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Rezension zu »La rete di protezione« von Andrea Camilleri

La rete di protezione

von


Kriminalroman · Teil der Serie »Il commissario Montalbano« · Sellerio · · Taschenbuch · 291 S. · ISBN 9788838936555
Sprache: it · Herkunft: it

Lob der Besonnenheit

Rezension vom 08.07.2017 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Vier Schwerpunkte hat dieser Montalbano-Krimi, und jeder trägt zum Gelingen des Ganzen sein Quantum an Spannung, kluger Unter­haltung und Nach­denk­lich­keit bei.

Als erstes lockt der Autor mit einer nostalgischen Vor­stel­lung: Wie mag das Leben in Vigàta vor sechzig Jahren ausge­sehen haben? Den Anlass liefert ein italie­nisch-schwedi­sches Team, das in der Stadt einfällt, um einen Film zu drehen, der in den Fünf­ziger­jahren spielt. Man will die Drehorte realis­tisch aus­sehen lassen und ruft dazu die Ein­wohner auf, alte Schmal­filme als Vorlagen einzu­reichen. Doch was entsteht, ist eine Art Themen­park, dessen Unauf­richtig­keit Montal­bano ärgert. Die meisten vigatesi sind freilich hoch­motiviert: Sie kramen auf den Dach­böden, belagern die Dreh­arbeiten, und der Anblick der schwedi­schen Schau­spiele­rinnen bringt manche Ehe aus dem Gleich­gewicht.

Aus diesem Hintergrund entspringt der zweite Schwer­punkt. Dem Pensio­när Ernesto Saba­tello fielen beim Stöbern sechs Filmchen in die Hände, die sein Vater zwischen 1958 und 1963 gedreht hatte. Alle sechs zeigen nichts als ein paar Steine einer Mauer, den identi­schen, starren Ausschnitt, und alle sechs wurden jeweils am 27. März um 10 Uhr 25 aufge­nommen. In seiner Rat­losig­keit, was es damit auf sich habe, bittet Saba­tello den commis­sario, sich der Sache privat anzu­nehmen. Montal­bano packt der Forscher­ehrgeiz, und er verbeißt sich in die myste­riöse Familien­geschichte.

Solange in Vigàta der Film gedreht wird, scheinen selbst die Klein­krimi­nellen ihre Tätig­keit ruhen zu lassen, so dass Salvo Montal­bano für ein paar Tage nach Bocca­dasse fliegt, um Livia zu besuchen. Die schwierige Beziehung zwischen den beiden Lang­zeit­ver­lobten ist ein weite­rer Schwer­punkt und roter Faden des Romans. Man gewinnt den Ein­druck, dass beide ihr eigen­ständiges Leben längst höher schätzen als das Beisam­mensein. Vor allem Salvo zieht seine beruf­lichen Heraus­forde­rungen und privaten Alltags­routinen der stets brenzligen Zweisam­keit mit Livia vor. Schon die Telefo­nate sind Minen­felder. Ein falscher Ton kann die erstrebte harmo­nische Stim­mung abstür­zen, Vorwürfe eska­lieren lassen. Seit dem Tod des gemein­samen Pflege­sohnes François (einge­führt in »Il ladro di meren­dine | Der Dieb der süßen Dinge«, ums Leben gekom­men in »Una lama di luce | Die Spur des Lichts«) hat Livia ihre Zuwen­dung ganz auf ihre Hündin Selene fixiert, die den Tages­ablauf auch während Salvos Besuch dominiert.

In der Mitte des Buches setzt der zweite Fall ein – der letzte Schwer­punkt. Sogar das Tele­giornale berichtet, was in Vigàta geschah: Zwei Bewaff­nete mit Anony­mous-Masken drangen in eine Schule ein, nahmen eine Klasse in Geisel­haft, drohten Kindern und dem Lehrer, feuerten Warn­schüsse ab. Dass es kein Blut­ver­gießen gab, ist Montal­banos Vize Mimì Augello zu ver­danken, der zufällig zugegen war. Schließ­lich flüch­teten die Täter ohne weitere Forde­rungen.

Betrifft der erste Fall eine Privatangelegenheit in weiter Vergangenheit, berührt der zweite Tendenzen und Ängste unserer Tage. War das ein Anschlag mit terroris­tischem oder aktionis­tischem Hinter­grund? Spezial­ein­heiten der Polizei, hohe Beamte, Politik und Medien mischen mit und beäugen die Methoden des Provinz-commis­sario mit Skepsis. Doch gerade die hand­werk­lich solide, um­sichtige Auf­klärungs­arbeit seines Teams führt zum Ziel, während Aufsehen erregen­den Schnell­schüssen die Luft ausgeht.

Beide Fälle treten (gemäß bewährter Strategie) mit einem markanten Vorfall in Montal­banos Agenda und verkom­plizieren, verästeln, ver­rätseln sich dann von Seite zu Seite, was das Mit­raten zum anspruchs­vollen Ver­gnügen macht. Wir verfolgen die Aktivi­täten in einer linearen Erzäh­lung in der 3. Person aus der Perspek­tive des Prota­gonisten und erhalten so häufig Einblick in seine Gedanken­welt. Wie er mit Mitarbei­tern, Zeugen, Verdäch­tigen und Vorge­setzten spricht, charak­terisiert ihn als scharfen Analy­tiker und intelli­genten Strate­gen, als Ehren­mann und Mora­listen, aber auch, wenn ange­bracht, als raffi­nierten Strippen­zieher (der auch Livia etwas vormacht). Wenn er übers Ziel hinaus­schießt, ihm seine Impul­sivität in die Quere kommt, er seine eigenen Grund­sätze verletzt, erschrickt er über sich selbst.

Auf wohltuende Weise setzen sich Montalbano-Krimis ab vom heut­zutage gängigen Noir-Genre mit seinen kaputten Helden und Milieus. Auch Camil­leris Figuren haben ihre dunklen Seiten, aber nur Politiker, Bosse und Mafiosi haben sich der Mensch­lich­keit ent­fremdet und sind in hoff­nungs­lose Abgründe der Gier und Gewalt entglitten. In seinen Protago­nisten und Neben­figuren aus dem Volke aber propa­giert der weltkluge Autor traditio­nelle christ­liche und humani­täre Werte für ein fried­liches, gedeih­liches Mit­einan­der, die aus der Mode zu geraten scheinen: Pflicht­bewusst­sein, Zuver­lässig­keit, Takt, Respekt, Auf­richtig­keit, Vor- und Rück­sicht, Mitge­fühl. Der bedäch­tige, un­präten­tiöse Stil passt dazu ebenso gut wie die sorg­fältig ausge­zir­kelte Struktur ohne Volten, cliff­hanger und mani­pulative Tricks. Die Titel­meta­pher eines schüt­zenden Sicher­heits­netzes etwa betrifft etliche Gescheh­nisse der vier Hand­lungs­stränge, wird inter­pretiert, ausge­weitet, aber nicht zu Tode geritten.

Weil Salvo Montalbano ein Wert­konser­vativer im besten Sinne ist, stimmt ihn Umwelt­ver­schmut­zung melan­cholisch, treibt ihn hohle Amts­arroganz auf die Palme, machen ihn Enzos und Adelinas frische Gerichte glück­lich, verachtet er die affek­tierte Wichtig­tuerei des Film­teams. (Seine Aus­lassun­gen über das bei einem Empfang kredenzte »finghir­fud« triefen vor Sarkas­mus.) Mit seiner Aversion gegenüber allem Modi­schen (wenn nicht allem Moder­nen) kokettiert er schon lange, von Computer und Internet hält er sich osten­tativ fern.

Die Ermittlungen im Schul-Fall jedoch motivieren ihn, sich auf die aktuells­ten dieser Ten­denzen einzu­lassen. Denn in der über­falle­nen Klasse gab es übles Mobbing, und Mimì Augellos Sohn Sal­vuccio, Montal­banos Paten­kind, weiß darüber gut Bescheid. Unter seiner (und Cata­rellas) Anlei­tung erlebt der commis­sario, wie Dreizehn­jährige mit Geräten, Portalen und Apps ihr Leben gestalten und gestalten lassen. Montal­banos (bzw. Camil­leris) prägnante, distan­zierte Kom­men­tare dazu stimmen nach­denk­lich. Sie ergehen sich nicht in Kultur­pessimis­mus, verklären nichts und verur­teilen nichts, identi­fizieren aber Verluste und Gewinne, Gefahren und Leis­tun­gen.

Während Catarella dank der üblichen Wort­verdre­hun­gen, Tür-Tolpat­schig­keiten und über­drehter Senti­menta­lität leider fast zur Witz­figur ver­kommt – allein seine Computer­kompetenz bewahrt ihn davor –, lässt Mimì Augello einmal etwas mehr Tiefe erkennen. Plantscht er bei der Betreu­ung der Schwe­d(inn)en noch in seinem liebsten Element, stürzt ihn der bewaff­nete Überfall im Beisein seines Sohnes in einen ernsten Konflikt. Den helden­haften Be­freiungs­schlag, den der Junge erhofft, kann er nicht verant­worten; doch indem er eine beson­nene, deeskalie­rende Strategie wählt, muss er nicht nur seine eigene ernied­rigende Hilf­losig­keit im Angesicht der Aggres­sion, sondern auch Salvuc­cios Tränen der Scham und Ent­täu­schung ertragen.

Lesegenuss speist sich bei Camilleri nicht nur aus der intellek­tuellen Spannung, wie sich wohl all die aufge­schla­genen Rätsel lösen werden, sondern mindes­tens ebenso sehr aus den vielen leisen Rand­bemer­kungen, literari­schen Anspie­lungen, originel­len Formu­lierungen, dem fein­sinni­gen Humor – und dem etwas kauzigen ›Sizilia­nisch‹, das der Autor sowohl dem Erzähler als auch den meisten Figuren in den Mund legt. Um es zu goutieren, sollte man robuste Italienisch­kennt­nisse sowie Fantasie mitbringen, um im Druckbild der Aus­sprache- und Grammatik­varianten Vertrautes auszu­machen; nach ein paar Seiten hat man sich eingelebt. Ein hilf­reiches vocabo­lario finden Sie hier.

Camilleri, inzwischen 92, hat diesen 25. Band der Reihe [› Übersicht] 2015 konzi­piert und jetzt wegen fort­geschrit­tener Erblin­dung seiner Assis­tentin diktiert. Wie viele seiner Vorgänger ist auch dieses Spät­werk ein nach­denklich stim­men­des Buch, ein wenig aus der Zeit gefallen und dennoch mitten im Heute gelandet.


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