Das letzte Duell
Die ersten beiden Sätze stecken das Koordinatensystem einer Existenz ab: "Seine Mutter war vom Jäger erlegt worden. In seinen kitzjungen Nüstern hatte sich der Geruch von Mensch und Schießpulver unauslöschlich festgesetzt." Er, das ist ein junger Gamsbock. Der Mensch ist sein ärgster und stärkster Feind. Der gemeinsame Lebensort ist ein karstiges Hochgebirge, namenlos wie die tierischen und menschlichen Protagonisten, nicht näher verortet, denn erstens ist dies natürlich des Gamsbocks gesamte Welt, über deren Jenseits er nichts weiß, und zweitens geht es ums Existentielle. Das Gebirge, das Dorf, der Mann sind Topoi in dieser Parabel. Aber keine Sorge: Dies ist keine Theorie, sondern ein erstklassiger Lesegenuss.
Der Autor beschreibt uns das Leben der Tiere - insbesondere das der Gämsen - im ewigen Jahresrhythmus, parallel und verwoben damit das der Menschen.
Im November fordern die stärksten Junggamsböcke die erwachsenen Anführer heraus, um ihnen die Vorherrschaft über das Rudel abzunehmen. Seit zwanzig Jahren allerdings herrscht unangefochten ein außergewöhnlich gewaltiges Tier, der König der Gämsen. Sein Rudel immer im Blick, erscheint er nur zu den Brunftzeiten, zieht sich dann in die Einsamkeit zurück.
Tödliche Gefahr droht den geschickten Kletterern der Bergwelt einzig von den Adlern (die freilich nur in den Lüften königlich, am Boden aber "Truthähne" sind) und dem menschlichen "Mördertier". Der Wilderer hat in all den Jahren schon mehr als dreihundert Tiere erlegt, darunter auch Mutter und Schwester des Gämsenkönigs. Der aber ist mit seinen überlebensstarken Sinnen und Instinkten seinem vernunftbegabten Gegner überlegen, ja er täuscht ihn, indem er Steine den Berg hinunterkegelt, seine Aufmerksamkeit ablenkt. Denn so leicht wird er ihm seinen Gamsbart, die begehrte Trophäe, nicht überlassen.
Der Wilderer, der lieber auf seiner Mundharmonika spielt, als sich mit Worten mitzuteilen, und der der zivilisierten Gemeinschaft in eine karge steinerne Schutzhütte entflieht, hat sich trotz seines blutigen Handwerks Nachdenklichkeit und Empfindsamkeit bewahrt. Früher hatte er auch Steinböcke gejagt, Tiere mit einem besonderen, fürsorglichen Charakter. Eines Nebeltages erschießt er ein Muttertier, neben ihm sein Kitz. Das getötete Tier fällt in die Schlucht, das Kitz springt instinktiv hinterher. Nie wird der Jäger den Blick in die Augen des Tierjungen vergessen können. Obwohl er sich von den brutalen Fischräubern, die die Gewässer auf Jahre hinaus leer sprengen, distanziert, weiß er doch, dass er bloß ein gemeiner "Gelegenheitsdieb" ist, und er fragt sich, ob es einen über alles herrschenden höchsten Gebieter gebe, auf dessen Waagschale auch er einmal zu liegen kommen wird.
De Lucas Erzählung kulminiert schließlich in einem dramatischen Showdown zwischen den beiden Helden. Während der Bock mit einem großen Satz über den im Hinterhalt liegenden Jäger hinwegspringt, durchbohrt gleich danach dessen Kugel sein Herz. "Das Tier hatte ihn verschont, er aber nicht das Tier. Nichts hatte er verstanden von der Gegenwart, die schon verloren war" (S. 68). Des Rudels Ehrbezeugungen für den toten König rühren erneut den gealterten Mann, und er weiß, dass er nie mehr ein Tier töten wird.
Die kleine Novelle ist nur 64 schmale Seiten lang, aber von höchster Intensität. In hohem, poetischem Stil ("Windkleid", S. 55, ",Er' ... der Mensch eine Silbe im Wörterbuch", S. 39) gestaltet der Autor vielschichtige Charaktere und die schicksalträchtigen Beziehungen zwischen ihnen. Dabei nimmt er die Tiere als Persönlichkeiten ernst wie Menschen, ohne sie aber in Hollywood-Manier als Pseudo-Menschen zu verkitschen.
Mann und Gämse sind aus demselben Holz geschnitzt: Beide sind ihren Artgenossen überlegen, beide sind bedachte Einzelgänger, die die anderen und ihr Treiben aus äußerer und innerer Distanz betrachten, beide beherrschen perfekt die Spielregeln ihrer Gemeinschaften, beide werden "König der Gämsen" genannt, beide sind Gejagte, beide sind am Ende geschwächt und ahnen das Ende ihrer Ära, Untergang und Tod.
Ihre individuellen Eigenarten treten deutlich hervor in den treffsicher skizzierten Vergleichen mit Bär, Adler, Spinne, Schmetterling, den Dorfbewohnern, den Frauen und ihrem Wesen, ihren Jagdmethoden, ihren Stärken, ihren Schwächen.
Nur eine kleine, aber bildkräftige Rolle spielt der titelgebende weiße Schmetterling. Er setzt sich sinnfällig auf das Horn des Bocks ebenso wie auf den Gewehrlauf des Mannes nieder, und am Ende ist er es, der "die Rechnung über die Last all dieser rauen Jahre" überbringt (S. 72). Denn vor dem höchsten Jäger erweist sich des Menschen Sieg im Bewusstsein seiner armseligen, niederträchtigen Diebsexistenz "zwillingsgleich" (S. 69) als seine Niederlage.
Das Büchlein (im Original "Il peso della farfalla") schließt mit einem Epilog (einer zweiten Geschichte mit ähnlichem Klang), einem aufschlussreichen Nachwort des Übersetzers und Peter Kammerers Laudatio zum Petrarca-Preis 2010 für Erri de Luca. Dessen Erzählungen "Ich bin da" (2004), "Das Licht der frühen Jahre" (2000) und "Der Tag vor dem Glück" (2010) haben in Italien Kultstatus.