Rezension zu »La mia maledizione« von Alessandro de Roma

La mia maledizione

von


Belletristik · Einaudi · · 161 S. · ISBN 9788806217778
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Sardinien

Mein Freund, mein Feind

Rezension vom 26.04.2014 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Alles scheint vorgezeichnet im Leben des Emilio Corona und seines jüngeren Bruders Carlo. Ihr papà, ein erfolgreicher Macher, hat die Baufirma seines Vaters übernommen und ver­grö­ßert – in Oristano, an der Küste, in Nuoro –, und die beiden sollen das Imperium erweitern und fes­ti­gen. Weit vor­aus­schauend, hat er für seine Söhne ganze Hügel am Meer erworben, deren Bebauung einmal ihren Wohlstand zementieren wird.

Carlo fügt sich reibungslos in dieses Programm; er ist ein heiteres, gefälliges, unproblematisches Kind der Zeit (die Neunziger Jahre), frühreif, sorglos, wagemutig.

Emilio, der Ich-Erzähler, ist sensibler, verletzlicher, schwerer von Gemüt – und kritischer. Die teuer ver­kauf­ten Serienhäuschen und palazzi (»vomitato sopra le colline ... gettati a sfregio da mio padre«) nennt er ver­ächtlich »case per conigli«. Und dennoch wäre wohl auch Emilio einen glat­ten Weg gegangen, wenn papà nicht im Frühjahr 1991 die ganze Familie aus Oristano nach Nuoro, sei­ner Hei­mat­stadt, verfrachtet hätte. Dort ereilt den Fünfzehnjährigen sein Schicksal, das ihn – ungeachtet des spä­te­ren ge­sell­schaft­li­chen Er­folgs – innerlich zum Sonderling mit misanthropischen, egozentrischen und sa­dis­ti­schen Tendenzen macht. Aus der Rückschau vollzieht der Mittdreißiger den schmerzlichen Pro­zess mi­nu­ti­ös nach und spielt dabei virtuos auf der Klaviatur psychologischer Analyse (seiner eigenen Per­sön­lich­keit wie der der anderen) und sprachlicher Präsentation (faktisch wie poesievoll: »bevevo quelle parole come un soldato in trincea beve le lettere dell’amata«).

In Nuoro, dessen Provinzialität zu dokumentieren Emilio nicht müde wird (»la città in cui tutti parlavano in sardo e non italiano, vestivano di orbace e dormivano con le pecore, se non se le scopavano perfino«), setzt die professoressa den Neuen neben Pasquale Cosseddu, den übergewichtigen Sitzenbleiber, den jeder nur »La Fogna« nennt. Der schreckliche Spitzname (»Abwasserkanal«) trägt den Ausdünstungen Rechnung, die sein stets zu warm be­kleideter Körper bis hinab zu den Füßen aussendet.

Emilio fügt sich widerstandslos der Sitzordnung und in die daraus resultierende Ausgrenzung: Bald haben seine Altersgenossen den »figlio dell'ingegner Corona«, als der er in Oristano bekannt und beliebt war und in Nuoro respektiert wird, als »l'amico della Fogna« aufs Abstellgleis geschoben.

Emilio stellt fest, dass sein Banknachbar so einsinnig verachtenswert nicht ist. Cosseddu riecht streng, aber er ist sanftmütig, aufgeschlossen, hilfsbereit, genügsam, fleißig und ordentlich. Er ist ein scharfer Be­ob­ach­ter und ein Poet. Es ist vor allem seine ärmliche Herkunft, die ihm Grenzen setzt. Der Vater hatte ein paar Jahre zuvor alle kärglichen Ersparnisse in eine winzige Wohnung in einem Billigblock der Firma Corona ge­steckt, starb dann unerwartet. Die beiden Hinterbliebenen sparen eisern und mühen sich redlich, doch wie die Mutter ihre Zahlungsverpflichtungen, so kann der Sohn die Anforderungen des liceo classico kaum erfüllen.

Gemeinsame Vorlieben (»camminare nel bosco senza parlare, e raccogliere rami dalle forme bizzarre op­pu­re buttarci tra le foglie a odorare la terra, questa era una cosa che piaceva a entrambi, e che solo con lui potevo fare senza vergogna«) lassen Freundschaft möglich erscheinen. Doch während Cosseddu kein Hehl aus sei­ner Bewunderung für Emilio macht und Zukunftsprojekte gemeinsamer Abgeschiedenheit von der schnö­den Welt ausheckt, entwickelt Emilio höchst widersprüchliche Gefühle.

Hin und her gerissen zwischen Verachtung des unästhetischen underdogs, Zuneigung zu seinem Wesen und dem eitlen Bedürfnis nach Bestätigung seiner Überlegenheit (»a certi fortunati, torna comodo che ci siano i poveri nel mondo ... anche per ottenere un grande piacere spirituale dal semplice fatto di esser con­siderati esseri umani di un gradino superiore rispetto agli altri.«) genießt auch Emilio die zweisamen Aus­flüge, spricht auch er von »amicizia«. Andererseits unterdrückt er jegliche aufkeimende Freundschafts­emp­fin­dung, die ihn in den Augen anderer und vor sich selbst erniedrigen würde. Als sich in ihm bösartige Nei­gun­gen aufbauen, weiß er sie subtil zu erläutern und zu rechtfertigen und lässt ihnen ungebremst ihren Lauf. So ist er zu Cosseddu niemals offen; erst lobt und bestärkt er ihn, dann verflucht er ihn innerlich; er macht ihm Versprechungen, die er im gleichen Augenblick niemals einzulösen beschließt.

Emilio richtet sich ein in seiner Hassliebe, und aus Geringschätzung erwächst Hybris: Er betrachtet Cos­sed­du als Sklaven, auf Gedeih und Verderb ihm ausgeliefert (»avrei potuto [...] fare tutto il male che potevo a Cosseddu e tradirlo fin nelle ossa perché semplicemente avevo voglia di trasformarlo in una co­succia che non vale niente«). Gleichzeitig versteht er, dass Cosseddu ihn beherrscht, indem er ihn zum Zentrum sei­nes Denkens (»il drago che mi separava dalla felicità«), ja zu seinem Lebenssinn werden lässt. Der Schul­un­ter­richt über Hegels »dialettica servo-pa­dro­ne« liefert Emilio den philosophischen Überbau für diese Erkenntnis. Schon früh­zeitig ahnt Emilio, dass »la Fogna sarebbe stata mia per sempre.«

In dieser Gespaltenheit entwickelt sich beider Leben. Wiederholt beschließt Emilio, dass er Cosseddu ein für allemal aus seinem Leben verbannen muss – um im nächsten Augenblick wieder Kontakt mit ihm auf­zunehmen. Loslösungen scheinen möglich, als die Familie Corona nach Oristano zurückkehrt, als Emilio zum Studium nach Cagliari zieht, als er heiratet, als er mit seinem ungleichen Bruder die Baufirma führt. Aber er konterkariert seinen Willen durch immer neue – absichtlich herbeigeführte – Verstrickungen, die auch seine Familie und Cosseddus Mutter einbeziehen.

Wie der Autor dieses eigenwillige psychologische Szenario entwickelt, ist staunenswert. So ungewöhnlich Emilios Gedanken, Empfindungen und Handlungen auch sein mögen (»uno come gli altri« will er oft sein – und gefällt sich dann in seiner Außenseiterrolle; Mädchen nähern sich ihm an, doch er ist unfähig, eine normale Bindung aufrechtzuerhalten; mit dem smarten kleinen Bruder lebt er eine ständige Rivalität), sie werden stimmig, nachvollziehbar und überzeugend ausgebreitet. Der präzise, sachliche Erzählton, die schonungslose Offenheit seiner Überlegungen (»... restituire a quella gente – io che potevo – tutta la dignità che la vita gli aveva negato. E invece rifiutai.« – »proprio perché il momento e tutta la giornata con Cosseddu erano stati così belli che sentivo l’assoluta urgenza di rovinare tutto« – »la maldicenza, che tanto disprezzo negli altri, si impossessa con tutte le forze di me, non lasciandomi, dentro l’animo, neppure un angolo ancora puro e pacificato«) nimmt den Leser für Emilios Sicht gefangen, ohne dass er uns je näher käme (Cosseddu ist sympathischer); man denkt – auch stilistisch – an die ›klassische‹ Adoleszenzliteratur (Tonio Kröger, Törless, Unterm Rad, Demian ...), lässt sich ein und wartet gespannt ab, wohin das alles führen mag: Besinnung? Bestrafung? Erlösung? Zerstörung?

Die Handlung entwickelt sich mit ihren Protagonisten auf zahlreichen gesellschaftlichen und menschlichen Spannungsfeldern: Stadt und Land – unberührte Natur und Bauboom – Arm und Reich – Abstieg und Auf­stieg – Macht und Ohnmacht – Demut und Anmaßung. Platt geht es dabei nie zu; de Roma verfällt in keine Klischees und präsentiert keine Lösungen.

Dass sein Buch letztlich nicht so befriedigen kann wie seine fernen Verwandten ein Jahrhundert zuvor, liegt weder am psychologischen Konzept noch an unzureichendem literarischen Talent, sondern am feh­lenden Maß. Wie der Titel suggeriert, bleibt die Stimmung freudlos, bedrückend und aussichtslos, die Hand­lungs­struk­tur spiralförmig mit minimalem Steigungswinkel. Je länger Emilio sich quält, desto sehn­süch­ti­ger er­war­tet man eine wie auch immer geartete Wendung, doch die bleibt aus. Der Ausgang, mehrfach ominös avi­siert, naht konse­quent: »Senza di me e le mie false promesse, Cosseddu ... avrebbe trovato ... il modo di crescere dritto, evitando di piegarsi al sentimento; giacché, fin da bambino, aveva capito di essere nato per soffrire. Mentre io gli ho dato la legna e il fiammifero, e sono scappato via quando ho visto che ac­cen­de­va un fuoco.«

Zum Abschluss eine Randnotiz: Für uns Touristen ist reizvoll, wie Insider Emilio die Schauplätze charak­te­ri­siert (Oristano, Nuoro, Cagliari, Olbia und ihre Umgebung, dazu einige Westküstenregionen): Er erfasst ihre Eigenschaften ohne jegliche »retorica della nostalgia sulla Sardegna autentica«.


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