Rezension zu »Mit dem Schnee kommt der Tod« von Nicola Upson

Mit dem Schnee kommt der Tod

von


Was ein glamouröses Weihnachtsfest auf einem idyllischen Inselchen werden soll, gerät zu einem Albtraum mit zwei Mordfällen, üblen Verdächtigungen, Schneesturm, Flut und beängstigender Isolation.
Historischer Kriminalroman · Teil der Serie »Weihnachtliches« · Kein & Aber · · 336 S. · ISBN 9783036950112
Sprache: de · Herkunft: ch

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Weihnachten fällt aus

Rezension vom 23.11.2023 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Lassen Sie sich von diesem bezaubernden Cover besser nicht irreführen: Es zeigt die winzige Insel St Michael’s Mount, die in der Bucht von Penzance am äußersten südwest­lichen Zipfel von Cornwall aus den Fluten steigt. Nicht nur der Name, sondern auch die Kegelform, die von Ebbe und Flut abhängige Zugäng­lichkeit, die touris­tische Attrak­tivität und die religiöse Bedeutung seit Jahr­hunder­ten lassen sofort an den Mont Saint-Michel in der Normandie denken, der jedoch in jeder Hinsicht sehr viel größer ist. An diesem maleri­schen Flecken ist der Plot eines recht unge­wöhn­lichen Kriminal­romans verortet.

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Ein Aufkleber wie eine Christbaum­kugel mit der Auf­schrift »Christmas« lässt – trotz des Zusatzes »Crime« – auf eine weih­nacht­liche Grund­stimmung in der Idylle hoffen, und zumindest britische Augen erstrah­len, wenn sie 1938 als das Jahr der Handlung identi­fizieren. Obwohl viele Leute das mulmige Gefühl hatten, Europa steuere un­weiger­lich auf einen neuen Krieg zu, war die Welt damals in der natio­nalen Erinne­rung noch in Ordnung, das Land ein Hort der Zivi­lisiert­heit, die Wirt­schaft blühte, das Empire umfasste immer noch weite Teile des Globus.

Doch was uns Nicola Upson in ihrem Roman erzählt, lässt nicht viel übrig von Idylle, Harmonie, Friede und Besinn­lichkeit. Vielmehr wird kräftig gemeu­chelt und intri­giert.

Der bedeutendste Wohnsitz auf der kleinen Insel ist der der tradi­tions­reichen Familie St. Aubyn. Während man bislang das Weih­nachts­fest gemeinsam mit den wenigen anderen Dorfbe­wohnern gefeiert hatte, hat Hilaria, die Haus­herrin, erstmals illustre Gäste von auswärts auf ihre Burg geladen. Sie erhofft sich von ihnen groß­zügige Spenden für den Flücht­lings­fond, den sie vor Kurzem gegründet hat. Die Ange­stellten geben ihr Bestes, damit die zwölf Besucher und die Gast­geberin ein perfektes gesell­schaft­liches Glanz­licht genießen können.

Man erwartet Hilarias langjährigen Bekannten Archie Penrose, der zwei Freun­dinnen mitbringt: die illustre Theater- und Kriminal­autorin Josephine Tey und ihre Partnerin, die Dreh­buch­autorin Marta. Weiter stehen auf der Gäste­liste ein Colonel mit Tochter, ein Pfarrer mit Ehefrau, ein Ehepaar Lancaster, eine Mrs Car­michael und ein Fotograf der Times, dessen Chef (selbst ein Spender) darauf baut, dass er eine tolle Story von dem Event zurück­bringt. Denn im Rampen­licht wird niemand anderes stehen als der berühmte Filmstar Marlene Dietrich. Die gebürtige Deutsche feiert schon seit einigen Jahren große Erfolge in den USA, während sie alle lukra­tiven Angebote, für das national­sozialis­tische Regime ihres Heimat­landes zu arbeiten, ablehnt.

Auch Archie Penrose reist nicht nur zum Vergnügen auf den St Michael’s Mount. Der Detective Chief Inspector ist von Scotland Yard beauf­tragt, für die Sicher­heit der glamou­rösen Künst­lerin zu sorgen. Denn man befürch­tet, der brüs­kierte Propa­ganda­minister Goebbels könne die Entfüh­rung der Schau­spie­lerin heim ins Reich planen. Und in der Tat: Als die Dame von Weltruf das Boot besteigt, um die Insel der St. Aubyns zu erreichen, taucht ein deutscher Beamter am Kai auf.

Schon am Morgen des Heiligen Abends ist es vorbei mit weih­nacht­licher Stimmung. Zum Gottes­dienst warten die wenigen Bewohner der Insel vergebens auf ihren Reverend Richard Hartley. Grausam miss­handelt findet man seine Leiche auf dem steiner­nen Stuhl von Sankt Michael im engen Kirchturm. Zusammen mit einem weiteren Mordfall, der vorerst nur uns Lesern bekannt wird, steht das Weih­nachts­fest unter denkbar schlech­ten Vor­zeichen.

In aller Ruhe stellt uns die Autorin jede Person einzeln vor, und auch die aus­führ­liche Beschrei­bung der Insel und ihrer Ge­geben­heiten, der Räum­lich­keiten des Herren­sitzes sowie des Zeit­kolorits nimmt viele Seiten in Anspruch. Schritt für Schritt verlaufen die Recher­chen und Verhöre des Kom­missars Archie Penrose nach dem klassi­schen Whodunit-Konzept und über­raschen mit einigen unerwar­teten Wendungen, so dass man an den Feier­tagen gemütlich schmökern, sich auf ein reiz­volles Ambiente ein­lassen und seine Spür­nase erproben könnte – würde man nicht ernüch­tert durch allerlei brutale Bluttaten und einen ganzen Strauß reali­täts­nah abge­handel­ter Themen wie Verrat, Betrug, Angst, Eifer­sucht, Trauer, Rache, Armut, häusliche Gewalt und Demenz. Weih­nacht­liche Wohlig­keit mag sich jeden­falls nicht recht ein­stellen.

Nicola Upson, 1970 in Suffolk geboren, ist in Groß­britan­nien als Autorin einer Reihe histo­rischer Kriminal­romane seit 2008 sehr erfolg­reich. Ihre fiktional gestal­tete Haupt­figur hat ein reales Vorbild: ›Josephine Tey‹ war das Pseudonym der schotti­schen Schrift­stellerin Elizabeth Mac­Kin­tosh (1896-1952), deren Krimi »The Daughter of Time« (1951, dt. »Die Toten im Tower«) 1990 von der British Crime Writers’ Asso­ciation als bester Kriminal­roman aller Zeiten gewählt wurde. Der Zürcher Verlag »Kein & Aber« plant die Heraus­gabe aller (bislang) zehn Bände von Nicola Upsons Reihe; in der Über­set­zung von Anna-Christin Kramer sind bereits »Experte in Sachen Mord« (»An Expert in Murder«, Band 1 von 2008), der hier vorge­stellte Band 9 (»The Dead of Winter«, 2020) und »Dorf unter Verdacht« (»Dear Little Corpses«, Band 10 von 2022) er­schie­nen.


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