Rezension zu »Die Schneeschwester – Eine Weihnachtsgeschichte« von Maja Lunde

Die Schneeschwester – Eine Weihnachtsgeschichte

von


Nach dem Tod von Julians großer Schwester ist das Haus der Familie Wilhelmsen in Trauer erstarrt. Niemand bringt mehr Freude auf Weihnachten auf. Durch die Bekanntschaft mit einem fremden Mädchen voller Geheimnisse bewältigen sie den schmerzlichen Verlust.
Weihnachtliches · btb · · 200 S. · ISBN 9783442758272
Sprache: de · Herkunft: no

Weihnachten ist abgesagt

Rezension vom 16.11.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

»Die Schneeschwester« ist ein weihnachtliches Märchen ganz besonderer, zeitgemäßer Art. Zwar trägt sich die Handlung in der Vor­weih­nachts­zeit zu und zielt auf das Christfest hin, zwar ist die Erzählung in vier­und­zwan­zig Kapitel eingeteilt, zwar spielen weih­nacht­liche Gefühle und Rituale eine wichtige Rolle, doch geht es gleich­zeitig um ein zweites Thema: Wie können wir nach dem Tod eines geliebten Angehörigen weiter leben? Die norwegi­sche Autorin Maja Lunde (Über­setzung: Paul Berf) gestaltet ihre Geschichte kindgerecht und einfühlsam, ohne Rühr­selig­keit und Kitsch. Sie beschönigt nicht den Schmerz des Verlusts, vermag aber zu trösten. Die Handlung überzeugt vollkommen durch ihre Mensch­lich­keit, die Bedeutung wahrer Freund­schaft, eine realisti­sche Sprache und feinen Humor. Die märchen­haften Elemente vernebeln nicht die Realität, sondern versinn­bildli­chen psychische Vorgänge, die für ein Kind schwer in Worte zu fassen sind.

Im Mittelpunkt steht Julian Wilhelmsen, der jedes Jahr voll gespannter Vorfreude auf Weihnachten hinfiebert. Das ist für ihn gleich in zweifacher Hinsicht der schönste Tag des Jahres, denn an einem Heiligabend (norwegisch »Jul«) wurde er geboren. Ein paar Tage vorher beginnen die Schulferien, und mit ihnen setzen die immer gleichen emsigen Vor­berei­tun­gen ein, bis schließlich das ganze Haus vom Duft nach Pfeffer­kuchen, Räucher­werk, Klemen­tinen, Kakao und Zimt erfüllt ist, der Baum geschmückt steht, alles im Lichter­glanz erstrahlt und seine wunderbare Familie ihm und dem Christkind zu Ehren ein fröhliches Fest feiert.

Dieses Jahr wird Julian zehn Jahre alt, doch nichts ist so, wie es einmal war. Denn im Sommer ist seine große Schwester gestorben. Seither scheint die Familie das Leben vergessen zu haben. Die Eltern sind in Trauer erstarrt, und selbst die fünfjährige Augusta, die so gut nach Seife, Milch und Gummi­stiefeln riecht, hat ihr über­borden­des Temperament verloren. Früher nannten die Eltern das wilde kleine Mädchen liebevoll »Dynamit«, aber jetzt hat sie für den heim­kehren­den Bruder nur ein knappes »Hallo«. Zum Abendessen gibt es wie jeden Tag ein simples Fisch­gericht und wenige Worte zwischen den Kindern und den ernsten Eltern. Nichts duftet weih­nacht­lich, nirgends ein rotes Weih­nachts­stern­chen, kein Advents­kerzen­halter, keine Freude.

Trost und Abwechslung von dieser Tristesse findet Julian beim Schwimmen. Wasser ist sein Elixier, die regel­mäßi­gen Atemzüge, die Bahnen, die er kraulend zieht, beruhigen ihn. Eines Tages bemerkt er, wie draußen am Fenster der Schwimm­halle ein sommer­sprossi­ges Mädchen seine Stupsnase platt drückt, um hinein­zu­schauen. Unter ihrer roten Mütze lugen rote Haare hervor, und mit ihrem dicken roten Mantel ähnelt sie dem Weih­nachts­mann. Als Julian das Hallenbad verlässt, begrüßt ihn das unbekannte Mädchen mit eigen­arti­ger Vertraut­heit: »Da bist du ja endlich.«

Hedvig Hansen (so stellt sie sich vor) erweist sich als Ausbund an Lebenslust. Ununter­brochen quasselnd strahlt sie »Licht in die Winter­dunkel­heit« des Jungen. Fasziniert ist sie von seinen Schwimm­küns­ten, die ihn mit großem Stolz erfüllen sollten. Sie hingegen kann nicht schwimmen. Es zu erlernen sei ihr »größter Herzens­wunsch im ganzen Universum«. Julian ist sicher, dass er ihr diesen Wunsch leicht erfüllen kann.

Julian vergisst seine tristen Gedanken vollends, als Hedvig ihn in ihr Zuhause mitnimmt. Die »Villa Mistel« ist eine Weih­nachts­wunder­welt, wo alles geschmückt ist und glänzt, als wäre bereits der Weih­nachts­tag angebrochen. Doch um dieses mysteriöse Haus, ja um Hedvig selber rankt ein ernstes Geheimnis, das der Junge erst erkunden muss.

All dies lässt die norwegische Autorin Maja Lunde ihren sensiblen, aufmerk­samen Prota­gonis­ten selbst erzählen. Jeder ähnlich veranlagte jugendliche Leser wird berührt sein von Julians präzisen Beob­achtun­gen der trauernden Familie und seinen Über­legun­gen dazu (»zwei Kopien, die nicht so recht wussten, wie meine Mutter und mein Vater nor­maler­weise waren«), von seinen Bemühungen, sich aus der Traurigkeit zu erheben (»Denk an etwas Gutes«) und zu der sorglosen Fröh­lich­keit der Weih­nachts­zeit zurückzu­finden. Am Ende gelingt es ihm, die Übermacht der Traurigkeit zu besiegen, eine Balance zwischen trauerndem Gedenken und Lebens­freude herzu­stellen.

Verständige junge Leser (ab frühestens neun Jahren) werden diese Geschichte aufnehmen können – als Trost und Ver­ständnis­hilfe, wenn sie bereits mit dem Thema Tod in der Familie in Berührung kamen, als Anstoß zum Nachdenken, wenn nicht. Tränen werden fließen, aber die lebhafte, unsen­timen­tale Erzählweise mit stark wechselnden Gefühlen, flotten Dialogen, Grusel­effek­ten und rätsel­hafter Magie wird sie wieder trocknen. Traurigkeit wird geschickt aufgefangen von weih­nacht­lichem Zauber, von der Atmosphäre der Schnee­land­schaf­ten und des leuchtenden Sternen­himmels, von der auf­richti­gen Harmonie in der Familie und dem sorgsamen Umgang unter Freunden.

Meine Begeisterung für dieses Buch gründet zu einem guten Teil in seiner großzügigen Aufmachung, die die be­schriebe­nen Wirkungen von Maja Lundes Erzählung voll entfaltet. Das leisten in erster Linie die zahlreichen farb­kräfti­gen Illustratio­nen der nor­wegi­schen Künstlerin Lisa Aisato. Ihre aus­drucks­vollen Portraits, oft aus frap­pieren­den Perspek­tiven, manche über eine Doppelseite hin, treffen auf den Punkt die Stimmungen der Figuren, fangen das Wesen der darge­stell­ten Szene ein. Daneben zieren die Seiten liebevoll abgebildete Gegenstände zur Winter- und Weih­nachts­zeit, neben denen seelenlose Massen­pro­dukte und schicke Deko­artikel kalt aussehen. Der Detail­reich­tum aller Illustratio­nen belohnt intensives Betrachten. Viele Textseiten sind farbig unterlegt, der inhalt­lichen Stimmung angepasst von freundlich hellen bis bedrohlich düsteren Tönen.

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Schon das bildschöne Cover in feinem Prägedruck und festlich rot-weiß-goldenem Dekor ist ein Hingucker. Es stellt den weih­nacht­lichen Aspekt in den Vordergrund und cha­rakteri­siert bereits einige der Haupt­perso­nen mit ihren zugehörigen Attributen, während die beiden Pro­tagonis­ten im zentralen Bilder­rahmen durch einen romanti­schen Winter­wald geradewegs auf den erwar­tungs­frohen Betrachter zulaufen.


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