Rezension zu »Meine erste Lüge« von Marina Mander

Meine erste Lüge

von


Belletristik · Piper · · Gebunden · 192 S. · ISBN 9783492055437
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Italien

Frühes Leid

Rezension vom 24.10.2013 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Wenn Luca mit seinen knapp zehn Jahren über sich, sein Leben und das um ihn herum nachsinnt, wird ihm klar, dass die Welt der Erwachsenen mit seiner kaum kompatibel ist – diese Menschen sind Lichtjahre ent­fernt von ihm. Was er wahrnimmt, wie er emp­fin­det, das können sie »nicht wissen, weil ihr seid groß.« Mit seiner Mama ist es nicht anders als den anderen Erwachsenen, »dass sie überhaupt nicht mehr weiß, wie es in meinem Alter geht.«

Luca ist feinfühlig und intelligent. Er hat keine Schwierigkeiten, sich den Gegebenheiten anzupassen und so zu verhalten, wie es sein Umfeld, speziell Mama, von ihm erwartet. »Ich habe gelernt, dass die Kleinig­keiten mehr sagen als die Dinge selbst, und wenn du auf die Kleinigkeiten achtgibst, kannst du die Erwach­senen überzeugen, dass alles in Ordnung ist.«

Luca lebt allein mit seiner psychisch fragilen Mama, die an allem leidet, was auf –gie endet: »Psychologie, Neuralgie, Nostalgie, Strategie, Allergie«. Am schlimmsten ist es, wenn Mama weint. Oft würde auch Luca mal so richtig losheulen, wenn ihm danach ist. Doch er muss sich zusammenreißen. »Bei mir geht das nicht, denn Mama ist so traurig, dass ich nicht trauriger als sie sein kann. Sonst ertrinken wir noch.« Meis­tens liebt er seine Mama, doch manchmal überfällt ihn auch Wut: »Mama ist eine blöde Ziege«, und über­haupt alle Erwachsenen – »Ich hasse sie.«

Einen Papa, der sie »wie so ein Feuerwehrmann« retten könnte, haben sie nicht. Ob Papa gestorben ist oder ob er sich gerade irgendwo ein schönes Leben macht, weiß Luca nicht. Er kann am Status Quo so­wie­so nichts ändern, also fügt er sich ganz pragmatisch der »offiziellen Version«, »dass Papa sich in Luft aufge­löst hat« und er somit Halbwaise ist.

Lucas Alltag verläuft trister als der seiner Klassenkameraden. Während er sich nach der Schule, weil der Aufzug mal wieder nicht funktioniert, die vielen Stufen bis zu seinem Zuhause im siebten Stockwerk hin­aufschleppen muss, weiß er schon, was ihn erwartet. Mama geht es nicht gut, sie wird ihm die Tür nicht öffnen, sie wird im Bett liegen. Trotzdem hofft er immer wieder aufs Neue, dass es diesmal anders sein könnte. Wenn schon Gott nicht hilft, vielleicht kann er die Treppenstufen beschwören? Er zählt sie, berührt die mit einer geraden Zahl nur mit dem rechten Fuß, überspringt manche, und wenn alles passt, ja, dann wird sie die Tür öffnen, gekocht haben und ihn womöglich sogar fragen, wie sein Tag war …

Kann man sich vorstellen, dass diesem einfühlsamen, rücksichtsvollen kleinen Burschen noch mehr Leid zugemutet werden kann? Eines Tages findet Luca seine geliebte Mama tot im Bett. Was das heißt, kann der Junge gar nicht erfassen. Wahrscheinlich schläft sie, denkt er und schüttelt sie. Sicher friert sie, über­legt er und deckt sie zu. Er weiß ja, dass sie oft Medikamente nimmt und dann in tiefen Schlaf wegdäm­mert. Dann aber kommen ihm Zweifel, und er ahnt, dass etwas Grausames, Unwiderrufliches geschehen ist, von dem niemand erfahren darf, denn es hätte für ihn furchtbare Konsequenzen. Wenn er Vollwaise ist, wird man ihn in ein Waisenhaus bringen. Viel weiß er nicht vom Leben in einem solchen Heim, aber sei­nen Kater Blu wird er bestimmt nicht mitnehmen dürfen.

Also muss er »so tun, als wäre nichts«. Seine Freunde wimmelt er ab, Nachbarn und Lehrern gegenüber findet er passable Ausreden, auch Mamas Freundin vertröstet er am Telefon. Dabei kommt es sogar zu Szenen makabrer Komik, etwa wenn Luca beim Einkauf im Supermarkt eine Packung Binden für Mama und Rasierklingen für den angeblichen Papa in den Einkaufswagen wirft. Eine gute Woche lang kann er diesen Zustand vermeintlicher Normalität aufrechterhalten. Dann läutet schrill die Klingel, und Luca öffnet die Tür …

Die Autorin Marina Mander entwickelt eine dramatische und ergreifende Handlung und vermittelt sie aus­schließlich aus der Perspektive ihres Protagonisten. Leider rüstet sie ihren Ich-Erzähler mit einer Sprach- und Denkkapazität aus, die seinem Alter wohl kaum gemäß ist und für Verwunderung sorgt (»Es ist nur eine Frage der Wortwahl. Worte können manchmal auch Ideen und Standpunkte verändern. Um erwachsen zu sein, genügt es, erwachsene Worte zu benutzen, verdammte Scheiße.«). Wer so räsonnieren kann wie dieser Junge, wer sich wie er an den Tod des Opas erinnert, wer Jesu Auferstehung anzweifelt, dem kann doch die Unwiderruflichkeit des Lebensendes und die Verwesung unserer sterblichen Hülle nicht ganz so unerfassbar sein, wie es bei Luca scheint. (Dass überdurchschnittlich reifes kindliches Problembewusstsein auch konsistent – einschließlich authentisch einfacher Sprache – vermittelt werden kann, wissen wir aus vielen anderen coming-of-age-Romanen, etwa von Niccolò Ammaniti.)

Von diesem grundsätzlichen Bruch abgesehen, ist Lucas außerordentliche Lage glaubhaft und über­zeu­gend gestaltet. In seinen Selbstgesprächen ist er ganz in sich selbst versunken und auf sich angewiesen. Er hat niemanden, dem er sich anvertrauen kann, und niemanden, der ihm auf die vielen Fragen, die sich ihm stellen, Antworten liefern könnte. Durch Beobachten und Nachdenken muss er sich selbst welche zu­sam­men­rei­men. Manchmal rührt er an geradezu existentielle Rätsel (»Klein, aber einsam, ist das so wie groß, aber einsam?«), aber dann beschäftigen ihn wieder die Sorgen des Alltags: Wie soll er Wäsche waschen, wo er die Maschine noch nie benutzt hat? Wie lautet die Geheim­nummer der EC-Karte? Er muss sich ja nun um alles kümmern, einkaufen gehen, den Kater füttern …

Die Nachmittage in der Wohnung erscheinen unerträglich, drohen ihn zu zerbrechen: »Wenn zu viel Stille ist, ist Stille lauter als Lärm.« Er sieht fern, schaut dann nach Mama, kämmt ihr zerzaustes Haar, stellt ihr einen Apfel hin, traut sich später gar nicht mehr in ihr Zimmer, wohl wissend, was ihn dort erwartet, und immer wieder kommen Zweifel auf.

Wir spüren Lucas Not, seine Einsamkeit und seine große Sehnsucht nach Liebe und Schutz. Besonders schmerzlich wird es, wenn er nach Ursachen fragt und, weil es keine gibt außer der Ungerechtigkeit dieser Welt und des Schicksals, schließlich ›Schuld‹ bei sich selber sucht, Zweifel an sich selber hegt. »Warum funktioniert es bei mir nicht? … Ich war doch gar nicht so ungezogen … Nicht einmal Mutter hat sich die Mühe gegeben, für mich zu leben. Warum?«

Marina Manders Erstlingsroman »Meine erste Lüge« (»La prima vera bugia« Marina Mander: »La prima vera bugia« bei Amazon kaufen 
(öffnet neuen Browser-Tab), übersetzt von Ulrich Hartmann) zeigt ein ungewöhnliches Kind in einer von vornherein prekären Situation, die sich dramatisch verschärft und den Jungen in verfrühte Eigen­ver­ant­wort­lich­keit und Isolierung treibt. Dass er der extremen emotionalen Belastung standhalten kann, verdankt er seiner Intelligenz und Reife, und gleichzeitig schützt ihn die gewisse Naivität, die die Autorin ihm belassen hat.


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