Für die Weihnachtsfrau
Alle Jahre wieder bringt der Wunderlich-Verlag zur Weihnachtszeit ein stilvoll aufgemachtes, gebundenes Buch heraus, das Freude macht, egal ob als Geschenk oder zum eigenen Plaisir. In diesem Jahr hat man speziell die weibliche Leserschaft ins Auge gefasst und für sie elf Geschichten zusammengestellt, die das Gemüt ansprechen. Schon der Titel lässt an dieser Ausrichtung keinen Zweifel, und die Autorenauswahl tut ein Übriges: Zehn Autorinnen, darunter routinierte und verkaufsstarke Damen wie Nina George und Tessa Hennig, und ein Autor (Janne Mommsen) schreiben von Familie, Friede und Freude zur Weihnachtszeit, von der Trauer einer zerbrochenen Partnerschaft und von der Sehnsucht, zum Fest des Friedens ein kleines Stück vom Liebesglück zu erhaschen. Ab und an wärmen die Erzählungen bzw. Romanauszüge vertraute Klischees auf oder schmecken süß nach Kitsch, aber es gibt genügend Ausgleich für manche Trivialität, und am Ende ist für jeden Geschmack etwas dabei. Hier ein paar Handlungskostpröbchen:
Bücher und Musik-CDs für die Advents-
und Weihnachtszeit finden Sie hier.
Am Heiligen Abend ist Jean Perdu in seinem gemütlichen Sessel weggedöst. Das Weihnachtsgeschäft hat ihn geschafft. Er betreibt auf seinem Schiff auf der Seine eine Buchhandlung, die Pharmacie littéraire, und den ganzen Tag haben eilige Kunden das Boot gestürmt, um im Vorbeigehen möglichst rasch noch das Non-plus-ultra-Buch für bislang unbedachte Freunde und Verwandte aufzutreiben. »Ich brauche was für meine Mutter. Sie ist Schaffnerin.« – »Was liest sie denn gern?« – »Ach, die hat keine Zeit zum Lesen, aber sie hat da einen neuen Glastisch neben dem Sofa. Zeigen Sie mir doch ein paar richtig hübsche Bücher ...« Im Dämmer des Feierabends taucht Perdu auf magische Weise in die Welten seiner Bücher ein. Er betritt sie, indem er mit einem alten Buchdrucker-Glasmesser die Buchschnitte öffnet. So begleiten wir Captain Marlow auf seinem Flussdampfer ein Stück zum »Herz der Finsternis« ... Während Marlow hinter Mangroven verschwindet, vernimmt Perdu auf dem englischen Rasen draußen vor seinem eigenen Schiff eine Stimme: »Fitzwilliam Darcey!«, ruft sie, und schon ist Perdu mitten in einer Teegesellschaft aus Jane Austens »Stolz und Vorurteil«, bis ihn seine Reise durch Zeiten und Welten weiterführt. (Diese weihnachtliche Episode aus Nina Georges »Das Lavendelzimmer« ist sicherlich die stärkste dieses Romans.)
In Emma Sternbergs Geschichte »Küchenzauber« pflegen die Wirtsleute Giglinger mit den Dörflern eine alte Tradition. Nach der Christmette finden sich alle Familien mit dem Bürgermeister und dem Pfarrer in gemütlicher Runde in der Dorfschenke ein und freuen sich auf den Festschmaus: »das Weihnachtsgulasch von der Leni«. Leider ist Georg Giglingers geliebte Ehefrau Magdalena bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Jetzt sitzt der Georg verzweifelt in seiner Wirtshausküche, von Schmerz und Trauer übermannt. Wie soll es weitergehen? Wenigstens der heutige Abend soll doch noch über die Bühne gehen wie immer, das ist er seiner Leni schuldig. Wie dem »Schmalspur-Küchenchef« eine Katze auf die Sprünge hilft und er eine »saugute« Suppe auf den Tisch bringt, das ist Weihnachtszauberei ...
Eine traurige, berührende, tiefgründige und rundum überzeugende Erzählung steuert Sofie Cramer bei. Almut, die Protagonistin von »Fest der Liebe«, steckt voll in den Vorbereitungen für den Weihnachtsabend. Bald werden die Familienmitglieder eintreffen. Almut hat sich viele Gedanken gemacht, um ganz persönliche Geschenke für jeden zu finden und liebevoll zu verpacken. Während im Ofen der Truthahn brutzelt, soll Ehemann Ewald im Wohnzimmer den Baum schmücken. Plötzlich klingelt es an der Tür. Zwei Pflegerinnen wollen wie jeden Tag nach dem Rechten sehen und die Demenzkranke medizinisch versorgen. Doch Almut erkennt die beiden nicht. Sie ist aufgebracht, dass zwei Fremde sie am Heiligen Abend überfallen, und will die Polizei rufen. Nach getaner Arbeit ziehen die Pflegerinnen weiter, und Almut versinkt wieder in ihrer eigenen Welt. Wie schön, dass sie das Weihnachtsgeschenk für ihren geliebten Ewald, das sie verzweifelt gesucht hatte, wiederfindet! Es sind Tagebuchaufzeichnungen mit Fotos. »Ein Gefühl der Glückseligkeit stellte sich ein«, und voller Vorfreude denkt sie an die kommenden Stunden ...
Nach zwei Jahrgängen mit Krimigeschichten (»Jul Morde«, 2013, und »Tatort Tannenbaum«, 2012) gibt es also dieses Jahr von Wunderlich etwas fürs Herz zu Weihnachten. Zwischen Heiterkeit und Tristesse, Magie und Realismus, Freundschaft und Familienbanden spannt dieses Buch seine thematischen und atmosphärischen Flügel aus, und die Schauplätze sind so weit gefächert wie die Herkunftsländer der Autorinnen und des Autors: Jane Corry (Großbritannien), Juliet Ashton und Ciara Geraghty (Irland), Morgan Callan Rogers und Lauren Willig (USA), Sofie Cramer, Gabriella Engelmann, Nina George, Tessa Hennig, Janne Mommsen und Emma Sternberg (Deutschland).
· Herkunft: