Rezension zu »Das Karussell der Verwechslungen: Commissario Montalbano lässt sich nicht beirren.« von Andrea Camilleri

Das Karussell der Verwechslungen: Commissario Montalbano lässt sich nicht beirren.

von


Lauter Merkwürdigkeiten verstören Montalbano: Da entführt jemand eine Bankangestellte, lässt sie kurz darauf wieder laufen – und wiederholt das Spiel mit einer weiteren jungen Frau aus der Bank. Dann wird ein frisch verliebter Unternehmer vermisst. Aber einen Montalbano kann niemand täuschen, so raffiniert er seinen Plan auch einfädelt.
Kriminalroman · Teil der Serie »Il commissario Montalbano« · Bastei Lübbe · · 272 S. · ISBN 9783785727010
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Sizilien

Nichts ist so, wie es scheint

Rezension vom 13.03.2021 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Allzu leicht übersieht man hierzulande als Fan des commissario Salvo Montal­bano, dass Andrea Camilleri, sein Schöpfer, ihn erst ins Leben rief, als er schon fast siebzig Jahre alt war. Bis 2019, als der sizilia­nische Autor mit 94 Jahren starb, hatte er 28 Kriminal­romane und über siebzig Erzäh­lungen mit diesem Protago­nisten veröf­fentlicht, und weitere hält sein Haus­verlag Sellerio sicher noch in petto. (Auf meiner Seite finden Sie übrigens stets aktuali­sierte Über­sichten sämtlicher Montalbano-Romane, Erzählungen und Filme.) Dabei umfasst das Werk dieses hoch­produk­tiven Mannes, der die meiste Zeit seines Lebens als Schrift­steller, Jour­nalist, Regisseur und Hoch­schul­lehrer uner­müdlich gear­beitet und geforscht hat, weit mehr als diese inter­natio­nalen Best­seller. Seine breite litera­rische, geschicht­liche und mediale Bildung schlägt sich in seinen kaum zählbaren Büchern nieder, zumindest in Anspie­lungen, und eine ganze Reihe stellen histo­rische Ereig­nisse, uralte Tradi­tionen und Motive in den Mittel­punkt ihrer Handlung, etwa die Roman-Trilogie, die griechi­sche Natur­mythen in der Gegenwart aufleben lässt, oder die amüsanten histori­schen Romane, die einen ironi­schen Blick auf unschein­bare Begeben­heiten aus der sizilia­nischen Vergan­genheit werfen und Tief­gründiges darin offen­legen (etwa »Die Münze von Akragas«, »Die Revolution des Mondes«, »Die Sekte der Engel«). Selbst die Montal­bano-Figur ist eine litera­rische Reverenz an den spani­schen Schrift­steller Manuel Vázquez Montalbán und dessen Detektiv Pepe Carvalho.

Verglichen mit der gewaltigen Bandbreite an Sujets, die Camilleri in seinen ›freien‹ Romanen bear­beitet (neben den genannten auch Sozio­logie, Psycho­logie, Bio­grafien, Erotik), erscheint die Krimi­serie um Montal­bano thema­tisch eng. Sie lebt gleicher­maßen von der Persön­lichkeits­entwick­lung des allseits vertrau­ten Protago­nisten, von der Konstanz seines verläss­lichen Teams, vom unterhalt­samen Spiel mit siziliani­schen Charak­teren und Schau­plätzen wie von den Kriminal­fällen, die ihrer­seits die ganze Spann­weite zwischen Klein­krimina­lität, aus unter­schied­lichsten Nöten geboren, und Abgründen von Immora­lität, Menschen­verach­tung, Gier und Grausam­keit abdecken. Sensatio­nelle Novitäten waren in den letzten Jahren wohl nicht mehr zu erwarten. Statt­dessen begegnen uns immer wieder aufs Neue die Grund­phäno­mene italieni­scher und spezi­fisch sizilia­nischer Beschäfti­gungen abseits der Gesetze: die Mafia, Korrup­tion, Drogen­handel, Bau­skandale, Prosti­tution … Zeugt es nicht von Weisheit, dass Camilleri sich darauf be­schränkt, nur diesen regional defi­nierten Rahmen auszu­loten?

Originalausgabe:
»La giostra degli scambi«
(2015, Verlag Sellerio)
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»Das Karussell der Verwechslungen«, die neueste Variation über die Montal­bano-Themen (im Original 2015 erschie­nen und jetzt von Rita Seuss und Walter Kögler übersetzt), ist in diesem Umfeld ein kon­ventio­neller Krimi. Hier geht es um Männer und Frauen, um Liebe, Eifer­sucht, Besitz­streben, um einen Mord aus rein persön­lichen Gründen und die raffi­nierten Versuche des Täters, sein Ver­brechen zu ver­schleiern. Nach dem gesell­schafts­kriti­schen Rundum­schlag von »Das Bild der Pyramide« empfand ich diesen Krimi als wohltuend ent­spannend, zumal er auch unter­haltsam und abwechs­lungs­reich erzählt ist.

Das titelgebende Motiv der Vortäu­schungen und Vertau­schungen, der Verwechs­lungen und Wechsel­spiele wird am Anfang witzig und weidlich ausge­reizt, verflacht aber im weiteren Verlauf zur schlich­ten Erkennt­nis »Das Problem ist, dass Wahrheit nicht gleich Wahrheit ist«. Jeden­falls reicht die banale Tatsache, dass der Mörder die Öffent­lichkeit und die Polizei abzu­lenken, in die Irre zu führen sucht, nicht aus, um eine solch evokative Metapher als Leitmotiv des gesamten Romans tragen zu können.

Montalbano wird diesmal weder von einem Anruf Cata­rellas noch von einem Albtraum geweckt, sondern von einer lästigen Fliege. Der commis­sario urteilt hier gleich zum ersten Mal falsch, denn es stellt sich heraus, dass es zwei waren, die ihm auf der Nase herum getanzt waren. Am Strand erwartet ihn die nächste Täuschung: Da prügeln sich zwei Männer, er greift ein, um das vermeint­liche Opfer zu schützen – und gerät selbst mitten hinein in den chaoti­schen Wirbel aus Beißen, Schlagen, Treten, Schuld und Unschuld. Am Ende nimmt – Schande über Schande für einen italieni­schen Poli­zisten – eine Streife der stolzen Cara­binieri-Konkur­renz alle Betei­ligten fest. Derweil wird selbst Angelina, Salvos brave Haus­hälterin und Köchin, Opfer einer Täuschung: Im Haus am Strand von Marinella brät sie mit ihrer Pfanne einem vermeint­lichen Ein­brecher derart eins über, dass sich ihm noch lange der Kopf dreht. Dabei wollte der brave Mann doch nur den commis­sario sprechen, und die Tür stand offen. Das alles wirkt ein bisschen konstru­iert, aber Montal­bano ist vorge­warnt für das, was folgt: »Der Schein trügt.«

Dann wird es sozusagen ernst. Da entführt einer binnen weniger Tage drei junge Frauen – alle bei Banken ange­stellt –, aber nicht so richtig: Er tut ihnen nichts Schlimmes an und lässt sie gleich wieder frei. Was in aller Welt soll das? Als ein feiner Elektronik­laden ausbrennt, spitzt sich die Lage zu, und die Poli­zisten von Vigàta stehen vor einer Menge Rätsel. Wo steckt der Inhaber, Marcello Di Carlo? Hat ihn die Mafia aus dem Verkehr gezogen, weil er osten­tativ sein Schutz­geld nicht bezahlen will? Oder hat er sich in ein Liebes­nest zurück­gezogen, nachdem er sich soeben im Urlaub unsterb­lich verliebt hat? Oder ist er einfach nur vor seinen nicht wenigen Gläubi­gern abgehauen? Schließ­lich geht auch sein teures Auto in Flammen auf, und man entdeckt ein blut­besudel­tes »Zimmer des Todes«, wo sich eine schauder­hafte Mordtat abge­spielt haben muss.

Die Aufdeckung der komplizierten Abläufe, denen ein schlich­tes Motiv zugrunde liegt, vollzieht sich wie üblich im Verlauf zahl­reicher scharf­sinniger Gesprächs­runden zwischen dem Chef Montal­bano und seinen Mitar­beitern Fazio und Mimì Augello, aber wir dürfen mit den Poli­zisten auch reizvoll erzählte Ausflüge in die Umgebung unter­nehmen, so dass sich dieser Roman wieder wesent­lich abwechs­lungs­reicher liest als »Das Bild der Pyramide«. Dazu trägt wie üblich der Schlag­abtausch witziger Bemer­kungen bei, beispiels­weise vom notorisch grantigen Rechts­mediziner dottor Pasquano: »Der Commis­sario wollte Platz nehmen, aber Pasquano schüt­telte den Kopf. ›Nein, bleiben Sie stehen, dann sind wir schneller fertig und Sie gehen mir nicht so lange auf die Eier.‹«


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