Rezension zu »Correva l'anno del nostro amore« von Caterina Bonvicini

Correva l'anno del nostro amore

von


Belletristik · Garzanti · · 230 S. · ISBN 9788811682639
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Italien

Männer und Frauen im Betonzeitalter

Rezension vom 05.02.2014 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Was wie ein Liebesroman daherkommt, ist vielmehr eine Gesellschaftsstudie, ein Familienporträt der Ber­lusconi-Ära. Caterina Bonvicini erzählt von Aufstieg, Blütezeit und Krisen von Unternehmer-Clans, die Imperien schufen und ganze Land­schaften machtvoll umzukrempeln vermochten. Die Handlung setzt um 1980 mit der Kindergartenzeit der beiden Protagonisten ein und endet nach drei Zwischenlandungen (1993-1994, 2001, 2005-2009) Ende September 2013. Ende November verlor Ber­lus­coni Parlamentsman­dat und Immunität, im Januar 2014 lag das Buch schon in den Buchhandlungen. Respekt!

Als Gianni Morganti, Jahrgang 1918, gleich nach dem Krieg die schönste Frau Bolognas heiratet, haben sie weder ein Dach über dem Kopf noch Geld, um zu feiern. Aber sie haben Ziele vor Augen. Das Land muss aufgebaut und modernisiert werden, bald feiern italienische Marken internationale Erfolge, die Wirt­schaft boomt. Auf dieser Welle reitend baut Gianni in drei Jahrzehnten mit Fleiß, Geschick, offenen Augen und guter Vernetzung ein riesiges Bauunternehmen von nationaler Relevanz auf. Er ist ein Beton-Fürst.

Manon, seine Frau, sorgt für eine kulturelle Blüte. Sie entführt Gianni in Museen, Theater und auf Kultur­reisen in die ganze Welt; »aveva educato suo marito alla bellezza«, und Schönheit ist die wahre Basis ihrer Ehe. Elegant, belesen und intellektuell geschärft hält »la regina della città« Hof in Bolognas prächtigster Villa. Als Kompensation für Giannis Frauengeschichten sammelt sie Avantgarde-Kunstwerke (»plastica bruciata«).

Manons größte Zuneigung gehört nicht ihren beiden Söhnen Edoardo (»Dado«) und Giulio – der eine schwul, der andere zu glatt –, sondern Giulios einzigem Kind, ihrer Enkelin Olivia. Der kleinen Prinzessin gesellt man, zu beider Vorteil, den gleichaltrigen Valerio zur Seite. Sein Vater Guido ist Gärtner und Fak­totum der Morganti, seine Mutter Sonia hilft im Haushalt und serviert bei Tisch. Vom Vater erbt der Sohn eine gewisse Langmut, die er ihm als Schwäche anrechnet (»non aveva carattere ... era incapace di opporsi, soprattutto a sua moglie«); von Sonia übernimmt er deren ausgeprägten Aufsteiger-Ehrgeiz.

Die Morganti lassen beiden Kindern unterschiedslos eine erstklassige Erziehung angedeihen: Umgangs­formen, Sprache, Kleidung und klassische Bildung. Kindermädchen und Leibwächter (»era l'epoca dei se­questri«) kümmern sich um beide. In Giannis Privatflugzeug ist Valerio ebenso dabei wie auf der Fami­lien­jacht und beim Skifahren in Cortina.

Olivia und Valerio teilen nicht nur dieselben Erfahrungen, sondern auch ihre Empfindungen und Geheim­nisse. So entwickelt sich intimste Vertrautheit, »il linguaggio del corpo«, »(una) base un po' animalesca, da cuccioli che si annusano« – das Fundament ihrer Liebe.

Der (verkaufsfördernde?) Titel suggeriert, dass womöglich eine Liebesschnulze zwischen Olivia und Vale­rio im Zentrum stehe. Ihre Beziehung verknüpft aber nur als roter Faden die fünf Phasen des Romans und er­laubt intime Einblicke in die Familien, die ihrerseits die Zustände in den Schichten der Gesellschaft spie­geln.

Ganz im Gegensatz zum leichten Pathos des Titels ist die Beziehung gänzlich unromantisch – vom ersten Kuss im Geräteschuppen (1980) bis zur letzten Seite. Wenn Ich-Erzähler Valerio von Olivia spricht, wir­ken seine Worte eigentümlich nüchtern und analytisch: »Olivia è la mia passione e la passione è un miste­ro, si sa.« Jahrelang begnügt er sich mit geduldigem Beobachten und Abwarten, während Olivia wie ein Schmet­ter­ling von einem Abenteuer ins nächste zu flattern scheint. Zweifellos suchen beide immer wieder den anderen, brauchen den Austausch, die Nähe des Körpers und des Geistes, auch um das eigene Gleich­gewicht (wieder) zu finden. Eine sachliche, emanzipierte Liebe im Geist der Zeit? Ein Produkt von Ma­nons Rationalismus? Ein Spiegel der Kommerzialisierung und Verflachung des Beton-Clans? Erst in den letzten Kapiteln, als die beiden bereits in ihren Vierzigern sind und die Verhältnisse sich grundlegend än­dern, gewinnt ihre Liebe an Tiefe.

Private Schlüsselszenen koppelt die Autorin an historische Ereignisse: Aus Furcht vor Terroristen melden die Morganti Olivia in einer Privatschule an – und Valerio (auf ihre Kosten) gleich mit, denn »sarebbe un peccato separarli«. Ein Bombenattentat führt Valerio wenig später vor Augen, dass er eben doch kein Fa­milienmitglied ist: Unter den Verletzten ist »la mia mamma«, für die Morganti aber »la moglie del giardi­niere«, »la cameriera«.

Sonias Ehrgeiz bringt sie immer stärker gegen Manons Regiment und den gutmütigen Guido auf. Seiner Wertschätzung der Morganti und ihrer Fürsorge für Valerio (»Lo trattano come un figlio.«) setzt sie Miss­trauen entgegen (»L'hanno ridotto a una dama di compagnia!«). Als sie den halbseidenen Max kennenlernt, bricht sie aus und zieht im September 1981 nach Rom.

Den sechsjährigen Valerio nimmt sie mit. In den Arbeiterbezirken (borgate) pfeift ein anderer Wind, wer­den andere Sprachen gesprochen und gelten andere Regeln. Der Junge weiß sich geschickt Respekt zu ver­schaffen, indem er sein bisheriges Leben vertuscht, aber die dort gelernten Fähigkeiten ausspielt. Die Un­terschichtviertel wird er als seine wahre Heimat mitnehmen. Auch wenn die Menschen dort einfach, unge­bildet und rau sind und ihren Lebensunterhalt oft am Rande der Legalität verdienen, scheinen ihm ihre Werte lebensnah und echt, die Beziehungen offen und zuverlässig. Ihm entgeht allerdings nicht, dass die Machenschaften ganz oben auch diese Schichten durchsetzt und untergraben haben: »Anche in via Cha­bre­ra si parlava di Calvi ... per una via tortuosa, quel signore aveva a che fare con il bar davanti a casa nostra.«

Mamma Sonia baut indes daran, dass ihr Sohn bald aus eigener Kraft aufsteigen kann. Sie spart für ihn, achtet auf seine Kleidung, schickt ihn auf gute Schulen und berät ihn auf seinem Weg. (Nun ist endlich sie eine »regina«.) Er bringt hervorragende Leistungen, und mit Hilfe der richtigen Kontakte stehen ihm schnell alle Türen offen ...

Aus nächster Nähe verfolgen wir die Geschicke zweier rivalisierender Bauunternehmer-Clans, der Mor­ganti und der Bernasconi. Geld spielt die geringste Rolle; die Millionen stehen einfach so zur Verfügung, ob für persönlichen Luxus oder Geschäftliches. Bonvicini erzählt vorwiegend Privates – von Parties, Kin­der­er­zie­hung, Ehe­alltag, Einrichtungen, Urlaub. Eher nebenbei und zwischen den Zeilen erfahren wir, wie die Kon­zern­chefs eiskalt treten, täuschen und manipulieren, um ihre Macht zu sichern und zu erweitern. Als ginge es um Kartenspielchen, werden grinsend ganze Landschaften umgewidmet, planiert und betoniert, die Wahrheit durch Euphemismen verschleiert, den Behörden mit falschen Versprechungen Ge­neh­mi­gun­gen abgeluchst, Zuschüsse abgegriffen, einfachen Leuten zu Tausenden minderwertige Wohnungen an­ge­dreht, deren Hypotheken sie dreißig Jahre lang abstottern müssen.

Die moralische Gleichgültigkeit, die abgebrühten Verhaltensweisen korrumpieren und entseelen auch den innersten privaten Bereich. Die familiäre Solidarität ist eine nur mit Mühe vor dem Einsturz zu bewahren­de Fassade. Wenngleich die politisch-wirtschaftlich-sozialen Bedingungen nur angedeutet werden, lässt Bon­vi­ci­nis klug angelegter Roman die Atmosphäre verstehen, in der eine Karriere wie die Silvio Berlusco­nis (wie­der­holt ironisch zitiert) ihren Lauf nehmen und toleriert werden konnte.


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