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Rezension zu »Angelica e le comete« von Fabio Stassi

Angelica e le comete

von


Belletristik · Sellerio · · Taschenbuch · 136 S. · ISBN 9788838936609
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Sizilien

Der Zauber der hölzernen Puppen

Rezension vom 22.06.2017 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Jeder, der Sizilien bereist, wird ihnen irgendwo in persona begegnen: als Restau­rant-Deko, im Museum, bei einem Trödler, besten­falls auf einer Bühne. Ihr Anblick verzau­bert, und staunend halten wir inne.

Die Rede ist von jenen bunt bemalten sizilianischen Marionetten, die, einen halben bis einen Meter groß, so ganz anders auf­treten als ihre Kollegen in unseren Breiten. Das sind keine lustigen Tol­patsche, betulichen Gendarme oder Stars der Kinder­literatur, sondern statt­liche Ritter in silber­nen Rüstun­gen mit feder­geschmück­ten Helmen. Sie tragen Schild und Schwert und schauen mit großen Augen teils streng, teils melan­cholisch drein. Ihre hohe Zeit, als sie mit kleinen Wander­bühnen über die Insel zogen, endete mit dem neun­zehn­ten Jahr­hundert, aber ihre Tradi­tion lebt bis heute.

Das stundenlange Spektakel, das die pupari Abend für Abend auf den Dorf­plätzen tempera­ment­voll veran­stalte­ten, war die volks­tüm­lich kon­den­sierte, viel­fältig variierte Version eines spät­mittel­alter­lichen literari­schen Meister­werks, Ariosts Vers­epos »Orlando furioso«. Es enthält alle Zutaten eines Straßen­fegers: Spannung, Tragik, Witz, Fantastik, Über­raschung, Sinn­lichkeit. Saraze­nische Heiden stürmen heran, Kaiser Karl der Große ruft seine Paladine zur Wehr, blutige Schlachten und erbitterte Duelle werden ausge­fochten, Unerhörtes muss geleistet werden, und es ist die Liebe, die für die größten Verwir­rungen sorgt. Um die Ordnung wieder­herzu­stellen, müssen die Helden Raum und Zeit über­winden, gar zum Mond fliegen.

Mit ihren Taten haften die klangvollen Namen der Protagonisten in sizilia­nischen Gedächt­nissen: Carlo Magno, die fremd­ländi­schen Könige Agramante, Rodomonte, Marsilio, die Ritter Orlando, Astolfo und Gano, der Zauberer Atlante mit seinem Fabel­wesen Hippo­gryph, halb Pferd, halb Greif, und schließ­lich Angelica, deren unver­gleich­liche exotische Schön­heit Orlando tat­säch­lich den gesamten Verstand raubt. Über Jahr­hun­derte haben die immer wieder aufs Neue belebten Episoden Wert­vorstel­lungen und Verhalten der Sizilianer beein­flusst, wie auch Kunst, Musik und Literatur. Auch Andrea Camilleris commissario Montalbano verliert zeit­weise den Verstand, als er einer hin­reißend schönen Bank­ange­stellten namens Angelica begegnet [› Rezension]..

Den Autor Fabio Stassi (mit sizilianischen Wurzeln) haben die Marionetten und der Orlando-Stoff­komplex seit frühen Jahren fasziniert, aber erst jetzt hat er – nach einigen Vor­stufen – die fertige Erzäh­lung vorgelegt. »Angelica e le comete« ist ein leises, liebens­wertes und intelli­gentes Spiel mit Magie und Realität, ein kleines litera­risches Schmuck­stück voller Zauber, Dramatik, Charme, sicilianità.

Das Kernmotiv von Stassis Geschichte ist, dass er seinen Mario­netten – ähnlich wie Collodi in seinen »Avven­ture di Pinocchio« [› Rezension] – ein Eigen­leben mit Sinnes­wahr­nehmun­gen, Emotionen und Kommuni­kation unter­einander zugesteht. Wenn man so einem sizilia­nischen Mario­netten­spekta­kel zuschaut, kann man ja tat­säch­lich den Eindruck gewinnen, dass die Puppen gelegent­lich über die Stränge schlagen und die Spieler alle Register und Schnüre ziehen müssen, um sie unter Kontrolle zu halten.

Wie um die magische Sphäre zwischen Mensch und Puppe in der Waage zu halten, schickt der Autor eine Figur gewisser­maßen auf den umge­kehrten Weg. Angelica ist eine junge Balle­rina, die sich, wegen ihrer Klein­wüchsig­keit in der bürger­lichen Welt ausge­grenzt, dem umher­reisen­den Mario­netten­theater ange­schlos­sen hat und dessen Haupt­attrak­tion geworden ist. Denn Cate, wie alle sie nennen, ist so klein, dass sie auf der Bühne mit den hölzer­nen Puppen auf­treten kann. Ihr tempe­rament­voller Tanz bringt das Publi­kum zum Rasen, und alle Mario­netten verfallen ihrer Schönheit – am innigsten Ardesio, der unschein­bare, wort- und status­lose Außen­seiter. Während die großen Puppen-Heroen ein­dimensio­nale Typen bleiben (selbst der »rasende Roland« ist nur eine Neben­figur), ent­wickelt sich Ardesio vom stummen Beob­achter zum beherzt Eingrei­fenden. Raubt die Liebe Orlando seinen Verstand, so erweckt sie Ardesios Bewusst­sein und erhebt ihn auf eine höhere Ebene.

Eine weitere reizvolle Zentralfigur ist der Theater­direktor Lo Spagnolo, ein grüble­risches, störri­sches Genie und schau­spiele­risches Natur­talent. Er spricht mehrere Sprachen, oft durch­einander, und obwohl er nicht lesen und schreiben kann, sind Bücher seine Leiden­schaft. Seine wunder­same synästhe­tische Begabung beschreibt Stassi so:

Dove chi sapeva leggere vedeva solo una sillaba, un verbo, una virgola, Lo Spagnolo immagi­nava tutta la storia che si voleva nomi­nare. Le parole avevano per lui la mobilità di una mario­netta, un’ossatura invisibile di legno e di fil di ferro, come se fossero sostenute anche loro da chiodi e cordicelle. C’erano parole che si potevano appendere a una bacchetta e altre che sembravano arabeschi su uno scudo, alcune lucide e altre da lucidare, parole di rame e di acciaio, di noce, di faggio, parole di stoffa e di piume verdi, parole a mezza­luna e a pinna di martello, parole dis­armate e parole per parare i colpi, per inginoc­chiarsi o per tremare di rabbia, parole di pelle d’asina e parole traforate, parole impazienti e parole nascoste dietro una visiera o chiuse in una con­chiglia, parole che si spacca­vano orizzon­tal­mente e lascia­vano uscire un liquido rosso … Ogni sera, Lo Spagnolo le tradu­ceva in azioni, in gesti, in volti, e non sbagliava mai.

So schmal Stassis Büchlein ist, so kunstvoll ist seine Struktur. Parallel zur Handlung auf der Bühne und zwischen den Mario­netten werden die Lebens­geschich­ten des Spagnolo und seines Helfers, des riesen­haften, groben Brucia­vento einge­floch­ten; wir erleben Neugier und Begeis­terung der Dorf­bewoh­ner, und wir lesen das Drama des Theaters selbst. All dies ist die auk­toriale Binnen­erzäh­lung, die, ganz nach klassischen Vor­bildern, von einer Rahmen­handlung eingefasst wird. Die gibt dem Stoff selbst eine Art fantas­tisch-magi­schen Eigen­lebens. Denn ein Ich-Erzähler namens Fabio Stassi, selbst Schrift­steller (wenn auch noch unsicher und uner­fahren), findet in einem Antiquariat ein ziemlich mitge­nomme­nes Bänd­chen mit dem Titel »Angelica e le comete«, geschrieben von einem gewissen Fabio Stassi. Der Ich-Erzähler hat jenes Büchlein seines Wissens nicht verfasst, wiewohl er sich schon an dem Stoff versucht und damit gar seinen weiteren schrift­stellerischen Werdegang verknüpft hat.

Der Schauplatz der Rahmenerzählung ist Rom, wo der ›echte‹ Fabio Stassi als Uni­versi­täts­biblio­thekar arbeitet, der der Binnen­erzählung das fiktive sizilia­nische Fischer­dorf Kalamet (»all’estremo occi­dentale dell’isola«) in der Endzeit des bour­boni­schen »König­reichs beider Sizilien«. »Mille scintille rosse, con un fucile in spalla« – Gari­baldis Freischärler ziehen schon über die Insel und werden Italiens Einheit er­kämpfen.

Fabio Stassi, geboren 1962, schreibt seine Bücher im Pendler­zug zwischen Rom und seinem Wohn­ort Viterbo. Er wurde bereits mit zahl­reichen Preisen geehrt, und sicher wird man noch viel von ihm hören. In seiner den Punkt treffen­den feinen Sprache, kompakt, litera­risch geschult und hoch evokativ, greift er gern alte Tradi­tionen auf und verleiht ihnen neues Leben.


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