Rezension zu »Und Gott sprach: Du musst mir helfen!« von Hans Rath

Und Gott sprach: Du musst mir helfen!

von


Weihnachtliches · Teil der Serie »Weihnachtliches« · Wunderlich · · Taschenbuch · 288 S. · ISBN 9783805250924
Sprache: de · Herkunft: de

Schräges Gutbuch

Rezension vom 17.11.2015 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Die biblische Weihnachts­bot­schaft ist – wenn auch stark ver­fremdet – eine Art Aus­löser für die Hand­lung dieses Buches. Denn der Autor verkün­digt sei­nem Publi­kum bemer­kens­wert große Freude: Ihnen ist ein neuer Mes­sias geboren, wel­cher ist Jakob Jakobi, der Psy­cho­thera­peut, in der Stadt Na­men­los. Ein zweiter Christ, der Retter, ist da! Er wird die Übel der Welt heilen! Engel und Leser­scha­ren hätten guten Grund, den All­mäch­tigen zu loben und zu sprechen: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Men­schen seines Wohl­ge­fal­lens.«

Doch unsere verkorkste Welt besser zu ma­chen scheint nicht einmal dem Vater im Himmel mög­lich. Des­halb ist er höchst­selbst her­nieder­gestie­gen, hat Men­schen­gestalt an­ge­nom­men (er nennt sich »Abel«) und sei­nen aus­er­kore­nen Heiland Dr. Jakob Jakobi aufge­sucht, um ihm sei­nen Auf­trag persön­lich zuzu­stellen. »Und Gott sprach: Du musst mir hel­fen!«

Wer sich auf das Grund­konzept die­ses Buches, die krude, ›lustige‹ Ver­ball­hor­nung der neu­testa­ment­li­chen Heils­ge­schichte, einlas­sen kann, mag es amüsant fin­den. Am Ende aber hat der Autor nicht einmal pseudo­reli­giö­sen Trost, dass wir Menschen durch einen gött­lichen Gnaden­akt von allem Übel er­löst würden. Viel­mehr lautet seine Quint­es­senz: Wir wer­den's wohl sel­ber rich­ten müs­sen.

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Folgerichtig stellen wir erst einmal exempla­risch zusam­men, wo es knackt und knistert im irdi­schen Ge­bälk. Das Ganze bitte schön hei­ter, in launigen, leicht durch­schau­baren Epi­so­den, damit es nicht weh tut. Wenn der Leser auf diesem Wege ein biss­chen mitdenkt, kann er ein Gut­mensch werden und selbst mit­hel­fen, seine Welt zu ver­bes­sern.

Gleich die Ein­gangs­be­geben­heit vom Bösen im Alltag setzt die hu­morige Grund­stim­mung. Dr. Jakob Jakobi, 49 und Ich-Er­zähler, ist im Festtags­end­spurt, um auf dem Weih­nachts­markt letzte Ge­schenke zu besorgen. Aber auf dem Weg dahin lau­ern ihm Niko­laus und Knecht Rup­recht auf. »Frohe Weih­nach­ten und Geld her!«, rau­nen sie ihm zu, verwei­sen auf ihren Holz­knüp­pel und fordern Bares, Handy und die gute Arm­band­uhr. Der Psycho­the­ra­peut, alerter Ge­sprächs­führer von Berufs we­gen, immer blendend ge­launt und zu einem Scherz­chen aufgelegt, plappert mit den beiden, die ihm in nichts nach­stehen, über die Echtheit der Uhr, über Bon­zen, die sich so etwas leisten kön­nen (»Die wenig­sten Ver­mögen werden auf ehr­liche Weise ver­dient«, sagen die Räu­ber), und über seine Mild­tätig­keit (hundert Euro könnten fünfzig Afri­ka­ner vor der Fluss­blind­heit bewah­ren) – alles ver­gebens: Sein Eigen­tum ist futsch. Ein Ob­dach­loser (eben­falls ein »netter Kerl, übrigens«) hat zuge­se­hen (»Gute Show«), klärt Jakobi über die glo­balen Daten­kraken auf und schenkt ihm eine abhör­si­chere Unter­hose.

Wenig später steht Abel Bau­mann vor Jakobs Woh­nungs­tür. Vier Jahre zuvor hatte er ihn schon einmal auf­ge­sucht. An­fangs hatte Dr. Jakobi noch eine »schwere schizo­phrene Psy­chose« vermutet, denn der Mann hielt sich »für Gott höchst­per­sön­lich«. Später war er sich nicht mehr so sicher. (Hans-Rath-Fans wis­sen: Dieses Buch hat zwei Vor­gän­ger­bände, »Und Gott sprach: Der Teufel ist auch nur ein Mensch!« sowie »Und Gott sprach: Wir müssen reden!«.) Nach einem Auto­unfall ver­starb Abel Bau­mann im Kran­ken­haus; Jakob war live dabei.

Er ist wieder da, »gerade erst von den Toten auf­er­stan­den«, und lädt Jakob zum Früh­stück in ein Café ein. Abel redet, Gott sei Dank, nicht so alt­mo­disch und gewich­tig daher wie bei Luther, son­dern genau so schnodde­rig wie alle ande­ren Per­so­nen, schlag­fertig, iro­nisch, provo­kant, gern auch hinter­grün­dig, mit tief­sinni­gen Unter­tönen. Er erin­nert Jakob an sei­nen Glau­ben, dem er (Abel-Gott) seine Exis­tenz ver­danke, und präpa­riert ihn für das, was er mit ihm vorhat: »Wenn Men­schen nicht nur wün­schen, son­dern auch glau­ben, dann setzt das unge­ahnte Ener­gien frei.«

Dann wird's ernst: »Jakob Jakobi. Ich, der Herr, dein Gott, habe dich auser­wählt, den Men­schen eine frohe Bot­schaft zu bringen ... Du sollst ver­kün­den, dass ich meinen Bund mit den Menschen er­neuern möchte ... Du sollst den Welt­hunger be­kämp­fen, sämt­liche Kriege be­en­den und der Mensch­heit den Weg in eine fried­li­che, ge­rechte und glück­li­che Zu­kunft weisen.« Jakob zau­dert, nimmt sein Kreuz aber schließ­lich auf sich.

Jeder »Weltretter« fängt einmal klein an. Jakob mahnt Skin­heads in der U-Bahn, vom Ver­prü­geln ihres wehr­losen Opfers abzu­las­sen (»Fangt mit dem Denken an. Und zwar genau jetzt.«) – und schon ziehen sie wie Lämmer von dannen. Wieder hat jemand be­ein­druckt zuge­schaut und be­för­dert Jakob jetzt aufs nächste Level. Jannika, ca. 25, deren physi­sche Attrak­tivi­tät ihn weit mehr inter­es­siert als was sie zu sagen hat, klärt ihn auf, »wie viel Leid, Schmerz und Tod in unse­rem kon­ven­tio­nellen Essen steckt«, bringt ihm vega­ne Kost näher und über­redet ihn, seine »Gabe« für ein »höheres Ziel« ein­zu­setzen, näm­lich bei der Aktions­gruppe »Freaks of Nature« mit­zu­wirken. Da lernt Jakob den schwu­len Fran­zo­sen Claude kennen, des­sen Familie seit Ge­ne­ra­tio­nen En­ten­stopf­leber produ­ziert. Bei dem nächt­lichen Tier­befrei­ungs­spek­takel (Bilanz: sechs be­freite Hüh­ner) trägt Jakob nai­ver­weise igitt-Klei­dung: Dau­nen­weste, Le­der­schuhe und einen Schur­woll­pulli. Und in diesem Stil geht es wei­ter, von einem Thema zum nächsten, Klischee um Klischee, an den Haaren herbei­ge­zo­gen, aber immer schön griffig und ›nett‹ erzählt ...

Um es unum­wunden zu sa­gen: Bei diesem Buch sträuben sich mir die Haare – nicht, weil es meine reli­giö­sen Ge­fühle, son­dern den Verstand strapaziert.

Was möchte Hans Rath mit diesem Buch (bzw. der Reihe)? Natür­lich will er seine Leser auf amü­sante Weise dazu bringen, die Probleme unserer Welt wahr­zu­neh­men und darüber nach­zu­den­ken, wie sie viel­leicht ein wenig gemil­dert werden könnten. Sach­lich be­kommt der Leser aber nicht mehr als Trivia (»Ab und zu ein gutes Werk«). Das Amüse­ment an­dererseits nährt sich aus dem frag­würdi­gen Konzept, Gott als le­bens­echten Kerl mit kleinen mensch­li­chen Schwä­chen in unse­ren Alltag zu schicken, was ihn, so weise er auch ist, zu einer ziem­lich banalen Gestalt redu­ziert. Auch Jakob kann seine mon­ströse Auf­gabe natür­lich nicht im Ernst bewäl­tigen; es kommt zu nichts ande­rem als mit schlauen Sprü­chen gar­nier­ten Ver­wick­lun­gen. Unterm Strich ist das Buch nicht mehr als halb­wegs er­bau­licher Klamauk.


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