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Rezension zu »Meine geniale Freundin« von Elena Ferrante

Meine geniale Freundin

von


Belletristik · Suhrkamp · · 422 S. · ISBN 9783518425534
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Süditalien

Eine flirrende Beziehung

Rezension vom 26.10.2016 · 10 x als hilfreich bewertet mit 1 Kommentaren

Kaum ein anderes Buch wurde in den letzten Jahren international so zerpflückt wie dieses, um kaum ein anderes gab es einen grö­ßeren Hype. Dazu trug auch das selbst gewählte Versteck­spiel der Autorin bei, die voll­ständig hinter ihr Werk zurück­treten wollte und gerade durch diesen Akt der Demut eine Flut von In­vesti­gationen und Spekula­tionen auslöste. Erst Anfang dieses Oktobers wurde sie endgültig aus ihrer Anony­mität hervor­gezerrt.

Während Ferrantes Romane in ihrer Heimat und im Ausland ziemlich einhellig gefeiert wurden (jeden­falls nach James Woods Empfeh­lung im New Yorker im Januar 2013), löste »Meine geniale Freundin« in Deutsch­land zwar auch einen gehörigen Wirbel aus (befeuert durch eine fulmi­nante Marke­ting­kam­pagne des Suhrkamp-Verlages), aber in der Kritik hielten sich Lob und Mäke­leien merk­würdig die Waage. Was mag die Rezeption hierzu­lande gebremst haben?

Das Konzept der äußeren Handlung ist einfach. Erzählt wird (in vier Bänden), wie sich die Freund­schaft zwischen Elena Greco und Raffaella Cerullo, zwei intelli­genten, ambitio­nierten und hoch­sensiblen Mäd­chen aus der nea­polita­nischen Arbeiter­schicht, entwickelt. Der erste Band umfasst ihre Grund­schul- und weiteren Aus­bildungs­jahre in der Nach­kriegs­zeit bis in die Sech­ziger­jahre, als sich Italiens Wirt­schafts­wunder heraus­bildete. Er schließt im sech­zehn­ten Lebens­jahr der beiden mit großen Ereig­nissen, die auf den zweiten Band neu­gierig machen. Da werden die Wege aus­ein­ander gehen – Raffaella heiratet, reibt sich als Arbei­terin und in den engen Vorgaben italie­nischen Familien­lebens auf, Elena studiert in Nord­ita­lien, feiert Erfolge als Roman­autorin, scheitert aber in der Liebe. Bis ins Alter bleibt die Freund­schaft durch all die Jahre der Trennung und (im Italie­nischen) über 1.700 Seiten bestehen, und eine Vielzahl von Neben­figuren begleitet das ewige Auf und Ab. Neben den be­ein­druckend facetten­reichen Charakter­bildern liefert Elena Ferrante in ihrer Tetra­logie der »Nea­poli­tani­schen Saga« (s. Bibliografie unten) auch ein um­fassen­des, plastisches Panorama der sich wandelnden italie­nischen Gesell­schaft und Neapels im Beson­de­ren.

Elena (»Lenuccia« oder »Lenù«) ist die Tochter eines Pförtners bei der Stadt­ver­waltung, der Vater von Raffaella (»Lina« bzw. »Lila«) ist Schuster. Beide Kinder sind schon früh ent­schlossen, ihr ärmliches so­ziales Milieu hinter sich zu lassen, und sie haben das Zeug dazu – einen starken Willen, rasche Auf­fas­sungs­gabe, uner­müdliche Einsatz­bereit­schaft, hohe Intelligenz, uner­wartete Talente. Aber sie unter­schei­den sich auch in vieler­lei Hinsicht: Lenù, die Ich-Erzäh­lerin, wirkt verbissen, erarbeitet sich die Spitzen­position in jedem Bereich, auf den es ihr ankommt, durch eiserne Disziplin und Ent­sagung. Lila hingegen scheint aus sich heraus wahrhaft »genial«: sehen, begreifen und beherr­schen ist für sie eins (Interessant, wie der Buchtitel in den verschie­denen Sprachen dies umkreist: »L'amica geniale«, »De geniale vriendin«, »My Brilliant Friend«, »La amiga estupenda«, »L'amie prodigieuse« ...). Sie hat das größere intellek­tuelle Potenzial, nutzt es aber leicht­herziger, kühner. »Sie wusste, wie man Grenzen über­schritt, ohne je wirklich die Kon­sequen­zen dafür zu tragen.« Als könne sie ihre Leis­tungen nach Belieben ein- oder aus­knipsen, wirft sie nach inner­familiären Querelen ihre Schul­karriere weg, ver­nach­lässigt monate- und jahre­lang geistiges Arbeiten und kann sich dann doch urplötzlich selbst Alt­griechisch bei­bringen, nur weil die Freundin es dem­nächst auf dem Gym­nasium studieren wird.

Die komplizierte Rivalität zwischen den beiden Mädchen ist die zentrale Triebkraft, Annähe­rung und Ent­frem­dung zwischen ihnen das zentrale Thema. Einer­seits wett­eifern sie mitein­ander, spornen einander an, dann wieder verachten sie die andere, spielen deren Er­rungen­schaften herunter, ignorieren inner­lich ihre Vorzüge – bis die Verlust­ängste sie wieder zuein­ander hin treiben. Insgesamt erscheint Lila, obwohl in ihrer körper­lichen Ent­wick­lung hinter­drein, als die Stärkere der beiden. Lenù wirkt dagegen eher unent­schieden – eine kluge, fein­fühlige Beob­achterin, aber immer wieder über­rascht von den kraft­vollen Schach­zügen, mit denen Lila ihr Leben zu steuern versucht. Sie räumt ein, dass Lilas Wesen auf sie ab­färbt; zeit­weise treibt sie die Sorge um, sie könne ihre eigene Origi­nalität verlieren bzw. nicht aus­bilden.

All diese Fluktuationen breitet Elena Ferrante in unzähligen Episoden aus. Deren dramatische Kraft ist höchst unter­schiedlich. Vieles in Realität und Traum­welt der Mädchen vermag durchaus zu schockie­ren. Aber bedingt durch Ferrantes Stil hinter­lassen nur einige – die für die Gesamt­ent­wick­lung prägenden – Szenen einen nach­haltigen Eindruck: der gemein­same Abstieg in einen fins­teren Keller, der Aufstieg durchs Treppen­haus zur Wohnung eines ge­fürch­teten Phan­tom­wesens, des Mafia-Dons Achille, die erste Expedition hinaus aus dem engen Stadt­viertel (»Rione«), wo die Mädchen das Meer suchen, aber eine un­wirk­liche Welt voller Unrat, Schrott und Asphalt durch­queren, der abend­liche Bummel der bescheiden heraus­geputzten Teenager im Rione (später in den reichen Geschäfts­straßen der Stadt­mitte), ein Sil­vester­feuer­werk mit fast töd­licher Eska­lation, Aus­ein­ander­setzun­gen in den Familien, pompöse Fest­lich­keiten und der­gleichen. Diese Szenen ragen wie Inseln aus einem klein­schrittigen, unend­lich bild- und detail­rei­chen Erzähl­strom, der nicht eine psychische Nuance der Be­ziehungs­ent­wicklung auslässt, keinen Schatten, keine Bemerkung, keine Vermutung, keinen flüchtigen Eindruck. Das Gleichmaß minu­tiöser Proto­kollie­rungen, oftmals viele Seiten lang ohne Spitzen, kann ermüden, über­fordern, zum diago­nalen Lesen verlocken.

Struktur geben wenige Leitlinien, insbesondere die Ziele der Mädchen wie die Beste in der Schule zu sein, reich zu werden (erst als Roman­schrift­stelle­rinnen, später als Schuh­fabri­kanten), sich aus ihrem Milieu zu befreien. Mit zuneh­men­dem Geschichts- und Politik­bewusst­sein beein­drucken sie die krassen Klassen­unter­schiede im Rione und in ihrer Stadt stark, aber mit wech­selndem Effekt: Mal bewundern, mal ver­achten sie Reichtum, Glamour und Macht. Obwohl all dieses Oszil­lieren im Einzelnen nach­voll­zieh­bar und über­zeugend motiviert ist, wirkt die Ent­wick­lung im Ganzen dann doch beliebig. Weil sich die ups and downs irgend­wie alle gegen­seitig aufheben und alles ebenso gut auch anders hätte ver­laufen können (wie das Leben eben so spielt), gehen Elena Grecos und Raffaella Cerullos Schick­sale dem Leser nicht unter die Haut. Man ist interes­siert, aber nicht fas­ziniert.

Ertragreicher fand ich, wie Elena Ferrante die Hintergründe der indivi­duellen Biografien gestaltet. Wun­derbar, wie unter der Oberfläche des Be­ziehungs­flirrens der Alltag im Rione, das Leben in verschie­denen traditio­nell geprägten Familien, das sich wandelnde soziale Bewusst­sein, der um sich grei­fende Unter­neh­mer­geist ver­anschau­licht oder zumin­dest indirekt einge­spiegelt werden. Männer sind fast durchweg Machos, wie aus dem Klischee geboren. Sie sind auf­brausend, gewalt­tätig, unkon­trolliert, charmant nur gegen junge Mädchen, ansonsten können sich nur die stärksten Frauen ihrer hand­festen Repression wider­setzen. Lilas Bruder Rino durch­läuft beispiel­haft den üblichen Werde­gang: Als Jugend­licher bewundert, unter­stützt und beschützt er seine Schwester, doch nachdem er im Kon­kurrenz­kampf mit dem Vater den Kürzeren zieht und schwere Demüti­gungen ein­stecken muss, wird er zum frustrierten Unter­drücker alles Weib­lichen.

Insbesondere wird der vielschichtige Charakter des Camorra-Wesens deutlich. Einer­seits geben sich die Mafiosi edel­mütig, groß­zügig, solida­risch mit den kleinen Leuten im Rione, vertei­digen sie todes­mutig, anderer­seits können sie hemmungs­loser Selbst­sucht verfallen, heim­tücki­sche Fallen stellen und zuschnap­pen lassen, gegen Rivalen unfass­lich brutal agieren. Quasi neben­bei wird begreif­lich, wie sich das Un-System Neapel über Jahr­zehnte ver­festigt hat. Umso erstaun­licher, dass ein uralter Stütz­pfeiler dieses eigen­tümlichen Gemein­wesens und seiner Menta­lität in Ferrantes Roman fast keine Rolle spielt: Frömmig­keit und die katho­lische Kirche.

Unzweifelhaft ist Elena Ferrante eine außer­gewöhn­liche Schrift­stellerin, fähig, das kom­plizierte psycho­lo­gische Kräfte­spiel einer Situation voll­ständig zu analy­sieren und mit ihrem messer­scharfen Vokabular subtil zu verba­lisieren. Die Über­setze­rin Karin Krieger hat eine gleicher­maßen bewun­derns­werte Leistung erbracht, indem sie den Stil ihrer Vorlage sorg­fältig erfasst und getreu­lich über­tragen hat. (Werfen Sie selbst einen ver­gleichen­den Blick in diese beiden Lese­proben (PDF-Format): italienisch und deutsch.) Vielleicht fehlt es aber für manchen deutsch­sprachigen Leser – warum auch immer gerade hier – an Dynamik der Gestaltung, an aus­gepräg­teren Spannungs­bögen oder (bei ihm selbst) am langen Atem beim Lesen.

Bibliografie der »Neapolitanischen Saga« (alle Übersetzungen von Karin Krieger):

  • »L’amica geniale« Elena Ferrante: »L’amica geniale« bei Amazon (2011)
    »Meine geniale Freundin (Kindheit und frühe Jugend)« Elena Ferrante: »Meine geniale Freundin« bei Amazon (29.08.2016)
  • »Storia del nuovo cognome« Elena Ferrante: »Storia del nuovo cognome« bei Amazon (2012)
    »Die Geschichte eines neuen Namens« Elena Ferrante: »Die Geschichte eines neuen Namens« bei Amazon (10.01.2017)
  • »Storia di chi fugge e di chi resta« Elena Ferrante: »Storia di chi fugge e di chi resta« bei Amazon (2013)
    »Die Geschichte der getrennten Wege« Elena Ferrante: »Die Geschichte eines neuen Namens« bei Amazon (Juli 2017)
  • »Storia della bambina perduta« Elena Ferrante: »Storia della bambina perduta« bei Amazon (2014)
    »Die Geschichte des verlorenen Kindes« Elena Ferrante: »Die Geschichte eines neuen Namens« bei Amazon (September 2017)

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Zu »Meine geniale Freundin« von Elena Ferrante wurden 1 Kommentare verfasst:

Marlene Jansen schrieb am 27.10.2016:

Durch den allgemeinen Ferrante-Hype und Spiegel-Interview sowie die gegenstzlichen Beurteilungen professioneller Literaturkritiker (James Wood / The New Yorker: "Weltliteratur" und Maxim Biller / Literarisches Quartett v. 26.8.2016 : "furchtbare Trivialliteratur") wurde ich auf dieses Buch neugierig.
Ferrante beginnt mit dem spurlosen Verschwinden der genialen LILA und lt ihre Freundin LENU ber 60 Jahre zurck in die gemeinsame Kindheit in einem Armenviertel Neapels gehen. Die Erzhlung ist serienmig gestaltet, die Sprache brillant und Karin Krieger hat die bildhafte italienische Sprache ausgezeichnet bersetzt. Im Vergleich zur englischen bersetzung soll die deutsche wesentlich besser gelungen sein.
Das arme Neapel der Nachkriegszeit wird detailliert beschrieben, die Vielzahl der handelnden Personen ist dankenswert nochmals im Lesezeichen aufgefhrt.
Genial fand ich das Faust-Zitat aus dem Prolog im Himmel" zum Anfang des Buches.
Vielleicht lt sich nur durch teuflisches Einwirken manches Handeln der Protagonisten erklren wie z.B. warum LILA, als ihr die weitere Schulbildung von ihren Eltern verweigert wird, jegliches Interesse an Bchern verliert, gerade sie, die sich bereits mit 3 Jahren das Lesen beibrachte und alle Bcher der Leihbibliothek verschlang.
Warum akzeptiert sie mit gerade 16 Jahren die Hochzeit mit einem wohlhabendem Lebensmittelhndler, nur um dem aufdringlichen Werben eines Mafioso zu entgehen? Stattdessen soll ihre Freundin LENU fr sie weiterlernen und studieren und LENU macht alles, was LILA will.
Wie bei einer Serie blich, endet das Buch mit einem Cliffhanger, der neugierig auf die Fortsetzung macht. Vielleicht werden dann Fragen beantwortet und meine Empathie fr die beiden Freundinnen verstrkt.

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