Rezension zu »Der Hirtenjunge« von Andrea Camilleri

Der Hirtenjunge

von


Belletristik · Kindler · · 208 S. · ISBN 9783463406053
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Sizilien

Von der Natur der Dinge

Rezension vom 18.01.2013 · noch unbewertet mit 1 Kommentaren

Dies ist der letzte Teil einer Roman-Trilogie, in der Andrea Camilleri den mythologischen Wurzeln seiner sizilianischen Heimat nachspürt. Wie nicht anders zu erwarten, tut er das nicht einfach historisierend, schon gleich nicht verklärend, sondern er bindet die wunderbar phantasievollen erzählerischen Elemente aus der griechischen Antike auf intelligente Weise in die realen politisch-sozialen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts ein.

Die Not treibt die verarmten Landbewohner dazu, ihre eigenen Kinder als billige Arbeitskräfte zu verkaufen; die Arbeitsbedingungen schreien zum Himmel, vor allem in den Schwefelgruben. Diesem kapitalistischen Albtraum setzt Camilleri eine Art "pastorale" Alternative entgegen, die man vielleicht als rückwärtsgewandt missdeuten könnte, die aber ganz gewiss nicht platt idyllisiert.

Der vierzehnjährige Giurlà entgeht dank des Wagemutes seines Vaters der Schinderei im Bergwerk, muss aber doch seine Heimat, das Meer, und sein eigentliches Wesen aufgeben. Die Weide in den Bergen, wo er Zuflucht findet und Ziegen hütet, ist ebenfalls ein harter Ort. Aber mit der Zeit fühlt sich Giurlà ein; Lucrez und alte Gesänge eröffnen ihm den Zugang zu einer archaischen Naturauffassung, die uns befremdet und verzaubert. Mehr dazu lesen Sie in meiner ausführlichen Rezension zur italienischen Originalausgabe (Andrea Camilleri: 'Il sonaglio') .

Wie die anderen bei Kindler verlegten Bücher Camilleris hat auch dieses Moshe Kahn übersetzt. Sein Stil ist gepflegtes Hochdeutsch; das derbe Sizilianisch des Originals geht dadurch völlig verloren - und mit ihm auch ein wesentlicher Teil der rustikalen Atmosphäre. Nun kann man einen Dialekt natürlich weder übersetzen noch durch einen deutschen ersetzen. Andere Camilleri-Übersetzer versuchen den Verlust zu mindern, indem sie ursprüngliche Vokabeln oder Phrasen (ergänzt durch deutsche Entsprechungen) beibehalten, so dass das Flair, der Ton, die ländliche Stimmung ein wenig spürbar bleibt, auch wenn man nur wenig Italienisch kann.

Vielleicht die härteste Nuss sind die volkstümlichen Redensarten, meist gereimte Zweizeiler, mit denen eine der Frauen auf hintersinnige, witzige Weise über Liebesbeziehungen philosophiert. So etwas angemessen in eine andere Sprache zu übertragen ist unmöglich - entweder übersetzt man wörtlich, bleibt nahe an der ursprünglichen Bedeutung und dem "Tonfall", verzichtet dann aber auf die kompakte, gereimte Form - oder man erhält die Sentenzform und muss dann Kompromisse bei der Wortwahl machen. Kahn entschied sich für den letzteren Weg, wie dieses Beispiel zeigt:

Meglio acchiappari un toru a jornata / Che starisinni sula e dispirata. (Sellerio-Ausgabe S. 59)
wörtlich: Besser täglich einen Stier bei den Hörnern packen [oder einfangen] als allein und verzweifelt sein.
Kahn: Besser täglich einen Stier zum Scherzen / Als allein und bitterkalt im Herzen. (Kindler-Ausgabe S. 59)

Übersetzen ist immer ein höchst heikler Kurs zwischen Skylla und Charybdis, und einen "richtigen" gibt es nicht. Moshe Kahns Übersetzung überzeugt durchaus in vielerlei Hinsicht; ich persönlich mag es aber gern etwas näher am Original.

Wie auch immer: Mit "Der Hirtenjunge" liegt die komplette Trilogie jetzt erfreulicherweise auch auf Deutsch vor. Kurz nach der Veröffentlichung dieses dritten Bandes ("Il sonaglio") sagte der Autor in einem Interview mit der Turiner Tageszeitung "La Stampa" (3.4.2009): "Il meglio di me risiede in questa trilogia fantastica." ("In dieser phantastischen Trilogie ruht mein Bestes."). In einem kurzen Nachsatz am Ende von "Der Hirtenjunge" schreibt er nun - bescheiden? resignativ? - über seine Trilogie: "Es sind drei Geschichten, die drei mehr oder weniger gelungene Metamorphosen erzählen. In der Antike ließen sich Metamorphosen leichter erzählen und auch leichter durchführen."

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Kommentare

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Zu »Der Hirtenjunge« von Andrea Camilleri wurden 1 Kommentare verfasst:

I.N. schrieb am 22.06.2013:

Mich hat dieses Buch eher enttuscht - es hlt nicht, was im Klappentext versprochen wird. Die Beschreibung der Beziehung des Hirtenjungen zu einer Ziege hat mich eher befremdet, um nicht gar zu sagen, abgestoen. Ich wrde dieses Buch jedenfalls nicht mehr kaufen. Schade, habe Camilleri bisher immer gerne gelesen...

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