Rezension zu »Der Morgen, an dem mein Vater aufstand und verschwand« von Nadia Terranova

Der Morgen, an dem mein Vater aufstand und verschwand

von


Dass ihr Vater Selbstmord beging, als sie dreizehn war, belastet das Leben der Ich-Erzählerin und ihrer Mutter.
Belletristik · Aufbau · · 256 S. · ISBN 9783351034849
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Sizilien

Das Leid der Zurückgelassenen

Rezension vom 30.11.2020 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Schwere Depressionen bringen schwer zu ertragendes Leid. Immer mehr Menschen erkranken daran, verfangen sich immer stärker in irratio­nalen Sorgen, Ängsten, Schmerzen, die sie wie in einem Sumpf ohne Boden tiefer hinab­ziehen. Mit all dem müssen sie sich in zuneh­mender Isolation aus­einander­setzen, denn ihre Not ist für viele Mit­menschen kaum nach­zuvoll­ziehen. Aus der Vielzahl in Frage kommender Medika­mente das eine zu ermitteln, das im indivi­duellen Fall helfen könnte, kommt einem Ratespiel mit schmerz­vollen Irrwegen gleich, und ist es gefunden, sind Therapien immer noch lang­wierig. Im Laufe der Monate und Jahre zermürbt die Krankheit Vertrauens­verhält­nisse, zerbricht Bezie­hungen, zerstört Familien.

Originalausgabe:
»Addio Fantasmi«
(2018, Verlag Einaudi)
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In welchem Ausmaß auch Angehörige und Nahe­stehende von der heimtücki­schen Krankheit in Mitleiden­schaft gezogen werden, davon erzählt die italie­nische Autorin Nadia Terranova, 1978 in Messina geboren, in ihrem melan­choli­schen Debüt­roman »Addio Fantasmi«, den Esther Hansen ins Deutsche übersetzt hat. Es geht darin um die Familie Laquidara aus Messina. Sebas­tiano, der Familien­vater, hat Jahre der Krankheit, der Nieder­geschlagen­heit, der erzwun­genen Untätig­keit durch­litten, bis er sich eines Tages gänzlich uner­wartet aus seinem Bett, dem dunklen Rück­zugsort, wo er sich sicher gefühlt hatte, erhob, aus dem Haus ging und für immer ver­schwand. Nie hat man ihn gefunden, nie begraben können. Doch nicht der Erkrankte, nicht sein Leiden und nicht das Geheimnis um sein Ende stehen im Mittel­punkt, sondern die direkten Ange­hörigen, seine Ehefrau und Ida, ihr einziges Kind. Dreizehn Jahre war sie, die Ich-Erzäh­lerin, alt, als Sebas­tiano sie und ihre Mutter verließ und dadurch Traumata auslöste, die beide nie über­winden konnten.

Die Vorgänge, die ihre schwere Last bewirkten, sind dem Mädchen nie erklärt worden. Warum hat sich ihr Vater mehr und mehr von einem aktiven Leben in die Isolation zurück­gezogen, warum seinen rätsel­haften letzten Weg beschrit­ten? Hätte ihre Mutter sich stärker bemühen müssen, um ihn zu retten? Wo hat Ida selber versagt? Zwischen Hass auf die Mutter und Selbst­vorwürfen zerreibt sich das Mädchen, während es Spuren in der Vergan­genheit auszu­machen versucht.

Sebastiano Laquidara unterrichtete Latein und Griechisch an einer Privat­schule, Mutter hatte eine Stelle im Heimat­museum. Mit Beginn der Erkran­kung lehnte er sich gegen die heran­schlei­chende Bedrohung auf, erlernte weitere Sprachen, interes­sierte sich für neue Wissen­schafts­bereiche, »las Bücher, um den Klang seines Unglücks zu übertönen, bis ihm offenbar auch diese Anstren­gung uner­träglich wurde«. Es war haupt­sächlich Ida, die sich während dieser Zeit um den Vater kümmerte, ihm die Mahl­zeiten ans Bett brachte. Wie er sich abschot­tete, für immer weniger zugäng­lich wurde, damit musste sie alleine fertig werden, denn niemand, auch nicht ihre einzige Freundin Sara, sollte etwas von den häus­lichen Problemen erfahren.

Die zentrale Handlung setzt 23 Jahre nach des Vaters Verschwinden ein. Ida, jetzt 36 Jahre alt, hat sich ein Leben außerhalb Siziliens aufgebaut. Sie schreibt Geschich­ten für einen Radio­sender in Rom, wo sie mit Pietro, ihrem einfühl­samen, verständ­nisvollen Ehemann zusam­menlebt. Wie bereits bei Sara, die sich damals aus eigenem Antrieb für den leeren Sitzplatz neben dem isolier­ten Mädchen entschied und dafür Idas Freund­schaft erhielt, gründeten all ihre Bezie­hungen »auf Dank­barkeit dafür, dass jemand meine Abgründe erahnte«.

Nun reißt ein Anruf der Mutter alte Wunden auf. Sie will sich von dem Haus in Messina trennen und es dazu in Schuss bringen. Ida möge umgehend anreisen und ihre persön­lichen Dinge ausräumen. In der Nacht vor ihrer Abreise quält Ida ein Albtraum: Sie sieht sich langsam im Meer ertrinken. Damit tritt erneut das Motiv des Wassers auf, das in verschie­denen Formen wieder­kehrt und auf den Selbst­mord des Vaters, der wohl »ins Wasser zurück­gekehrt war«, verweist.

Zurück im elterlichen Haus drängt sich machtvoll die Vergan­genheit auf. Im unver­ändert belas­senen Kinder­zimmer erinnert sich Ida auch an Schönes, wie »die Ge­schichte des Weiden­korbes, in dem meine Eltern mich als Säugling aus dem Kranken­haus nach Hause getragen hatten«, aber ihre Traumata gewinnen die Oberhand. Ida hat das Gefühl, im eigenen Bett zu ersticken, an dem »Staub«, den »Milben«, dem »Asthma«, der »Angst«, »einge­zwängt in der Fins­ternis zwischen den Puppen ihrer Kindheit«, »festge­kettet an den Dingen, die wir nicht fort­warfen. Wir bewahrten alles auf, nicht um der Vergan­genheit zu gedenken, sondern um die Zukunft gnädig zu stimmen«. In feinen, präzisen Beschrei­bungen arbeitet Nadia Terranova die Emotionen ihrer Protago­nistin heraus, deren Vater sie verließ und der sie doch in allen Sphären »tyranni­siert«. »Wenn wir ihn gerade zu vergessen suchten, sprang er uns aus dem Kühl­schrank an, aus der Schublade mit den abgelau­fenen Medika­menten, setzte sich vor uns an den gedeckten Tisch. […] Mein Vater wachte über das Haus wie ein Aufseher«.

Idas Verhältnis zu ihrer Mutter ist komplex und schwer belastet. Sie hält sie für gefühls­kalt, glaubte sich nie von ihr geliebt und trägt bis in die Gegenwart Wut auf sie im Herzen. Die inzwi­schen bald siebzig­jährige Mutter fühlt sich ihrer­seits zutiefst unver­standen. Sie ist überzeugt, damals ihr Bestes gegeben zu haben, um die Familie als Allein­verdie­nerin unter schwie­rigen Umständen durchzu­bringen. Dabei war sie als Ehefrau und Mutter sterbens­unglück­lich (»Dein Vater hat mich ruiniert.«). In einer vergif­teten Aus­einander­setzung der beiden Frauen wirft sie Ida ihre Kinder­losig­keit und blanken Egoismus vor, aber die Entgeg­nungen der Tochter erträgt sie nicht. Auch Ida hat ja die vergan­genen Jahre nie nutzen können, um ihre Erleb­nisse zu verar­beiten. Statt­dessen entwi­ckelte sie Fantasien, die sie mehr und mehr herunter­ziehen. Sie fürchtet, selber die schreck­liche Krankheit in sich zu tragen. Sie begegnet dem verschwun­denen Vater in ihrer eigenen Gedanken­welt.

All diese schmerzhaften Entwicklungen und zerstöreri­schen Gespräche, insbeson­dere die diffizile, viel­schichtig gebro­chene Mutter-Tochter-Konstel­lation seziert die Erzäh­lerin scho­nungslos und tiefgrei­fend. »Es heißt, eine Mutter gibt alles und verlangt nichts. Und niemand sagt dir, dass sie in Wirk­lichkeit alles von dir verlangt und dir das gibt, worum du nicht gebeten hast. […] Ich war die Ziel­scheibe ihrer Wut, aber nicht die Ursache, weshalb meine Versuche, sie zu besänf­tigen, immer ins Leere laufen mussten.« Auffällig die Gewalt­metapho­rik: »Kriegslist«, »eine Gruppe Über­lebender der jeweils eigenen Schlacht«.

Nadia Terranova überzeugt besonders in kommuni­kativen Konflikt­situatio­nen, wenn Erlebtes vor verschie­denen Hinter­gründen aus unter­schied­licher Perspek­tive konfron­tativ verar­beitet wird. So wird deutlich und nachvoll­ziehbar, dass Ida mit ihrer Mutter kaum Frieden schließen kann, weil der Weg zwischen ihnen von den Trümmern ihrer verletz­ten Emotionen und miss­glückten Erfah­rungen verstellt ist. Es ist zu spät, um seit Jahr­zehnten Totge­schwie­genes freizu­legen, Unausge­sproche­nes zu offen­baren, Unver­stan­denes zu klären, Erlit­tenes zu heilen. Gerade »um unsere Ehen spannte sich ein beson­nenes, bilate­rales Gesetz des Schwei­gens«. Jetzt bricht alles hervor wie aus einem Vulkan.

Ähnlich einer Psychoanalytikerin hat Nadia Terranova Idas vermeint­lich ausweg­lose, schuld- und schmerz­behaf­tete Lebens­situation in deut­licher, bild­hafter Sprache erfasst. Wenn die Protago­nistin ihren wenigen schönen Erinne­rungen nachgeht, schaffen bisweilen poetische Passagen Erleich­terung in einem insgesamt sehr ernsten Roman. Er war 2019 unter den Fina­listen des Premio Strega, des wich­tigsten italieni­schen Literatur­preises.


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