist genuss­voll und spannend (obwohl der Krimi-Plot als solcher durch­schau­bar ist). Wer aller­dings im Sardinien-Urlaub Erfahr­bares erwartet – Landschafts­beschrei­bungen, historische Ereignisse, konkrete Ortschaften – wird enttäuscht sein. Es geht vielmehr um sardi­sches Bewusst­sein und Handeln.

Ich danke Frau Elisabeth Gessler, der engagierten Buchhändlerin in der Libreria La Pergamena in Oristano, für diesen Tipp, und freue mich, dass das Buch nun auch auf Deutsch (bei Wagenbach) erscheint.

P.S.: Noch ein Tipp: Das italienische Hörbuch wird von Michela Murgia selbst gelesen (siehe Link).


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