Rezension zu »Volver« von Maurizio de Giovanni

Volver

von


Im Juli 1940 wird der Faschismus zu bedrohlich für Luigi Alfredo Ricciardi und die Seinen, so dass er sich mit ihnen aus seinem vertrauten und geliebten Neapel auf die Ländereien seiner Familie im Cilento zurückzieht. Eine Bluttat, die sich in seiner Kindheit auf dem Gut zugetragen hat und längst vergessen scheint, lässt ihn nicht ruhen, bis er alle Geheimnisse aufgedeckt hat – denn die damaligen Ereignisse berühren seine eigenen Wurzeln.
Kriminalroman · Teil der Serie »Il Commissario Ricciardi« · Einaudi · · 264 S. · ISBN 9788806255206
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Kalabrien und Basilicata

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Rückkehr wohin?

Rezension vom 24.06.2026 · noch unbewertet · noch unkommentiert

»Volver« ist ein Ricciardi-Roman, aber nur einge­schränkt ein Kriminal­roman. Sein Titel­zusatz »Ritorno per il com­mis­sario Ricciardi« sagt bereits, worum es vor allem geht: um Rückkehr. Ricciardi verlässt Neapel und reist mit seiner sechs­jährigen Tochter Marta nach Fortino, an den Ort seiner fami­liären Wurzeln im südlichen Cilento. Im Sommer 1940 ist die vertraute Stadt am Vesuv kein sicherer Raum mehr. Rassen­gesetze und Juden­ver­fol­gun­gen bedrohen seine jüdischen Schwieger­eltern, und Italiens Kriegs­eintritt, von vielen als Schritt zur Wieder­erwe­ckung des »Impero Romano« fanatisch bejubelt, besorgt die Eltern heran­wach­sender Söhne und ver­schärft Mangel­wirt­schaft und Armut. Der Orts­wechsel ist also Flucht, Schutz­maß­nahme und Reise in die eigene Ver­gangen­heit zugleich.

Wer einen konventionell gebauten Plot erwartet, merkt bald, dass de Giovanni diesmal andere Inter­essen verfolgt. Selbst die eigent­liche Krimi­hand­lung ist unge­wöhnlich. Es gibt eine Er­inne­rungs­spur aus Ricciardis Kind­heit, einen fast verges­senen Mord auf dem weit­läufigen Gut der Familie. Dem heimge­kehrten barone lässt das Rätsel keinen Frieden, bis er es bis in die aller­letzten Winkel gelöst hat, denn es führt ihn an den Ursprung seiner eigenen Ge­schichte zurück. Das ist für die Figur bedeut­sam und für uns Leser atmos­phärisch reizvoll (und erschüt­ternd), aber der Fall steht nicht im Zentrum wie in einem klassi­schen Giallo.

Es ist offensichtlich, dass de Giovanni seinen neuesten Band – es ist der fünf­zehnte der mar­kanten und be­liebten Reihe – besonders an Leser richtet, die Ricciardi und sein Umfeld bereits lange begleiten. Der Reiz liegt weniger darin, wer was und wie getan hat, sondern darin, vertraute Figuren in einer neuen, bedroh­licher gewor­denen Lage wieder­zusehen. Ricciardis Sorge um Marta, die Erinne­rung an seine ver­stor­bene Frau Enrica, die Gefahr für die Familie, die Lebens­linien seiner Gefährten dottor Modo und briga­diere Maione samt Familie, von Bambi­nella, Livia und anderen: Das alles funk­tioniert vor allem über Bindung. Wer diese Figuren kennt, nimmt gern Anteil an ihren Sorgen, Vorkeh­rungen und Hoff­nungen. Wer neu einsteigt, dürfte manches nicht bis in die letzte Tiefe nach­empfin­den können.

Zu den stärksten Seiten des Romans gehört der Wechsel aus Neapel hinaus aufs Land. Der Cilento ist nicht nur Kulisse, sondern bringt einen anderen Ton in die Reihe. Fortino und Sapri wirken über­schau­barer, langsamer, eigen­sinniger als die Stadt. In den Dörfern treten Menschen auf, die anders sprechen, anders schweigen und andere Formen von Nähe und Distanz kennen. De Giovanni verklärt diese Welt nicht; sie hat Härte, Enge, eigene Regeln und Armut. Aber sie besitzt eine sympa­thische Fremdheit, die dem Roman guttut. Gerade im Kontrast zu Neapel entsteht so ein zweiter Lebens­raum, nicht bloß ein anderer Schau­platz.

Auch die politische Lage gibt dem Roman Gewicht. Faschis­mus und Krieg, Leid und Armut rücken näher an das private Leben heran, sind nicht mehr nur ferne Zeichen. De Giovanni erwähnt zudem italie­nische Aspekte wie Musso­linis Afrika­politik, was dem histo­rischen Hinter­grund eine eigene Färbung gibt. Dennoch bleibt diese Ebene eher atmos­phärisch. Die Politik liegt wie ein dunkler Druck über den Figuren, wird aber nicht so tief in Struk­turen, Institu­tionen und Alltag hinein ausge­arbeitet, wie man es etwa aus Volker Kutschers Gereon-Rath-Romanen kennt. De Giovanni erzählt keine poli­tische Gesell­schafts­analyse, sondern einen melan­choli­schen Figuren­roman vor histori­schem Hinter­grund. Das ist legitim, setzt aber Grenzen.

Schwieriger sind manche emotionale Passagen. De Giovanni kann Trauer, Sorge und Ein­sam­keit mit sicherem Ton dar­stellen. Gerade Ricciardis Ver­hält­nis zu Marta gehört wie auch Nelides zu ihrem Baron zu den mensch­lich stärksten Motiven des Buches. Der Kommissar, der so lange als einzel­gänge­rische, fast unbe­rühr­bare Figur erschien, steht nun in einer radikal verletz­lichen Rolle: als Vater, der schützen will und doch weiß, dass er nur begrenzt schützen kann. Solche Szenen haben Wärme und Gewicht. Zugleich schrammt der Roman hier immer wieder am Kitsch entlang. Wenn es um Marta (ein perfektes Kind), Enrica und die alte Trauer geht, wird die Innigkeit gele­gent­lich so aus­drück­lich, dass uns des Guten zuviel über­kommt und wir zu deutlich spüren, dass bewegt werden soll.

Ähnlich verhält es sich mit dem Motiv der Rückkehr. Die Grundidee ist stark: Ricciardi kehrt an den Ort zurück, an dem Kindheit, Verlust und seine besondere Nähe zum Tod mitein­ander verbunden sind. Der Mann, der die letzten Worte der Toten hört, muss sich noch einmal mit einem frühen Schrecken aus­ein­ander­setzen – dem Trauma, das ihn seither be­herrscht und ver­hin­dert hat, dass er sich auf Nähe einlassen, sich familiär binden kann. Das hat erzäh­lerische Kraft, führt es Ricciardi doch an seine Wurzeln, gibt dem Titel Sinn und schließt eine biogra­fische Lücke. Der Roman inter­essiert sich mehr für das, was die Rückkehr in Ricciardi auslöst, als für Ermitt­lung, Beweis und Auf­klärung. Da trägt die Symbol­kraft des Jahr­zehnte alten Kri­minal­falls stärker als seine Rätsel­spannung.

»Volver« ist ein spanisches Verb und bedeutet »zurück­kehren«. Nach »Soledad« [› Rezension] und »Caminito« ist »Volver« ein dritter Begriff aus der Welt des klassi­schen argen­tini­schen Tangos, den de Giovanni als Roman­titel setzt. Der Tango und die drei Themen Einsam­keit, Pfade (verbin­dende und trennende) und Rückkehr bestimmen darüber hinaus einen Neben­hand­lungs­strang, der sich in etlichen kurzen Dialog­szenen durch die gesamte »Tango-Trilogie« zieht: Die neapoli­tanische Sängerin Livia, die Ricciardi seit Langem in ein­seitiger, doch unver­brüch­licher Liebe verbunden ist, findet im argen­tini­schen Exil einen künst­leri­schen Partner, Ver­trauten und Schick­sals­gefähr­ten in demBando­neon-Spieler und Tango-Meister Diego. Was wie ein iso­lierter Fremd­körper ohne Zu­sammen­hang mit dem dichten und vielfäl­tigen Kosmos Neapels wirkt, ist eine subtile Gegen­melodie zu Ricciardis Geschichte. Beide Stränge teilen Motive wie Heimat und Flucht, Sicher­heit und Ausge­liefert­sein, Wagemut und Resig­nation, Vertraut­heit und Fremd­heit, Hoffnung und Reue, doch in unter­schied­licher Modu­lation.

Stilistisch zeigt »Volver« vieles, was de Giovannis Ricciardi-Romane ausmacht: melan­choli­sche Sätze, ein Gespür für Gesten, eine feine Musi­kalität, Figuren, die viel ver­schweigen und doch deutlich werden lassen, was sie bewegt. Die Atmos­phäre ist dicht, besonders in den Szenen auf dem Land und in den Momenten, in denen die private Angst mit der histori­schen Lage zu­sam­men­fällt. Zugleich wirkt der Roman manchmal sehr ge­schlos­sen auf sein zentrales Motiv hin kom­poniert: Rückkehr, Verlust, Herkunft, Erinne­rung. Das ist stimmig, aber etwas eng.

So bleibt »Volver« ein schöner, später Serien­roman mit spür­baren Schwächen. Als Krimi ist er (trotz seiner emotio­nalen Rele­vanz) ver­gleichs­weise dünn, als histo­rische Zeichnung eher atmos­phärisch als tiefen­scharf, als Gefühls­roman ge­legent­lich zu süßlich. Aber als Rückkehr zu Ricciardi, seinen Ver­trau­ten und seiner Herkunft hat das Buch eine eigene Kraft, wobei es vor allem die­jenigen belohnt, die diese Figur lange be­glei­tet haben. Sie lesen nicht weiter, weil der Fall so zwingend wäre, sondern weil sie wissen wollen, wie Ricciardi und die Menschen um ihn herum durch eine Welt kommen, die un­siche­rer, dunkler und gefähr­licher geworden ist.

»Volver« fragt daher weniger, wer schuldig ist, als was es bedeutet, an den Anfang zurück­zu­keh­ren. Dort wartet keine Erlösung, sondern eine weitere Form von Schmerz. In erster Linie ist dieser Roman ein melan­choli­scher Nachtrag zu Ricciardis Lebens­ge­schichte.


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