Volver
von Maurizio de Giovanni
Im Juli 1940 wird der Faschismus zu bedrohlich für Luigi Alfredo Ricciardi und die Seinen, so dass er sich mit ihnen aus seinem vertrauten und geliebten Neapel auf die Ländereien seiner Familie im Cilento zurückzieht. Eine Bluttat, die sich in seiner Kindheit auf dem Gut zugetragen hat und längst vergessen scheint, lässt ihn nicht ruhen, bis er alle Geheimnisse aufgedeckt hat – denn die damaligen Ereignisse berühren seine eigenen Wurzeln.
Rückkehr wohin?
»Volver« ist ein Ricciardi-Roman, aber nur eingeschränkt ein Kriminalroman. Sein Titelzusatz »Ritorno per il commissario Ricciardi« sagt bereits, worum es vor allem geht: um Rückkehr. Ricciardi verlässt Neapel und reist mit seiner sechsjährigen Tochter Marta nach Fortino, an den Ort seiner familiären Wurzeln im südlichen Cilento. Im Sommer 1940 ist die vertraute Stadt am Vesuv kein sicherer Raum mehr. Rassengesetze und Judenverfolgungen bedrohen seine jüdischen Schwiegereltern, und Italiens Kriegseintritt, von vielen als Schritt zur Wiedererweckung des »Impero Romano« fanatisch bejubelt, besorgt die Eltern heranwachsender Söhne und verschärft Mangelwirtschaft und Armut. Der Ortswechsel ist also Flucht, Schutzmaßnahme und Reise in die eigene Vergangenheit zugleich.
Wer einen konventionell gebauten Plot erwartet, merkt bald, dass de Giovanni diesmal andere Interessen verfolgt. Selbst die eigentliche Krimihandlung ist ungewöhnlich. Es gibt eine Erinnerungsspur aus Ricciardis Kindheit, einen fast vergessenen Mord auf dem weitläufigen Gut der Familie. Dem heimgekehrten barone lässt das Rätsel keinen Frieden, bis er es bis in die allerletzten Winkel gelöst hat, denn es führt ihn an den Ursprung seiner eigenen Geschichte zurück. Das ist für die Figur bedeutsam und für uns Leser atmosphärisch reizvoll (und erschütternd), aber der Fall steht nicht im Zentrum wie in einem klassischen Giallo.
Es ist offensichtlich, dass de Giovanni seinen neuesten Band – es ist der fünfzehnte der markanten und beliebten Reihe – besonders an Leser richtet, die Ricciardi und sein Umfeld bereits lange begleiten. Der Reiz liegt weniger darin, wer was und wie getan hat, sondern darin, vertraute Figuren in einer neuen, bedrohlicher gewordenen Lage wiederzusehen. Ricciardis Sorge um Marta, die Erinnerung an seine verstorbene Frau Enrica, die Gefahr für die Familie, die Lebenslinien seiner Gefährten dottor Modo und brigadiere Maione samt Familie, von Bambinella, Livia und anderen: Das alles funktioniert vor allem über Bindung. Wer diese Figuren kennt, nimmt gern Anteil an ihren Sorgen, Vorkehrungen und Hoffnungen. Wer neu einsteigt, dürfte manches nicht bis in die letzte Tiefe nachempfinden können.
Zu den stärksten Seiten des Romans gehört der Wechsel aus Neapel hinaus aufs Land. Der Cilento ist nicht nur Kulisse, sondern bringt einen anderen Ton in die Reihe. Fortino und Sapri wirken überschaubarer, langsamer, eigensinniger als die Stadt. In den Dörfern treten Menschen auf, die anders sprechen, anders schweigen und andere Formen von Nähe und Distanz kennen. De Giovanni verklärt diese Welt nicht; sie hat Härte, Enge, eigene Regeln und Armut. Aber sie besitzt eine sympathische Fremdheit, die dem Roman guttut. Gerade im Kontrast zu Neapel entsteht so ein zweiter Lebensraum, nicht bloß ein anderer Schauplatz.
Auch die politische Lage gibt dem Roman Gewicht. Faschismus und Krieg, Leid und Armut rücken näher an das private Leben heran, sind nicht mehr nur ferne Zeichen. De Giovanni erwähnt zudem italienische Aspekte wie Mussolinis Afrikapolitik, was dem historischen Hintergrund eine eigene Färbung gibt. Dennoch bleibt diese Ebene eher atmosphärisch. Die Politik liegt wie ein dunkler Druck über den Figuren, wird aber nicht so tief in Strukturen, Institutionen und Alltag hinein ausgearbeitet, wie man es etwa aus Volker Kutschers Gereon-Rath-Romanen kennt. De Giovanni erzählt keine politische Gesellschaftsanalyse, sondern einen melancholischen Figurenroman vor historischem Hintergrund. Das ist legitim, setzt aber Grenzen.
Schwieriger sind manche emotionale Passagen. De Giovanni kann Trauer, Sorge und Einsamkeit mit sicherem Ton darstellen. Gerade Ricciardis Verhältnis zu Marta gehört wie auch Nelides zu ihrem Baron zu den menschlich stärksten Motiven des Buches. Der Kommissar, der so lange als einzelgängerische, fast unberührbare Figur erschien, steht nun in einer radikal verletzlichen Rolle: als Vater, der schützen will und doch weiß, dass er nur begrenzt schützen kann. Solche Szenen haben Wärme und Gewicht. Zugleich schrammt der Roman hier immer wieder am Kitsch entlang. Wenn es um Marta (ein perfektes Kind), Enrica und die alte Trauer geht, wird die Innigkeit gelegentlich so ausdrücklich, dass uns des Guten zuviel überkommt und wir zu deutlich spüren, dass bewegt werden soll.
Ähnlich verhält es sich mit dem Motiv der Rückkehr. Die Grundidee ist stark: Ricciardi kehrt an den Ort zurück, an dem Kindheit, Verlust und seine besondere Nähe zum Tod miteinander verbunden sind. Der Mann, der die letzten Worte der Toten hört, muss sich noch einmal mit einem frühen Schrecken auseinandersetzen – dem Trauma, das ihn seither beherrscht und verhindert hat, dass er sich auf Nähe einlassen, sich familiär binden kann. Das hat erzählerische Kraft, führt es Ricciardi doch an seine Wurzeln, gibt dem Titel Sinn und schließt eine biografische Lücke. Der Roman interessiert sich mehr für das, was die Rückkehr in Ricciardi auslöst, als für Ermittlung, Beweis und Aufklärung. Da trägt die Symbolkraft des Jahrzehnte alten Kriminalfalls stärker als seine Rätselspannung.
»Volver« ist ein spanisches Verb und bedeutet »zurückkehren«. Nach »Soledad« [› Rezension] und »Caminito« ist »Volver« ein dritter Begriff aus der Welt des klassischen argentinischen Tangos, den de Giovanni als Romantitel setzt. Der Tango und die drei Themen Einsamkeit, Pfade (verbindende und trennende) und Rückkehr bestimmen darüber hinaus einen Nebenhandlungsstrang, der sich in etlichen kurzen Dialogszenen durch die gesamte »Tango-Trilogie« zieht: Die neapolitanische Sängerin Livia, die Ricciardi seit Langem in einseitiger, doch unverbrüchlicher Liebe verbunden ist, findet im argentinischen Exil einen künstlerischen Partner, Vertrauten und Schicksalsgefährten in demBandoneon-Spieler und Tango-Meister Diego. Was wie ein isolierter Fremdkörper ohne Zusammenhang mit dem dichten und vielfältigen Kosmos Neapels wirkt, ist eine subtile Gegenmelodie zu Ricciardis Geschichte. Beide Stränge teilen Motive wie Heimat und Flucht, Sicherheit und Ausgeliefertsein, Wagemut und Resignation, Vertrautheit und Fremdheit, Hoffnung und Reue, doch in unterschiedlicher Modulation.
Stilistisch zeigt »Volver« vieles, was de Giovannis Ricciardi-Romane ausmacht: melancholische Sätze, ein Gespür für Gesten, eine feine Musikalität, Figuren, die viel verschweigen und doch deutlich werden lassen, was sie bewegt. Die Atmosphäre ist dicht, besonders in den Szenen auf dem Land und in den Momenten, in denen die private Angst mit der historischen Lage zusammenfällt. Zugleich wirkt der Roman manchmal sehr geschlossen auf sein zentrales Motiv hin komponiert: Rückkehr, Verlust, Herkunft, Erinnerung. Das ist stimmig, aber etwas eng.
So bleibt »Volver« ein schöner, später Serienroman mit spürbaren Schwächen. Als Krimi ist er (trotz seiner emotionalen Relevanz) vergleichsweise dünn, als historische Zeichnung eher atmosphärisch als tiefenscharf, als Gefühlsroman gelegentlich zu süßlich. Aber als Rückkehr zu Ricciardi, seinen Vertrauten und seiner Herkunft hat das Buch eine eigene Kraft, wobei es vor allem diejenigen belohnt, die diese Figur lange begleitet haben. Sie lesen nicht weiter, weil der Fall so zwingend wäre, sondern weil sie wissen wollen, wie Ricciardi und die Menschen um ihn herum durch eine Welt kommen, die unsicherer, dunkler und gefährlicher geworden ist.
»Volver« fragt daher weniger, wer schuldig ist, als was es bedeutet, an den Anfang zurückzukehren. Dort wartet keine Erlösung, sondern eine weitere Form von Schmerz. In erster Linie ist dieser Roman ein melancholischer Nachtrag zu Ricciardis Lebensgeschichte.
· Herkunft: 