Rezension zu »Teo« von Lorenza Gentile

Teo

von


Belletristik · dtv · · Gebunden · 200 S. · ISBN 9783423280518
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Italien

Die Schlacht ums Glücklichsein

Rezension vom 30.08.2015 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Teo ist biologisch acht, argumentiert mal wie ein Kind, mal wie ein Heran­wach­sen­der, und manch­mal äußert er tiefe Weis­hei­ten wie ein lebens­kluger Greis.

Der Junge lebt in einem gutbürgerlichen italienischen Haushalt. Die Eltern, viel­be­schäf­tigt, erfolg­reich in ihren Berufen, haben wenig Zeit für ihre beiden Kinder. Um den Jungen kümmert sich Susu, das Haus­mäd­chen. Sie holt Teo von der Schule ab, bringt ihn zu Bett und hört ihm zu, wenn er erzählt, was ihm so durch den Kopf geht, was er wieder ein­mal geträumt hat. Die ein paar Jahre ältere Schwes­ter Matilde, ihrer »Scheiß-Fa­mi­lie« längst über­drüs­sig, ist meist schon genervt, wenn ihr Brüder­chen nur ihr Zimmer betritt. Jetzt ist sie auf Klas­sen­fahrt, und so kann er in aller Ruhe ihren Com­puter nutzen, nicht nur eilig wie sonst, während sie duscht.

Teo spielt nicht etwa an dem Gerät, sondern nutzt das Inter­net, wo »alle Wahr­hei­ten der Welt« ver­sam­melt sind, um seine per­sön­liche Stra­te­gie aus­zu­ar­bei­ten. Sein Ziel: mit Napo­leon reden. Problem: Der Feld­herr ist schon länger tot. Teo-logi­sche Folge: Teo muss sterben, um ihn sprechen zu können. Seine drän­gendste Frage zurzeit: Wie kann er sich am besten töten? Wiki­pedia bietet dem Knaben eine lange Liste übli­cher Sui­zid­me­tho­den, doch für einen Acht­jäh­ri­gen wie ihn eignet sich keine so recht. Dabei muss er sich be­eilen: »Es sind nicht mal fünfzig Stunden bis zu meinem Tod.«

Wie in aller Welt kommt ein Kind darauf, sich das Leben nehmen zu wollen, nur um aus­ge­rech­net Napo­leon zu be­geg­nen?

Teo leidet an der Realität seiner Familie, die nicht perfekt ist. Schon wenn früh am Morgen alle vier am Früh­stücks­tisch sitzen, geht das De­bat­tie­ren los. Die Eltern streiten sich, und eigentlich streiten sie immer. »Mal fängt Mama an, mal Papa [...] Und keiner der beiden gewinnt, denn gewin­nen bedeutet Frie­den schlie­ßen, und sie schlie­ßen nie­mals Frie­den.« Teo begreift, dass die meisten Kämpfe ver­loren wer­den: Matilde gelingt es nicht, Klas­sen­beste zu werden, Papa hat kein Glück mit seinen Autos, und Mama schafft es nicht, Papa davon zu über­zeu­gen, dass er zu viel arbeitet.

Nun droht die totale Nie­der­lage: Die Eltern wollen sich trennen. Weil sich Teo aber »eine Familie, die wenigs­tens ein biss­chen glück­lich ist«, wünscht, ist er bereit, im wahrs­ten Wort­sinn alles zu geben, um die Be­zie­hung der Eltern zu retten. Seine Be­mü­hun­gen um den fa­mi­liä­ren Frie­den fasst er als »Schlacht« auf, und des­halb, so glaubt er, sollte er sich Rat holen bei einem, der tat­säch­lich viele große Schlach­ten ge­won­nen hat, nämlich dem großen Gene­ral Napo­leon Bona­parte. Von dem hat er gerade in sei­nem Ge­burts­tags­ge­schenk gelesen, einem Comic­buch mit dem Titel »Napo­leons Aben­teuer«.

Mit dem Wunsch, diesen Helden auf­zu­suchen, er­öff­net sich frei­lich eine ganze Kette von Fragen, die sich die Men­schen schon län­ger stel­len. Wo zum Bei­spiel befindet sich der tote Korse jetzt? Wo sind »Him­mel« und »Hölle«? Selbst in höchs­ten Höhen fan­den Astro­nau­ten »keine Spur von Para­dies. Es war ganz dun­kel«.

Derlei arglosen Überlegungen fol­gend, taucht die sehr junge italie­ni­sche Auto­rin Lo­ren­za Gen­tile mit dem Pro­ta­go­nis­ten und Ich-Er­zäh­ler ihres Erst­lings­werks leicht und zwang­los in die Welt gro­ßer philo­so­phi­scher Themen ein. Was ist das »Jen­seits«? Wer ist »Gott«, und was kann man tun, um ihm zu »ge­fal­len«? Wie schafft man es, in Petrus' Liste auf­ge­nom­men zu wer­den, der am »Ein­gang vor dem gol­de­nen Tor« zum Pa­ra­dies nur die Guten rein­lässt? Ist man »gut«, wenn man, so wie die Leh­re­rin es an­ge­ord­net hat, den an­de­ren nicht ab­schrei­ben lässt, oder »böse, weil man sei­nen Freun­den nicht half«?

Antworten bekommt Teo durchaus, aber sie wollen sich nicht zu einem ge­schlos­se­nen Bild fügen. Matilde konnte er einmal auf Um­we­gen in ein Gespräch über Him­mel, Hölle und Para­dies ver­wickeln. »Das hängt von der Reli­gion ab«, er­läuter­te sie ihm. Die Katho­li­ken müssen die zehn Gebote be­fol­gen, die Buddhis­ten glauben an Re­in­kar­na­tion, die A­theis­ten an »gar nichts ..., null, ab­so­lu­te Leere«. Mama, die man wie Ma­tilde immer zur Unzeit erwischt, tut wie fast alle Er­wach­se­nen so, als ob sie Ahnung hätte: Ja, die Bibel habe sie »als Mäd­chen [...] vor vielen Jahren gelesen«. Mit an­de­ren Worten: »Nein«, sie kennt die Bibel nicht. In der Schule protzt Giulia, die »doofe Stre­be­rin«, mit lauter un­nüt­zem Zeug, und für Xian-wei, den selt­sa­men Neuen aus China, ist die ganze Welt ein Zah­len­sys­tem.

So findet Teo nicht einmal eine eindeutige Antwort auf die (ver­meint­lich) ein­fachs­te Frage, wo Napo­leon hin­ge­kom­men ist. Hat er sich wo­mög­lich ver­wan­delt und ist jetzt »eine Mohn­blume oder ein Stein«?

Dreizehn Tage lang begleiten wir Teo auf seiner Reise durch phi­lo­so­phi­sche Untiefen. Seine rea­lis­ti­sche Denk­weise verhindert, dass er ins Schlingern gerät oder gar kentert. Er erfährt, dass Napo­leon auf St. Helena be­gra­ben liegt – »eine wun­der­schöne Insel, er machte Ferien dort«. Nach den vielen ge­won­ne­nen Schlach­ten »hat er schließ­lich das Recht, sich ein biss­chen aus­zu­ru­hen«. Dort will Teo hin­flie­gen, und die Schlacht, um sei­ne Eltern zu retten, kann in die ent­schei­den­de, letzte Phase ein­tre­ten. In sei­nen Ranzen packt er die wich­tigs­ten Dinge fürs »Jenseits«, die Zahn­bürste, Papier und Stift für »Drei gewinnt« und »ein Foto von uns allen in Porto Ercole, als meine Eltern sich noch nicht ge­strit­ten haben«. Auch in der letz­ten Frage hat er sich in­zwi­schen ent­schie­den: »Ich habe be­schlos­sen, auf die Schie­nen zu springen, wenn die U-Bahn kommt.«

Leider ist der kleine Protagonist Teo mit seinem großen Projekt eine arg kon­stru­ier­te Kunst­figur. Die schwer ver­ein­baren Dis­kre­pan­zen in seinem Wesen sind das Kern­pro­blem des gesamten Roman­kon­zepts. Einer­seits ist Teo noch kind­lich und naiv, wünscht sich zum Ge­burts­tag nichts sehn­licher als einen Slimey, an­derer­seits sieht er sich im Fern­sehen am liebs­ten Doku­men­tar­filme von Na­tio­nal Geo­graphic an und stellt, wenn er eine wich­tige Frage klären will, die wider­strei­ten­den Argu­mente rou­tine­mäßig in T-charts zu­sam­men. Dass er bei seiner er­staun­lichen Bil­dung noch immer keinen Begriff von den Im­pli­ka­tio­nen eines Suizids mit­be­kom­men hat und diesen quasi wie eine Fe­rien­reise or­ga­ni­siert, will mir ebenso wenig ein­leuch­ten wie die Grund­idee, dass ein un­glück­li­cher Acht­jähriger, um seine Familie zu­sam­men­zu­hal­ten, auf die ab­son­der­liche Idee ver­fal­len könn­te, einen his­to­ri­schen Feld­herrn aufzusuchen.

Kinder können weder perfekt sein noch bereits ein ausgeglichenes Wesen haben, und ja, ihre Gedanken und Fantasien gehen oft die seltsamsten Wege. Wer mit diesem Wissen über die prinzipielle Artifizialität des Erzählten hinwegsehen kann, für den ist Lorenza Gentiles Roman »Teo« Lorenza Gentile: »Teo« bei Amazon (den Annette Kopetzki über­setzt hat) eine leicht­füßige, geistig an­regen­de Lek­türe über einen liebens­wer­ten, klugen, sen­sib­len und recht ein­samen Jungen auf der Suche nach den Ge­heim­nis­sen des Glück­lich­seins.


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