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Rezension zu »Il cuore selvatico del ginepro« von Vanessa Roggeri

Il cuore selvatico del ginepro

von


Belletristik · Garzanti · · 216 S. · ISBN 9788811684619
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Sardinien

Die Hexe in der Nuraghe

Rezension vom 10.01.2014 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Severino schafft es einfach nicht, den Säugling zu erschlagen, wie es ihm Groß­vater Efisio aufgetragen hat. Im entscheidenden Moment wird er schwach und lässt den schweren Steinbrocken zu Boden sinken. Der eiskalte No­vem­ber­regen wird dem Leben seines Neugeborenen schon ein Ende machen.

Dabei hatte tzia Mercede, die Hebamme, die beiden Männer eindringlichst gemahnt: »Adesso fate quel che va fatto. E fatelo in fretta!« Und Efisio drängte Severino, seinen Sohn: »Non ci deve passare la notte, ... o siamo rovinati a vita!« Das Kindchen zu ersäufen wie ein Katzenjunges würde nicht genügen. Um seine Existenz für immer auszulöschen, sollte sein eigener Vater es totschlagen.

Severino Zara ist ein tüchtiger Mann. Sein Hof blüht und gedeiht. Das letzte Wort hat freilich immer noch der rüstige Großvater Efisio, stets mit der traditionellen schwarzen berritta-Mütze auf dem Kopf und sei­nem knorrigen Stock in der Hand. Im weiten Umkreis respektiert man die Familie. Mutter Assunta hat be­reits sechs Töchter geboren, und alle sind außerordentlich hübsch.

Nun haben die Wehen für ihr siebtes Kind eingesetzt, und ganz Baghintos ist starr vor Entsetzen: bloß kein Mädchen! Denn es ist die letzte Oktobernacht des Jahres 1880, und eine Siebtgeborene in der Nacht zu Allerseelen – da dräut Verderben. Doch weder flehentliche Gebete zu San Sisinnio noch Weihwasser noch ein Bildchen des Heiligen auf dem Bauch der Gebärenden können das Übel abwenden. Ein kräftiges Mäd­chen kommt zur Welt (»aveva nerbo di ginepro«), beginnt selbst zu atmen, hat schon alle Zähnchen, und an seinem Rückenende ist ein winziges Schwänzchen zu erkennen. Tzia Mercede fasst den Schick­sals­schlag zusammen: »Nata settimina la notte delle anime? Nata con la coda e tutti i denti? Certo che è una coga! È destino.«

Eine coga ist im sardischen Volksglauben eine Art Hexe, die sich nächtens ins Haus schleicht, um das Blut neugeborener Knaben auszusaugen. Sie kann aber auch jede Menge anderes Übel über die Menschen brin­gen: sie vom Weg abbringen, ihre Tiere verhexen, sie krank werden lassen. Da sie jede beliebige Form an­nehmen kann, ist eine coga schwer zu erkennen. Nur das Schwänzchen, das sie von Geburt an trägt, verrät sie. Wer sein Söhnchen vor dem Schlimmsten bewahren will, legt ein Schilfrohr und einen Ro­sen­kranz in die Wiege und einen umgedrehten Dreifuß darunter.

Tzia Mercede vertraut Assunta als Schutz ein Stückchen der Nabelschnur an, das sie in ein besticktes Lei­nentüchlein eingewickelt hat: »Questo lo dovete conservare, qualunque cosa accada. Se lo perdete o lo buttate non esistono altri rimedi contro quelle lì« (womit sas cogas gemeint sind). Und den beiden Haus­herren erteilt sie unmissverständliche Anweisungen, entschieden und rasch zu handeln ...

Doch weil Severino die grausame Tat nicht übers Herz bringt, überlebt das kleine Wesen. Lucia, die älteste Tochter, findet die Schwester, gibt ihr den Namen Ianetta und schließt sie in ihr Herz, obwohl auch sie gleich zu spüren bekommt, dass dies ein ungewöhnlicher Säugling ist: Ianetta beißt ihren Finger blutig, an­statt niedlich daran zu nuckeln.

Lucia versteckt das Baby, aber natürlich wird es schnell entdeckt. Da es für seine endgültige Beseitigung nun ohnehin zu spät ist, wird es letztlich auf dem Hof geduldet, wenn auch verhasst, verwünscht und im­mer wieder aus dem Haus gescheucht. So lernt das Kind schnell, sich seine eigene Nahrung und schützen­de Unterschlupfe zu suchen, bis es schließlich wie ein scheues wildes Tier in der Umgebung des (fiktiven) Dorfes Baghintos lebt und nur noch selten gesehen wird.

Über zweihundert Seiten erzählt uns die sardische Autorin Vanessa Roggeri in »Il cuore selvatico del gine­pro«, ihrem Debütroman, wie sich Ianetta nun tatsächlich zu einer coga entwickelt und Unheil über ihre Familie und das Dorf bringt. Was immer an Unglück geschieht, wird dem Wirken Ianettas zugeschrieben, die mit den Mächten der Natur verbündet scheint: Ein Dorfjunge wird von einem Bienenschwarm getötet; der junge Mansueto verfällt, als er ihr begegnet, fast dem Wahnsinn und flieht für immer aus Baghintos. Und auch an ihrer Familie übt sie offenkundig Rache: Sie lockt ihre jüngste Schwester Mariuccia in den Wald, wo sie sich ein tödliches Fieber zuzieht, und ihr Vater Severino erleidet einen Schlaganfall, der den vollständigen wirtschaftlichen Niedergang der Familie Zara zur Folge hat ...

Lucia – klug, kritisch und aufgeschlossen – ist und bleibt die Einzige, die ihre zehn Jahre jüngere Schwes­ter nicht von vornherein verabscheut und verurteilt. Zwar kann sie gegen die fest geschlossenen Reihen all derer, die Ianetta nichts als den Tod wünschen, nicht ankämpfen, doch insgeheim bleibt sie immer auf den Spuren der Schwester. Sie weiß, dass die coga nicht durch und durch böse ist: Denn der Junge hatte Ianetta vor seinem Tod übel gequält; als Mariuccia sich ganz allein verirrt hatte, geleitete Ianetta sie nach Hause; und sie rettete Lucia, ehe Mansueto ihr Gewalt antun konnte ...

Dies ist ein höchst gelungener, geradliniger Schauerroman traditioneller Bauart, dessen zentrales Element der alte sardische coga-Glaube ist, der uns aber nicht mit irrationalem Klimbim für dumm verkauft. Wäh­rend Lucia nur im Kleinen wirken kann, kämpft der Arzt und Verstandesmensch Giuseppe Spada enthu­siastisch gegen den dumpfen Aberglauben der Dörfler an, für deren Unglücksfälle er ihnen oft genug plau­sible na­tür­li­che Ursachen nennen kann – allein, sie wollen nichts davon hören; ihr Glaube beherrscht sie schließlich schon seit Urzeiten. So erzählt uns die Autorin von gruseligen Ereignissen, abscheulichen Taten und fins­ters­ten Ritualen, vollzogen in Bauernhöfen, auf dem Friedhof oder hoch oben über Baghintos in dem ur­alten Nuraghen-Turm, in dem Ianetta als »un'ombra tra le ombre« haust, und lässt doch sehr lange in der Schwebe, ob wir den Zauber ernst nehmen sollen oder wie dottor Spada als Humbug abtun dürfen. Wie auch immer: Die meisten Figuren sorgen dank ihrer Lebensnähe für wohltuende Bodenhaftung, eben­so wie Vanessa Roggeris wunderbar anschaulicher, realistischer Erzählstil und die Einflechtung vieler Details sar­discher Folklore: Kleidung, jahreszeitliche Bräuche, ein Blutwurst-Rezept, die eindrucksvolle Show der attitadoras, der professionellen Klageweiber, deren »pianto ... entrava nella testa come uno sti­letto« ...

Wie es sich gehört, entfaltet sich in all der Kümmernis natürlich auch eine Liebesgeschichte voller Rivali­täten, Intrigen und einer hinnehmbaren Portion Kitsch. Zum Ausgleich lockern einige (wenige) ironische Töne und komische Elemente die Geschichte auf. Für die tapfere Rosaria etwa könnte sich die grauenerre­gende coga in ihrer krähenumflatterten Turmruine als Wohltäterin erweisen, wenn sie sie nur überreden könnte, die wesentlichen Teile ihres ewig untreuen Ehemannes zu verhexen ...

Ein kurzweiliger, spannender, gut rhythmisierter und gepflegt formulierter Schmöker mit dem richtigen Lokalkolorit für Ihren Sardinienurlaub!


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